Heft 1 – 2009 Aggression und Psychotherapie
Wie sich Lachen und Weinen herzlich begegnen. Über die verhaltenstherapeutische Bearbeitung traumatischer Erlebnisse im Zusammenspiel von emotionalen, imaginativen, kognitiven, behavioralen und physiologischen Prozessen
If laughter and sadness meet each other warmly
02 Imke Herrmann und Lars Auszra
Emotionsfokussierte Therapie der Depression
Emotion-focused therapy of depression
03 Kurt Wedlich und Julia Meßner
Die Bedeutung von Emotionen – Eine Untersuchung über den Zusammenhang zwischen emotionalen Störungen und dem Lern- und Arbeitsverhalten bei Realschülern
The importance of emotion – An analysis about the relation between emotional disorders and the learning- and working behaviour of secondary school pupils
04 Serge K. D. Sulz, Nicole Maier
Ressourcen- versus defizitorientierte Persönlichkeitsdiagnostik – Implikationen für die Therapie von Persönlichkeitsstörungen?
Resource and deficit oriented diagnosis of personality
– implications for therapy of personality disorders?
Empathie, Mitgefühl und Grausamkeit – Und wie sie zusammenhängen
Empathy, compassion and cruelty, and how they connect
Neurobiologie von suizidalem Verhalten und Aggression
Neurobiology of Suicidal Behaviour and Aggression
Die verlorene Aggression. Therapeutische Arbeit mit KBT bei aggressionsgehemmten Menschen
Lost aggression – KBT applied in therapy of aggression-inhibited people
Der Umgang mit der Aggressivität bei narzisstischen Persönlichkeitsstörungen
Treating the aggressiveness of Narcissistic Personality Disorders
Adoleszenz – Aggression und Gewalt
Adolescence – aggression and violence
Wut- und Schuldgefühle in der Intensiven Psychodynamischen Kurzzeittherapie nach Davanloo
Feelings of murderous rage and guilt in Davanloo’s Intensive Short-Term Psychotherapy
11 Serge Sulz
Wut ist eine vitale Kraft, die durch Wutexposition in der Psychotherapie nutzbar wird
Anger is a vitale force (power?) – utilized by anger exposition in psychotherapy
12 Busch-Wübbena U., Hinrichs J., Huber J., Kick C., Kuckelsberg R.
Deeskalationstrainings – historischer Überblick, Ergebnisse und aktueller Stand
De-escalation trainings – historical overview, results and state of the art
Zivilcourage und Gewaltverzicht – Ein Deeskalationstraining für Bewohner des Katholischen Männerfürsorgevereins München e.V., Haus an der Chiemgaustraße
Moral courage and abandonment of violence – a de-escalation training for the inmates of the Katholischer Männerfürsorgeverein München e. V., Haus an der Chiemgaustraße
Wie sich Lachen und Weinen herzlich begegnen. Über die verhaltenstherapeutische Bearbeitung traumatischer Erlebnisse im Zusammenspiel von emotionalen, imaginativen, kognitiven, behavioralen und physiologischen Prozessen
If laughter and sadness meet each other warmly
Zusammenfassung
Als Verhaltenstherapeutin und Supervisorin stelle ich in diesem Artikel einige Aspekte heraus, die in der individualisierten Psychotherapie prozess- und erlebnisorientiert im Vordergrund stehen. Dazu gehört die Integration der dem Erleben zugrunde liegenden kognitiven, imaginativen, emotionalen, physiologischen und behavioralen Anteile. Hier geht es um das konkrete Zusammenwirken von persönlichen Ressourcen und traumatischem Erleben. Darüber hinaus wird die Bedeutung von kleinschrittiger, sich in die Persönlichkeit einfügender Emotionsarbeit reflektiert. Der Artikel findet seinen Abschluss mit der Darstellung von therapeutischer Beziehungsgestaltung und richtungsweisender Grundhaltung. Ob der Begriff Verhaltenstherapie noch zur tatsächlichen Praxis passt, wird für zukünftige Diskussionen im Ansatz angedacht.
