Heft 2 - 1999 Suizidalität

01 Thomas Bronisch, K.D. Sulz 

Editorial - Menetekel Siuzid
 

STRUKTURIERUNG IN DER BALINTGRUPPEN-ARBEIT 
 
 
Zur Bedeutung von Suizidalität
 
 
ERKENNEN DER SUIZIDALITÄT
 
 
Krisenintervention bei Suizidalität im ambulanten und stationären psychiatrisch-psychotherapeutischen Bereich
 
 
Wissenschaftstheoretische und psychoanalytische Aspekte zur weiblichen Suizidalität 
 
 
DER UMGANG MIT SUIZIDALEN KINDERN UND JUGENDLICHEN
 
 
CHRONISCHE SUIZIDALITÄT FUNKTION UND GEGENÜBERTRAGUNG
 
 
Lithiumprophylaxe und suizidales Verhalten
 
 
Rechtsprobleme der Behandlung suizidaler Patienten
 
 
Suizidprävention durch Beeinflussung von Medienberichten
 
 
Selbstmord im frühneuzeitlichen Deutschland: Klischee und Geschichte
 
 
Hatten antike Selbstmörder eine Psyche?
 
14 Rudolf Klußmann
 
Psychotherapie-Repetitorium: Tiefenpsychologie: Triebpsychologie, Strukturmodell
 
15 Dieter Best
 
Buchrezension: Hans Lieb: "Persönlichkeitsstörung" - Zur Kritik eines widersinnigen Konzeptes 
 

 
 

Ernst Holzbach
 
STRUKTURIERUNG IN DER BALINTGRUPPEN-ARBEIT 

Zusammenfassung:
Veränderungen bezüglich Teilnehmer-Zusammensetzung und bezüglich Erfordernissen in Weiterbildungskreisen lassen eine stärkere Strukturierung in Balintgruppen erforderlich werden. Nach Darstellung verschiedener Themenkreise der Balintgruppen-Arbeit - Gruppenbildung, Bericht des Vortragenden, Schutz des Referenten, Gruppendiskussionen, Leiterverhalten und Deutungsarbeit - wird eine Strukturierung der Gruppensitzung aufgezeigt, die Balintgruppen-Arbeit bündelt und fokussiert, so daß neuen Anforderungen an die Balintgruppen-Arbeit besser begegnet werden kann ohne die bekannten Konzepte zu verlassen
 
Schlüsselwörter: 
Balintgruppe - Methodik - Literatur
 
Summary
Because of changes in the formation of the members and because of the requirements in the circles of advanced training a more powerful structuralisation in the Balint-groups seems to be necessary. After the presentation of different groups of themes of the work in Balint-groups - formation of groups, report of the speaker, the protection of the referee, the discussions of the groups, the attitude of the leader and the work of interpretation - a structure of the session is shown, which bundles up and focusses the work of the Balint-groups so that the new demands on the work of Balint-groups canbetter be responded without leaving the known drafts.
 
Keywords 
Balintgroups - Methodology - Literature
 
 
Thomas Bronisch
 
Zur Bedeutung von Suizidalität

Zusammenfassung:
Der Suizid findet sich schon bei Steinzeitmenschen. Eine deutliche Zunahme von Suiziden zeigt sich in europäischen Ländern im Laufe des 19. Jahrhunderts durch den Einfluß von Säkularisierung, Industrialisierung, und damit verbunden der Individualisierung in den betreffenden Gesellschaften. Suizide gehören zu den häufigsten Todesursachen in westlichen Gesellschaften. Die Suizidrate übersteigt die Rate an tödlichen Verkehrsunfällen. Suizidraten weisen in den einzelnen Gesellschaften eine erstaunliche Konstanz über Jahrzehnte und Jahrhunderte auf, dennoch können politisch-gesellschaftliche Ereignisse, wie Kriege oder z.B. die Öffnung des Eisernen Vorhanges in Osteuropa zu einer deutlichen Veränderung der Suizidraten führen. Im Alter findet sich die höchste Rate an Suiziden, im jugendlichen Alter die höchste Rate an Suizidversuchen. Geschlechterdifferenzen sind ausgeprägt mit einem Überwiegen des männlichen Geschlechtes bei Suiziden und einem Überwiegen des weiblichen Geschlechtes bei Suizidversuchen.
 