Schlüsselwörter
Verhaltenstherapie – Ressourcenintegration – therapeutische Beziehung – emotionale Regulation – Körperwahrnehmung
Summary
As a behaviour therapist and supervisor I present several key aspects of individualized psychotherapy, both process- and experience-oriented, including the significance of integrating the fundamental experiences of cognitive, imaginative, emotional, physical and behavioural components. This article focuses on the concrete interaction of personal resources and traumatic experiences. In addition, it reflects the importance of a step-by-step personality-focused emotional therapy. It concludes with the illustration of how therapeutic relationships are formed and the presentation of guiding principles. Whether the term “behaviour therapy” still suits the current method of practice, may be a subject for future discussions.
Keywords
behaviour therapy – resource integration – therapeutic relationship – emotional regulation – self-perception
Korrespondenzadresse
Regina Sinderhauf | Praxis für Psychotherapie
Hagener Allee 5 | 22926 Ahrensburg
Emotionsfokussierte Therapie der Depression
Emotion-focused therapy of depression
Zusammenfassung
Die Emotionsfokussierte Therapie (Greenberg, 2002; Greenberg und Watson, 2006) ist ein wissenschaftlich fundiertes Verfahren der Depressionsbehandlung (Klonskey/APA, 2008). Sie legt den Fokus auf emotionale Prozesse der Veränderung und plädiert dafür, „Emotionen mit Emotionen“ zu verändern. Das therapeutische Vorgehen wird von zentralen empirisch basierten Prinzipien emotionaler Verarbeitung geleitet. Die Unterscheidung verschiedener Typen emotionalen Erlebens sowie die Klassifikation von „Markern“ für emotionale Verarbeitungsschwierigkeiten und korrespondierenden Interventionen ermöglichen ein systematisches Arbeiten mit Emotionen in der Therapie.
Schlüsselwörter
Emotionsfokussierte Therapie – Depression – Emotion
Summary
Emotion-focused Therapy (EFT) (Greenberg, 2002; Greenberg und Watson, 2006) is an evidence based treatment for depression (Klonskey/APA, 2008). EFT emphasizes emotional change principles and advocates changing emotion with emotion. Treatment is based on central empirically based principles of emotional processing. The differentiation of different types of emotional experience and the classification of different markers for emotional processing difficulties allows working systematically with emotion in therapy.
Keywords
emotion-focused therapy – depression – emotion
Korrespondenzadressen
Dipl.-Psych. Imke Herrmann | Dipl.-Psych. Lars Auszra
Hochschulambulanz der Ludwig-Maximilians-Universität München
Leopoldstraße 13 | 80802 München
Herrmann(at)emotions-fokussierte-therapie(dot)de
auszra(at)emotions-fokussierte-therapie(dot)de
Die Bedeutung von Emotionen – Eine Untersuchung über den Zusammenhang zwischen emotionalen Störungen und dem Lern- und Arbeitsverhalten bei Realschülern
The importance of emotion – An analysis about the relation between emotional disorders and the learning- and working behaviour of secondary school pupils
Zusammenfassung
Die im Folgenden vorgestellte Untersuchung befasst sich mit der Frage, ob sich zwischen emotionalen Auffälligkeiten und dem Lern- und Arbeitsverhalten Zusammenhänge ermitteln lassen und falls ja, ob eine gerichtete Beeinflussung der einen Messgröße durch die andere feststellbar ist. Dazu wurde mit Hilfe der standardisierten Fragebogenverfahren YSR (Youth Self Report, 1994/1998) aus der Child Behavior Checklist und dem LAVI (Lern- und Arbeitsverhaltensinventar) von Keller und Thiel die zu untersuchenden Messgrößen an insgesamt 294 Realschülern und -schülerinnen∗ der Klassenstufen 5, 7 und 9 erfasst. Die Gesamtstichprobe unterteilte sich dabei in die Statusdiagnostik (n=244) sowie die Zusammenhangsuntersuchung (n=50). Die Untersuchung ergab für einen Großteil der Schüler sowohl im emotionalen Befinden als auch im Lern- und Arbeitsverhalten keine Auffälligkeiten. Die sechs zur Untersuchung herangezogenen Faktoren weisen für Jungen und Schüler der höheren Klassenstufen auffälligere Werte auf als für Mädchen und Fünftklässler. Die Korrelations- und Regressionsberechnungen zeigen, dass emotionale Auffälligkeiten mit Defiziten beim Lern- und Arbeitsverhalten verbunden sind und emotionales Befinden einen stärkeren Einfluss auf das Lern- und Arbeitsverhalten ausübt als umgekehrt. Hierbei stellte sich externalisierend auffälliges Verhalten als der entscheidende Faktor heraus. Ebenfalls von zentraler Bedeutung sind Kompetenzen zur Stressbewältigung, die sowohl mit dem emotionalen Befinden als auch mit dem Lern- und Arbeitsverhalten in Verbindung stehen. Abschließend sollen die Ergebnisse auf ihre pädagogische und psychotherapeutische Bedeutung hin diskutiert werden.
Schlüsselwörter
Emotion – emotionale Störung – Stressbewältigung – Lern- und Arbeitsverhalten – Zusammenhänge – Schüler – Psychotherapie
Summary
The following analysis deals with the question if you can determine relations between emotional disorders and the learning and working behavior and if so, whether a direct influence of one measuring dimension through another is ascertainable. For that purpose the measuring dimensions were registered with the help of the standardized questionnaire procedures YSR (Youth Self Report) from Achenbach’s Child Behavior Checklist and Keller’s and Thiel’s LAVI (Learning and Working Behavior Inventory) used in a total of 294 secondary school pupils of grade 5, 7 and 9. The whole sample is subdivided into the state diagnostic (n=244) and the relation analysis (n=50). The analysis showed for the major part of the pupils no disorders with respect to emotional health and the learning and working behavior. The six factors set forth for the analysis show more conspicuous levels for boys and higher-grade pupils than for girls and 5th grade pupils. The realized correlation and regression calculations show that emotional disorders are connected with deficits in learning and working behavior and emotional health has a stronger influence on learning and working behavior than vice versa. In this context, external conspicuous behavior was pointed out as the crucial factor. Competences in stress coping, which are linked with both the emotional health and the learning and working behavior, are of central importance as well. Finally, the results should be discussed regarding their pedagogic and therapeutic importance.
Keywords
emotion – emotion disorder – stress coping – learning and working behavior – relations – pupils – psychotherapy
Korrespondenzadresse
Julia Meßner c/o Prof. S. Sulz |Centrum für Integrative Psychotherapie CIP
Nymphenburger Str. 185 | 80634 München | Cip(at)cip-medien(dot)com
Serge K. D. Sulz, Nicole Maier
Ressourcen- versus defizitorientierte Persönlichkeitsdiagnostik – Implikationen für die Therapie von Persönlichkeitsstörungen?
Resource and deficit oriented diagnosis of personality
– implications for therapy of personality disorders?
Zusammenfassung
Anhand einer Stichprobe gesunder Probanden (N=204) wurden die Eigenschaften eines neuen Persönlichkeitsfragebogens untersucht, der aus 9 ressourcenorientierten Skalen besteht (selbstsicher, selbständig, flexibel, konfliktsicher, ausgeglichen, beziehungsbezogen, gemeinschaftsorientiert, emotional stabil und unvoreingenommen). Die Reliabilität (innere Konsistenz) ist sehr gut. Ein Vergleich mit dem (defizitorientierten) VDS30 Persönlichkeitsfragebogen ergab eine indirekte Validierung der psychologischen Konstrukte der Ressourcenskalen. Die Zusammenschau der ressourcen- und der defizitorientierten Persönlichkeitsmessung zeigt, dass maladaptive Persönlichkeitszüge hoch mit dispositioneller Angst und Wut korrelieren, während sich eine kompetente Persönlichkeit eher an ihren Bedürfnissen und den Erfordernissen der Umwelt orientiert. Dies hat Implikationen für die Therapie von Persönlichkeitsstörungen, deren Ziel u. a. die Reduktion dieser beiden Verhaltensmotive sein sollte.