Schlüsselwörter
Suizid - Suizidversuch - Epidemiologie
 
Summary
Suicide has already been found in neolithic societies. A conspicuous increase in suicide rates is demonstrated in European countries during the 19th century under the influence of secularization, industrialization and therefore individualization of the respective societies. Suicide belongs to the most frequent causes of death in western societies. The suicide rate is higher than that of fatal car accidents. Suicide rates show an astonishing stability over decades and centuries. However, the rates can change by political-social events such as wars or e.g. the opening of the iron curtain in Eastern Europe. The highest rate of suicides is found in older age, the highest rate of suicide attempts in younger age. There exist distinct sex differences with a preponderance of males in suicides and a preponderance of females in suicde attempts.
 
Keywords 
Suicide - suicide attempts - epidemiology
 
 
Thomas Bronisch
 
ERKENNEN DER SUIZIDALITÄT

Zusammenfassung:
Erkennen von Suizidalität und Abschätzen akuter Suizidalität setzen eine Ausbildung in psychiatrischer Exploration und Diagnostik, aber auch die Fähigkeit, sich in die Psychodynamik und Lerngeschichte des suizidalen Patienten einfühlen zu können sowie Selbsterfahrung voraus. Erkennen von Suizidalität verlangt eine psychiatrische Anamnese, eine psychopathologische Befunderhebung mit dem Schwerpunkt auf der Erfassung depressiver Syndrome und evtl. früherer Suizidversuche, die Analyse der aktuellen Lebenssituation und der Motive für suizidales Verhalten. Die Einschätzung der akuten Suizidalität nach einem Suizidversuch hängt wesentlich von der Suizidmethode und dem Arrangement sowie der Einstellung des Patienten zu seinem Suizidversuch ab. Schließlich sind die derzeitigen Lebensumstände des Betroffenen und ihre Veränderbarkeit zu berücksichtigen.
 
Schlüsselwörter
Suizidalität - Erkennen - Abschätzen
 
Summary
Recognition and assessment of acute suicidality have as prerequistes an education in psychiatric exploration and diagnostic assessment as well as an ability of empathy in psychodynamics and history of behavior as well as selfexperience.
Recognition of suicidality needs a psychiatric anamnesis, a psychopathological check-up with emphasis on depressive symptomatology and former suicide attempts, the analysis of the actual life circumstances and motives for suicidal behavior. The assessment of acute suicidality after a suicide attempt is primarily dependent on the suicide method, the arrangement of the suicide attempt as well as the stance of the patient on the suicide attempt. Finally, the present life circumstances of the respondents and their changeability have to be taken in account.
 
Keywords 
Suicidality - recognition - assessment
 
Manfred Wolfersdorf, C. Mauerer, C. Franke, M. Schiller, F. König
 
Krisenintervention bei Suizidalität im ambulanten und stationären psychiatrisch-psychotherapeutischen Bereich

Zusammenfassung:
Geschildert werden, nach einer kurzen Diskussion der Abgrenzung Notfallpsychiatrie/Krisenintervention bei Suizidalität, die Grundzüge von notfallpsychiatrischer Suizidprävention im ambulanten und stationären psychiatrisch-psychotherapeutischen Bereich. Dabei wird auch auf Kurzpsychotherapie in suizidalen Krisen sowie auf Suizidprävention in den psychiatrischen Krankenhäusern eingegangen.
 