Schlüsselwörter
Persönlichkeitsdiagnostik – Persönlichkeitsfragebogen – Ressourcenorientierung – Psychotherapie – maladaptive Persönlichkeitszüge
Summary
By means of a sample of healthy subjects (N = 204) the characteristics of a new personality questionnaire have been analysed. It consisted of nine resource orientated scales (confident, independent, flexible, able to handle conflicts, balanced, relating to relationships, community orientated, emotional stable and unbiased). The reliability (inner consistency) is very good. In comparison with the (deficit orientated) VDS 30-personality questionnaire an indirect validation of the psychological constructs of the resource scales was found.
In synopsis resource orientated and deficit orientated ratings show that maladaptive personality traits correlate highly with dispositional fear and anger, while a competent personality is more orientated on its needs and the requirements of the environment. This leads to implications for the therapy of personality disorders, whose objective should be – amongst other things – the reduction of these both motives for behaviour.
Keywords
personality diagnostics – personality questionnaire – resource orientation – psychotherapy – maladaptive personality traits
Korrespondenzadresse
Prof. Dr. Dr. Serge K. D. Sulz
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Postanschrift: Nymphenburger Str. 185 | 80634 München
Sergesulz(at)aol(dot)com
Empathie, Mitgefühl und Grausamkeit – Und wie sie zusammenhängen
Empathy, compassion and cruelty, and how they connect
Zusammenfassung
Das Verständnis der subjektiven Verfassung einer anderen Person kann durch zwei Mechanismen bewirkt werden – Empathie und Theory of Mind. Während Letztere auf rationaler Einsicht beruht, ist Empathie primär ein emotionaler Vorgang, bei dem die Intention bzw. Emotion des anderen durch Einfühlung mit vollzogen wird. Im Unterschied zu Gefühlsansteckung zieht Empathie aber eine klare Grenze zwischen eigenem und fremdem Erleben und erlaubt dadurch, das Mitempfinden auf den anderen zu beziehen. Wie an insgesamt 126 Kindern nachgewiesen werden konnte, entwickelt sich Empathie im zweiten Lebensjahr, sobald Kinder ein Ichbewusstsein ausbilden und sich im Spiegel erkennen.
Empathie wird häufig mit Mitgefühl gleichgesetzt, einer wichtigen Voraussetzung für prosoziales Verhalten. Empathie kann aber auch die Basis für sozial-negative Motive wie Sensationssuche, Schadenfreude und absichtliche Grausamkeit abgeben. Ob sozial positive oder negative Reaktionen erfolgen, hängt von Zusatzvariablen ab, die diskutiert werden.
Schlüsselwörter
Empathie – Selbsterkennen im Spiegel – Mitgefühl – prosoziales Handeln – Grausamkeit
Summary
Understanding another person's subjective state is mediated by two different mechanisms - empathy and theory of mind. Whereas the latter allows one to take another person's perspective without being emotionally involved, empathy is primarily an emotional mechanism. It generates an understanding of another person's emotional or intentional state by vicariously sharing this state. As opposed to emotional contagion, which does not provide the observer with the insight that it is ANOTHER person's state which he or she shares, empathy draws a clear-cut distinction between the emotional domains of self and other. Empathy develops in the second year of life as soon as children form a concept of self. In experiments with 126 children we investigated the subjects' ability to recognize themselves in a mirror and their readiness to empathize with a playmate in (faked) distress. Almost all children who identified with their mirror image showed compassion and tried to help, whereas children who did not yet recognize themselves were perplexed or remained indifferent.
Quite often empathy is understood as being synonymous with sympathy, concern or compassion with another person's welfare. However, although empathy is an important precondition for prosocial behavior, it does not always result in prosocial consequences. It can also be the basis for sensation-seeking, malicious gloating, malevolence and intentional cruelty. In these cases, the miserable state of the other is empathically shared and at the same time enjoyed.
Whether empathy yields a socially positive or negative response depends on several factors. Sympathy, compassion, sharing and helping are more probable if a person in need is familiar, belongs to the same in-group and shares the same values and opinions. Negative responses are more probable if the person is perceived to be a stranger or morally inferior. These two perceptions quite often coincide – as exemplified during times of war.
Keywords
empathy – mirror-self-recognition – compassion – prosocial motivation – cruelty
Kontaktadresse
Doris Bischof-Köhler, Prof. Dr. rer. soc. Dr. phil. habil.
Universität München, Department Psychologie
Leopoldstr. 13 | D-80802 München
bischof(dot)psy.uni-muenchen(dot)de |www.bischof.com
Neurobiologie von suizidalem Verhalten und Aggression
Neurobiology of Suicidal Behaviour and Aggression
Zusammenfassung
Im Gegensatz zu aggressivem Verhalten ist suizidales Verhalten im Tierreich nicht zu finden. Der Suizid setzt Selbstreflexion voraus, d.h., das Individuum muss zwischen seinem beobachtenden und seinem erlebenden Ich unterscheiden können. Die Tatsache, dass suizidales Handeln eine genuin menschliche Eigenschaft zu sein scheint, legt nahe, den topographisch-anatomischen Ort für ein solches Verhalten in den phylogenetisch jüngsten Bereichen des Gehirns anzusiedeln, nämlich dem Stirnhirn und hier wiederum im sog. präfrontalen Cortex.
Biochemische Studien beinhalten Post-mortem-Studien, Liquorstudien, endokrine Stimulationstests, Erfassung peripherer Parameter sowie molekulargenetische Untersuchungen. Als wichtigster Befund ist hierbei eine Dysfunktion des serotonergen Transmittersystems anzusehen, aber auch eine Dysregulation des Stresshormonsystems, welches das serotonerge System beeinflusst. Diese neurobiologischen Befunde korrelieren mit den Verhaltensparametern Impulsivität und Aggressivität, wobei Aggressivität sowohl nach innen (Autoaggressivität/suizidales Verhalten) wie nach außen (Heteroaggressivität) gerichtet zu sein scheint und in Bezug auf suizidales Verhalten vor allem violente Suizidmethoden beinhaltet. Des Weiteren sind diese biologischen Befunde weitgehend unabhängig von psychiatrischen, insbesondere depressiven Erkrankungen zu sehen. Schließlich sind Impulsivität und Aggressivität auch vereinbar mit einem dysexekutiven Syndrom im Sinne einer Störung des dorsolateralen präfrontalen Cortex.
Eines der größten Probleme in der Behandlung suizidaler Patienten ist die mangelnde Vorhersehbarkeit und Kontrolle von - weiterem – suizidalem und aggressivem Verhalten. Dies mag einerseits an der fehlenden Einsicht der Patienten liegen, sich einer längerfristigen Therapie, vor allem nach einem Suizidversuch, zu unterziehen. Auf der anderen Seite mag es auch an der biologisch mitbegründeten fehlenden Impulskontrolle liegen mit einer Neigung zu überschießender Auto- und Heteroaggressivität. Impulsivität, Auto- und Heteroaggressivität sind aber psycho- wie pharmakotherapeutisch schlecht zu behandeln, wie empirische Studien zeigen. Auf der Grundlage eines umfassenderen Verständnisses pathobiochemischer Mechanismen ließen sich möglicherweise neuartige präventive und therapeutische Ansätze erarbeiten. So belegen kontrollierte Therapiestudien eine Reduktion von Suizidversuchen und Aggressivität durch Substanzen, die dem serotonergen Defizit entgegenwirken, wie zum Beispiel Lithium und SSRIs, aber auch durch Neuroleptika, speziell atypische Neuroleptika.
Schlüsselwörter
suizidales Verhalten – Aggression – Neurobiologie – serotonerges System – Stresshormonsystem – Pharmakotherapie – Psychotherapie
Summary
Suicidal behavior could not be detected in animals in contrast to aggressive behavior. Suicide seems to be exclusively confined to men considering the phylogenesis. Suicide needs as a prerequisite self-reflection, i.e. the individual has to differentiate between an observing and an experiencing ego. From the topographical-anatomical point of view suicidal behaviour as a genuine human property may be located in the phylogenetically youngest area of the brain, i.e. the forebrain and – more distinctly – the so called prefrontal cortex.