Schlüsselwörter
Notfallpsychiatrie – Krisenintervention bei Suizidalität –psychiatrisches Krankenhaus
 
Summary
After a short discussion of the differences between emergency psychiatry and crisis intervention in suicidal patients, we summarize the basic topics of suicide prevention in out- and in-patient settings. Afterwards short-term psychotherapy in suicidal crisis as well as suicide prevention in psychiatric hospitals will be described.
 
Keywords 
emergency psychiatry – crisis intervention – suicide prevention – psychiatric out- and inpatient settings
 
Benigna Gerisch
 
Wissenschaftstheoretische und psychoanalytische Aspekte zur weiblichen Suizidalität 

Zusammenfassung:
Ausgangspunkt ist die mehrjährige psychotherapeutische Arbeit mit einer suizidalen Klientel und die Beobachtung, daß Frauen zwar doppelt so häufig Suizidversuche wie Männer unternehmen, aber das Thema der weiblichen Suizidalität in kaum einer der suizidologischen Untersuchungen einer eigenständigen Betrachtung unterzogen wird. Es zeigt sich vielmehr, daß die vermeintlich objektiven Fakten zum geschlechtsspezifischen Suizidverhalten eine Reproduktion von Geschlechtsrollenstereotypen sind, mit denen lediglich die Mythen über die Differenz der Geschlechter im Gewand einer Theoriebildung fortgesetzt bestätigt werden. Als Ergebnis wird die These vertreten, daß ein differenziertes Verständnis der Suizidalität nur dann möglich erscheint, wenn die traditionellen Erklärungsversuche einschließlich ihrer männlichen Weiblichkeitsimaginationen kritisch hinterfragt werden, und, auch im Hinblick auf die Genese von Suizidalität, eine notwendige Unterscheidung der Konstituierung von weiblicher und männlicher Identität und Subjektivität erfolgt. Vor diesem Hintergrund werden aus psychoanalytischer Sicht zwei Hypothesen zur Entstehung von weiblicher Suizidalität diskutiert.
 
Schlüsselwörter
weibliche Suizidalität - Geschlechtsrollenstereotypen - weibliche Identität und Subjektivität - Separations- und Individuationsprozeß
 
Summary
The paper is based on many years of experience in psychotherapeutic work with suicidal patients, leading to the observation that although suicide attempts occur twice as often among women than men, the subject of female suicidality rarely receives separate attention in suicidology studies. In fact, it is apparent that the presumed objective facts regarding gender specific suicidal behaviour are a reproduction of gender role stereotypes, which merely continue to confirm the myths about gender differences in the disguise of theory formulations.
The resulting theory argues that a differentiated perception of suicidality is only possible if the traditional explanatory attempts, including the male imagination of femininity, is critically questioned and, also with respect to the genesis of suicidality, a necessary distinction between the constitution of male and female identity and subjectivity occurs. On this basis two hypotheses regarding the origins of female suicidality are discussed from a psychoanalytical viewpoint.
 
Keywords 
female suicidality - gender-role-stereotypes - female identity and subjectivity - separation- and individuationprocess
 
 
Andreas Warnke, Uwe Hemminger
 
DER UMGANG MIT SUIZIDALEN KINDERN UND JUGENDLICHEN

Zusammenfassung:
Der Suizid ist bei Kindern sehr selten, bei Jugendlichen zwischen 15 bis 19 Jahren jedoch eine relativ häufige Todesursache, in der Bundesrepublik sterben jährlich über 200 Jugendliche durch Suizid: Parasuizide sind um ein Vielfaches häufiger, und sie werden in über 25 Prozent der Fälle wiederholt. Ätiologisch spielen biologische Dispositionen, psychosoziale Einflüsse und psychische Störungen eine Rolle. Das präsuizidale Bedingungsgefüge unterscheidet sich von dem der Erwachsenen. Der Umgang mit suizidalen Kindern und Jugendlichen beinhaltet an erster Stelle die Herstellung einer Vertrauensbeziehung, Einschätzung der Suizidalität, die Sicherung vor einem weiteren Suizidversuch und die Entlastung von Kind und Familie. In die multiaxiale Diagnostik und ambulante sowie stationäre Behandlung sind das Kind und seine wichtigsten Bezugspersonen einzubeziehen. Das Behandlungsprogramm enthält psychotherapeutische Verfahren (in der Regel kognitiv-behavioral), familiäre Beratung und Unterstützung, psychopharmakologische Behandlung - wenn indiziert - und eine Unterstützung zur sozialen Wiedereingliederung.
 