Biochemical studies include post-mortem studies, CSF studies, endocrine stimulation tests, assessment of peripheral parameters as well as molecular genetic studies. The main findings are related to a dysfunction of the serotonergic transmitter system, but also to a dysregulation of the stress hormone system influencing the serotonergic system. The neurobiological findings correlate with behavioural parameters such as impulsivity and aggressiveness. Aggressiveness may be inward (auto-aggressiveness/suicidal behaviour) or outward (hetero-aggressiveness), whereby the biochemical findings are primarily related to violent suicide attempts. Furthermore, the biological underpinnings of suicidal behaviour seem to be quite independent from psychiatric disorders such as depressive disorders. Finally, impulsivity and aggressiveness are compatible with a dysexecutive syndrome in the sense of a dysfunction of the dorsolateral prefrontal cortex.
The lack of predictability and control of – further – suicidal behaviour is one of the salient problems in the treatment of suicidal patients. This might, on the one hand, be based on a lack of insight in the necessity of a long-term treatment, especially after a suicide attempt. On the other hand, this might also be a consequence of an at least partly biologically determined lack of impulse control with a preponderance of auto- and hetero-aggressiveness. Impulsivity, auto- and hetero-aggressiveness are treatable only to a limited extent, either using psycho- or pharmacotherapy, as empirical studies could demonstrate. Preventive and therapeutic approaches should be developed on the basis of a more complex understanding of pathobiochemical mechanisms of suicidal behaviour and aggressiveness. Controlled therapy studies could already demonstrate a reduction of suicide attempts after administering compounds reducing the serotonergic deficit such as lithium and SSRIs as well as neuroleptics – especially atypical neuroleptics.
Keywords
suicidal behaviour – aggression – neurobiology – serotonergic system – stress hormone system – pharmacotherapy – psychotherapy
Korrespondenzadresse
Prof. Dr. med. Thomas Bronisch
Max-Planck-Institut für Psychiatrie | Kraepelinstr. 10 | 80804 München
Tel: 089/30622-239, Fax: 089/30622-223
Bronisch(at)mpipsykl(dot)mpg(dot)de
Die verlorene Aggression. Therapeutische Arbeit mit KBT bei aggressionsgehemmten Menschen
Lost aggression – KBT applied in therapy of aggression-inhibited people
Zusammenfassung
Viele Menschen sind nicht in der Lage, einen Konflikt offen auszutragen, und meiden deshalb Auseinandersetzungen. Hinzu kommt die Angst, sie würden die Beziehung zerstören, wenn sie von der Freiheit, offen ihre Meinung zu sagen, Gebrauch machen. Um mit Affekten gut umgehen zu können, ist es wichtig, sich der eigenen Aggressionsäußerungen bewusst zu werden. Aggressionsgehemmte Menschen finden in der KBT ein weites Übungsfeld, auf dem sie über Wahrnehmung und Bewegung an ihre Ausdruckskraft kommen und heftige Gefühle kanalisieren können.
Schlüsselwörter
körperorientierte Psychotherapie – Aggressionshemmung – Wehrlosigkeit – Ausdrucksmöglichkeit – Handlungskompetenz
Summary
Since many people are not trained in deciding conflicts, they shy away from open discussions with their conflict partners. They also fear to destroy their mutual partnership by using their freedom to say their opinion openly. Managing emotional impulses makes it necessary to become aware of one’s own manifestations of aggression. KBT offers to aggression-inhibited people a wide training ground to discover their power of expression through awareness and movement and to channel vigorous feelings.