Schlüsselwörter
Suizid und Parasuizid bei Kindern und Jugendlichen - Häufigkeit - Methoden - Ätiologie - multiaxiale Diagnostik - Therapie
 
Summary
Suicide in childhood is rare but it is one of the main causes of death in adolescence between 15-19 years of age. Every year more than 200 adolescents commit suicide in Germany. 
Attempts of suicide are much more often and they are repeated in 25 % of the cases. The etiology of suicidal behavior is influenced by biological, psychosocial factors and psychological disorders. Risk factors for suicidal behavior in children and adolescents are somewhat different from those of adults.
Intervention includes at first the establishment of a confident relation to the child, the assessment of suicidality, the prevention of a repetition of suicidal behavior, the support of the child and its family. Multiaxial diagnostics, outpatient and inpatient treatment involve the child and the most important persons the child can relate too. The intervention program includes psychotherapy (mostly cognitive-behavioral), family support and counseling, psychopharmacological treatment - if indicated -, and support for social integration.
 
Keywords 
Suicide and parasuicide in children and adolescents, frequency - methods - etiology - multiaxial diagnostics - therapy
 
Thomas Giernalczyk, Jürgen Kind
 
CHRONISCHE SUIZIDALITÄT FUNKTION UND GEGENÜBERTRAGUNG

Zusammenfassung:
Die Autoren beschreiben chronische Suizidalität als intrapsychischen und interpersonellen Regulationsvorgang, der in psychischen Notlagen wiederholt auftritt. Ausgelöst wird chronische Suizidalität durch drohenden Objektverlust, Verschmelzungsangst sowie durch narzißtische Kränkungen. Chronische Suizidalität wird auf gestörte frühe Objektbeziehungen zurückgeführt und in aktuellen Beziehungen aktiviert. Zentrale Themen der chronischen Suizidalität sind Haß und Aggression. In der Therapie mit chronisch Suizidalen muß deshalb besonderer Wert auf die Handhabung des Gegenübertragungshasses gelegt werden. Abschließend werden Strategien für den Umgang mit erpresserischer Suizidalität im Rahmen der Gegenübertragungskonstellation des manipulierten Objektes vorgestellt.
 
Schlüsselwörter
chronische Suizidalität - Objektverlust - Verschmelzungsangst - narzißtische Kränkung - Gegenübertragungshaß - erpresserische Suizidalität - Gegenübertragungskonstellation des manipulierten Objekts
 
Summary
The authors describe chronical suicidal behaviour as an intrapsychic and interpersonal regulating process, which occurs repeatedly in situations of psychic distress. Chronical suicidal reactions are triggered by imminent objectloss, anxiety of fusion and narcistic crises. Chronical suicidality depend on disturbances in early object relations which are reactived in present relationships. Important unconscious topics of chronical suicidal reactions are hate, aggression and guilt. In therapy the handling of countertransference, hate is of great importance. Strategies for dealing with extortionate suicidal crises within the framework of „countertransference of the manipulated object“ are introduced.
 
Keywords 
chronical suicidal crisis - object loss - anxiety of fusion - narcistic crises - countertransference hate - extortionate suicidal reaction - countertransference of the manipulated object
 
 
 
Bernd Ahrens
 
Lithiumprophylaxe und suizidales Verhalten

Zusammenfassung:
Die Sterblichkeit von Patienten mit affektiven Störungen ist um mehr als das zweifache im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung erhöht. Primärer Grund ist die vermehrte Suizidmortalität dieser Gruppe. Etwa die Hälfte derjenigen, die Suizidversuche oder Suizide durchgeführt haben, litt während dieser Zeit an einer depressiven Erkrankung. Die akute antidepressive Behandlung mag in diesem Zusammenhang die Suizidgefahr vermindern, jedoch wirkt sie nicht präventiv. Eine Lithiumprophylaxe reduziert die Rückfallrate von affektiven Störungen. Die Frage, ob diese Behandlung auch die Suizidmortalität und suizidales Verhalten reduziert, ist Thema dieser Arbeit. Dazu wurde die Mortalität lithiumbehandelter Patienten mit der Mortalität der Allgemeinbevölkerung verglichen und das suizidale Verhalten der Patienten mit und ohne Lithiumbehandlung untersucht. In den referierten Studien zeigte sich, daß sich die Mortalität unter Lithiumbehandlung normalisierte oder nur leicht erhöht war im Vergleich zu der in der Allgemeinbevölkerung. Nach Absetzen der Medikation stieg die Suizidmortalität im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung wieder signifikant an. Weiterhin gibt es Befunde, die eine Unterscheidung zwischen Suizidprophylaxe mit Lithium und der episodenverhindernden Wirkung der Lithiumbehandlung erlauben. Gleich lautende Untersuchungen anderer Prophylaktika wurden bislang nicht publiziert. Obgleich der antisuizidale Effekt von Lithium nicht sicher nachgewiesen werden konnte, ist die Fülle der Befunde kompatibel mit dieser Annahme. Es liegt in der Hand der Ärzte, eine mögliche antisuizidale Wirkung von Lithium zu berücksichtigen, wenn sie neben der Episodenprophylaxe eine suizidprophylaktische Behandlung bei Patienten mit affektiven Störungen und suizidalem Verhalten, Suizidversuchen in der Vergangenheit oder in der Familie oder einer Kombination dieser Umstände erwägen.
 
Schlüsselwörter
Lithiumprophylaxe - Mortalität - Suizidversuche - Suizide
 
Summery
The mortality of patients with affective disorders is more than twice that in the general population, primarily owing to a very high rate of suicides. Approximately one half of those who attempt suicide or complete suicide have depressive disorder at the time of their acts. Although acute antidepressive treatment might prevent the suicide risk connected with the current episode there is no evidence for a prophylactic effect against suicidal behaviour. Prophylactic lithium treatment lowers the relapses in recurrent depressive illness. Does it also reduce suicide mortality and suicidal behaviour? How far this question can be positively answered is the topic of this paper.
The mortality of lithium-treated patients was compared with the mortality in the general population, and the patients’ suicidal behaviour when they were on lithium was compared with their behaviour when they were not. In the studies reviewed here the patients’ mortality during lithium treatment was not significantly higher or only moderately higher than in the general population. After discontinuation of lithium the mortality was again significantly higher. Furthermore there is evidence to make a distinction between suicide and episode prevention as a reduction in suicide attempts in both responders and non-responders. This indicates that lithium possesses a specific antisuicidal effect apart from its mood stabilising property. Similar observations have not been reported for prophylactic treatment with other mood stabilisers. These observations cannot prove that lithium treatment has a mortality-lowering antisuicidal effect. But they are compatible with such an assumption. It must be the duty of physicians to keep the possibility of an antisuicidal action of lithium in mind when they choose prophylactic treatment for patients with affective disorders and suicidal behaviour, suicide attempts in the past or in the family history or combinations of these.
 
Keywords 
Lithium prophylaxis - mortality - suicide attempts - suicides
 
 
 
 
Matthias M. Weber
 
Rechtsprobleme der Behandlung suizidaler Patienten

Zusammenfassung:
Suizidversuche und vollendete Suizide werfen neben den damit verbundenen therapeutischen Problemen zahlreiche Rechtsfragen auf. Ärzte und Psychotherapeuten sollten über elementare Kenntnisse der einschlägigen Vorschriften des Straf-, Zivil- und Unterbringungsrechts verfügen, um die bei suizidalen Patienten ohnehin schwierige Behandlungssituation nicht durch Unsicherheiten über die juristischen Gegebenheiten zusätzlich zu erschweren. Trotz der in den letzten Jahren erkennbaren Tendenz der Rechtsprechung, das Selbstbestimmungsrecht des Patienten auch in therapeutischen Extremsituationen herauszustellen, und unabhängig von den juristischen Diskussionen um die Bedeutung der „freiverantwortlichen“ Selbsttötung muß die Suizidprävention und -therapie ein oberstes Ziel jeder psychiatrisch-psychotherapeutischen Behandlung bleiben. Daher hat der Therapeut in der ihm unterstellten klinischen oder ambulanten Einrichtung allgemeine Vorkehrungen gegen suizidale Handlungen zu treffen und deren Durchführung bei akut Erkrankten zu verhindern. Allerdings hat die Rechtsprechung inzwischen anerkannt, daß eine umfassende Behandlung suizidaler Patienten gegenüber kustodialen Maßnahmen im Zweifel Vorrang genießt. Besonders wichtig ist die Dokumentation der getroffenen Maßnahmen.
 
Schlüsselwörter
Arzthaftung - Behandlungsvertrag - psychiatrische Therapie - Psychotherapie - Suizid
 
Summary
Doctors and psychotherapists should possess fundamental knowledge in areas of civil, criminal and custodial law relevant to the therapy involved in treating patients with suicidal intent. The difficulty of the situation should not be increased by uncertainty of legal aspects. Apart from the ever increasing legal trend in the last years of trying to single out the right of suicidal selfdetermination of the patient, even in extreme therapeutical situations, and independent of the judicial discussion about the meaning of the „freedom of self reponsibility“ in carrying out suicide, prevention has to be the primary aim of every psychiatrical- psychotherapy. This means that therapists responsible for clinical and out-patient facilities have to reach measures to counteract suicidal intent and preventing the possibility of suicidal handling by critically ill patients. However, in legal discussions it is being more realized that a broad based therapy of patients with suicidal intent most probably has many advantages over custodial measures. Especially important is the documentation of the measures reached.
 
Keywords 
malpractice litigation - medical treatment contract - psychiatric therapy - psychotherapy - suicide
 
 
 
Elmar Etzersdorfer, Gernot Sonneck
 
Suizidprävention durch Beeinflussung von Medienberichten

Zusammenfassung:
Die Arbeit beschreibt ein Feldexperiment zum Einfluß von Medienberichten auf Suizidhandlungen. Nach der Einführung des Wiener U-Bahn-Systems 1978 nahmen Suizidhandlungen mit der U-Bahn einige Jahre hindurch sehr stark zu. Es entstand eine Arbeitsgruppe innerhalb des Österreichischen Vereins für Suizidprävention (ÖVSKK), die aus der Beobachtung, daß Medienberichte über diese Ereignisse in dramatischer und großer Aufmachung erschienen, wie aus der klinischen Erfahrung im Umgang mit suizidalen Menschen Medienrichtlinien ausarbeitete und damit Mitte 1987 an die Presse herantrat. In der Folge veränderten sich die Berichte sehr deutlich, vielfach wurde über U-Bahn-Suizide überhaupt nicht mehr berichtet. Parallel zur veränderten Berichterstattung ging die Zahl der Suizidhandlungen mit der U-Bahn dramatisch zurück, vom ersten zum zweiten Halbjahr 1987 um mehr als 80%, und blieb seitdem auf einem niedrigeren Niveau.
Es wird eine Literaturübersicht zu Imitationssuiziden, für die der Begriff des “Werther-Effekts” gebräuchlich ist, gegeben und eine Erweiterung zu einem “zweiten Werther-Effekt” vorgeschlagen. So wie Goethe schließlich seinen “Werther”, beeinflußt durch den Suizid einer nahen Bekannten, wenige Jahre nach der Veröffentlichung des Buches, umschrieb, ist es die heute viel diskutierte Strategie, Medienberichte zu beeinflussen. Es wird, von den Erfahrungen der Wiener Untersuchung ausgehend, überlegt, welcher Umgang mit Journalisten empfehlenswert ist und wie sie zur Suizidprävention beitragen können. Dabei wird insbesondere das mögliche suizidpräventive Potential von Medien unterstrichen, das im Sinne einer “Werbung für die Idee zu leben” genutzt werden sollte.
 
Schlüsselwörter
Imitation - Suizid - Massenmedien - Prävention - Werther-Effekt
 
Summary
This paper reports a field experiment concerning mass-media and suicide. After the implementation of the subway system in Vienna in 1978, it became increasingly acceptable as means to commit suicide, with the suicide rates showing a sharp increase after a few years. A study-group of the Austrian Association for Suicide Prevention (ÖVSKK) was started, which investigated the increase as well as the media, which reported about these events in a very dramatic way. Media guidelines were developed and a media campaign launched in mid-1987. Subsequently, the media reports changed markedly and the number of subway-suicides and -attempts dropped more than 80% from the first to the second half of 1987, remaining on a rather low level since.
A literature review concerning the “Werther-effect”, the term used for imitational suicides, is given, and the term “second Werther-Effect” is proposed. The historic “Werther” was subsequently rewritten by Goethe partly due to the experience of the suicide of a friend, and also nowadays the concentration lies on influencing media reports. Describing conclusions from the Viennese study, the way to deal with journalists is discussed and how media can contribute to suicide prevention. The possible preventive potential is emphasized, which can be used as an “advertisement for the idea to live”.
 
Keywords 
imitation - suicide - mass-media - prevention - Werther effect
 
 
 
David Lederer
 
Selbstmord im frühneuzeitlichen Deutschland: Klischee und Geschichte

Zusammenfassung:
Das Streben nach einer objektiven Analyse des Selbstmordes als modernes Phänomen wird oft von Vorurteilen verhindert, die weitgehend aus der im 19. Jahrhundert neubegründeten akademischen Disziplin der Soziologie stammen, wo man den Versuch wagte, zeitlose „Gesetze“ der menschlichen Natur herzustellen. Viele Irrwege liegen in einer unkritischen Überschätzung von Statistiken, in der einseitigen Interpretation normativer Quellen oder in der unüberlegten Anwendung eines Konzeptes der „Moderne“ verborgen. Dieser Beitrag erforscht einige religiöse, soziale, juristische und populäre Vorstellungen über den Selbstmord an der Schwelle zur Moderne. Er beweist, daß:
 

1. Wahrnehmungen der Suizidalität durchaus relativ zu den spezifischen Werten der jeweiligen Gesellschaft im zeitgenössischen Kontext ihrer Kultur bleiben, und

 

2. jede tiefgehende Analyse eines intimen Verständnisses nicht nur der herrschenden Normen bedarf, sondern auch der Alltagspraxis und des von der Norm abweichenden Verhaltens, um den psychischen Zustand der betroffenen Individuen besser zu begreifen.

 
Schlüsselwörter
Verzweiflung - Soteriologie - Säkularisation - non compos mentis
 
Summary
The search for an objective analysis of suicide as a modern phenomenon has long suffered from the persistance of a number of nineteenth century prejudices closely associated with the then novel academic discipline of sociology, which sought to establish timeless „laws“ of human nature. Many problems are rooted in an uncritical emphasis on statistics, one-sided interpretations of normative sources, or the unreflected employment of „modernity“ as a concept. This piece explores some of the religious, social, legal and popular perceptions of suicide at the onset of the modern age. It demonstrates that:

1. Perceptions of suicide are always relative to the specific values of the society in question in the contemporary context of its culture, and

2. any thorough analysis requires an an intimate understanding not only of dominant norms, but also of everyday practices and behavior which deviate from the norm in order to better establish the psychic condition of the individuals in question.

Keywords 
despair - soteriology - secularization - non compos mentis
 
 
 
 
Anton J. L. van Hooff
 
Hatten antike Selbstmörder eine Psyche?

Zusammenfassung:
In diesem Aufsatz wird untersucht, wie sich die Motivation der antiken Selbstmörder zu den modernen Paradigmen verhält. Es zeigt sich, daß Durkheimsche Begriffe nicht angewendet werden können. Deshalb werden antike Kategorien rekonstruiert, vor allem aufgrund der römischen Rechtsquellen, die eine sehr pragmatische Haltung demonstrieren. Unter lateinischen Namen werden als Gründe in alphabetischer Reihenfolge unterschieden: conscientia (Schuldbewußtsein), desperatio (Verzweiflung in einer Kurzschlußhandlung), devotio (Widmung des Lebens zum Wohl der Gemeinschaft), dolor (Trauer um einen Verstorbenen oder Geliebte), exsecratio (Verfluchung eines Gegners aus Rache), fides (Treue einer Gattin oder eines Untergeordeneten), furor (Wahnsinn), iactatio (Demonstration der philosophischen Todesverachtung), inpatientia (das nicht Vertragen eines körperlichen Leidens), necessitas (gezwungene Selbsttötung), pudor (Scham, in anthropologischem Sinne von ”shame”) und taedium vitae (Lebensüberdruß). Unter diesen Motiven ist Scham mit 349 Kasus, d.h. 29% der registrierten Selbsttötungen, die wichtigste, während „guilt“- in der Form des Schuldbewußtseins mit 20 von 1220 verarbeiteten Fällen die kleinste Motivkategorie bildet, nämlich 2%. Nicht nur diese Tatsache macht klar, wie sehr Menschen in der Antike sich von ihrem vermeintlichen Ruf führen ließen. Auch wenn wir versuchen, ihnen näherzukommen, indem wir Eigendokumente heranziehen, stellen wir fest, daß Selbsttötung als ein Willensakt verstanden wurde und nicht als Folge einer seelischen Veranlagung. Die Antike psychologisiert nicht. Diese Schlußfolgerung regt zum Nachdenken über die Allgemeingültigkeit moderner Ansichten an.
 
Schlüsselwörter
antike Selbsttötung - Selbstmord gegenüber Willenstod - Motivationskategorien - Eigendokumente - Scham - Gültigkeit moderner Paradigmen
 
Summary
The present paper investigates the motivation of ancient suicides in relation to modern paradigms. Current views, after Durkheim, appear to be unworkable. Therefore, ancient categories have been reconstructed, mainly taken from Roman legal sources, that show a highly pragmatic attitude with regard to suicide. Under Latin names these grounds are to be distinguished, here given in alphabetical order: conscientia (consciousness of guilt), desperatio (seeing no exit in an acute distress), devotio (sacrificing one’s life for the benefit of the community), dolor (mourning over the loss of a partner), exsecratio (cursing of an enemy), fides (loyalty of a wife or a subordinate), furor (frenzy), iactatio (demonstration of a philosophical contempt of death), inpatientia (unbearable bodily suffering), necessitas (enforced self-killing), pudor (shame, in the anthropological sense of the word) and taedium vitae (being fed up with life). Among these motives is shame the most important with 349 cases, i.e. 29% of the recorded self-killing, whereas guilt is the smallest category. With 20 out of the 1220 cases processed, it represents only 2%. Not only this fact proves how much ancient man was guided by his reputation. When we try to penetrate into his mind, by using ego documents, we discover that self-killing was seen as an act of volition, not as the effect of a certain disposition.
The ancient world had no eye for psychic clues. This conclusion raises questions about the general validity of modern views.
 
Keywords 
ancient suicide - self murder versus voluntary death - categories of motivation - ego documents - shame - validity of modern paradigms