Keywords
body-oriented psychotherapy – aggression-inhibition – defencelessness – ways of expression – competence of action
Korrespondenzadresse
Christine Gräff | Mauerkircher Str. 94 | 81925 München
Tel. 089-980193 | Fax 089/987349
Der Umgang mit der Aggressivität bei narzisstischen Persönlichkeitsstörungen
Treating the aggressiveness of Narcissistic Personality Disorders
Zusammenfassung
Aggressivität kann zu einem schwer zu behandelnden Problem in Therapien von narzisstischen Persönlichkeitsstörungen werden. Zunächst wird der Begriff „Narzissmus“ definiert und die besondere Anfälligkeit für aggressives Verhalten (narzisstische Wut) von Patienten mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung erläutert, besondere Behandlungsprobleme werden dargestellt. Für die Behandlung sollte der therapeutische Fokus auf die Regulation des Selbstempfindens, die Affekte und die Kohäsion und Fragmentierung des Selbst gelegt werden. In Behandlungskrisen kann Mentalisierung und die Entwicklung einer „relationalen Perspektive“ hilfreich sein.
Schlüsselwörter
Aggression – narzisstische Persönlichkeitsstörung – Behandlungsprobleme – Mentalisierung – relationale Perspektive
Summary
Aggressiveness may develop to a major problem in the treatment of patients suffering from a narcissistic personality disorder. After defining the term “narcissism” the special proneness to aggressive behavior (narcissistic rage) is explained and particular pitfalls of treatment are elaborated. Therapy should be focused on the regulation of self-esteem, affects, and the state of self (cohesion or fragmentation). During treatment crises mentalizing and the development of a “relational perspective” may be helpful.
Keywords
aggression – narcissistic personality disorder – psychotherapeutic pitfalls – mentalizing – relational perspective
Korrespondenzadresse
Prof. Dr. E. E. Milch, Psychosomatische Klinik
Universitäts-Klinikum Giessen und Marburg
Friedrichstr. 33 | 35392 Giessen
Wolfgang.Milch(at)psycho.med.uni-giessen(dot)de
Adoleszenz – Aggression und Gewalt
Adolescence – aggression and violence
Zusammenfassung
Die Adoleszenz ist in Verbindung mit den neuronalen Umstrukturierungen eine Zeit, in der oftmals die Entscheidung nicht einfach ist, das Verhalten Jugendlicher noch der Normalität oder bereits der Psychopathologie zuzurechnen.
Krisenhafte Verläufe ähneln in dieser Zeitspanne Persönlichkeitsstörungen. Die auffällige Neigung zu Aggression und Gewalt im Jugendalter, die später abnimmt, mag damit zusammenhängen, dass die sich entwickelnde Mentalisierungsfähigkeit nicht ausreicht, der affektiven Imbalance Herr zu werden. Psychoanalytische Annahmen zur „zweiten Chance“ (Eissler, 1966) in der Adoleszenz werden durch neurobiologische Befunde bestätigt. Gewalt wird als Resultat mehrerer Faktoren aufgefasst: Biologische, entwicklungsabhängige, soziale, kulturelle, interpersonelle und medienbedingte Einflüsse spielen dabei ebenso eine Rolle wie die genetische Ausstattung, das Temperament, die hormonellen Bedingungen, die Folgen biologischer Beeinträchtigungen (z. B. niedriges Geburtsgewicht und prä- und perinatale Komplikationen) und belastender psychosozialer Einflüsse (Vernachlässigung und Misshandlung). Es werden verschiedene Subtypen von Gewaltverhalten beschrieben, die in der Psychiatrie diagnostisch-klassifikatorisch mit verschiedenen Persönlichkeitsstörungen in Verbindung gebracht werden. Zu ihnen gehören die Borderline-, die narzisstische und die antisoziale Persönlichkeitsstörung. Schließlich wird auf Gewaltverhalten in einem Gruppenprozess eingegangen, bei dem die Normalität sozialer Regeln ausgehebelt wird und eigene Gesetze, die Gewalt befürworten, etabliert werden.
Schlüsselwörter
Adoleszenz – Gewaltverhalten – Neurobiologie – Mentalisierung – Tätertypen – Gangbildung
Summary
Adolescence, in conjunction with neuronal re-organization, is a time in which it is often not easy to decide whether the behavior of teenagers is still within the normal range or already psychopathologic.
During adolescence, times of crisis frequently resemble personality disorders. The striking tendency towards aggressive and violent behavior at young age which decreases later in life may be linked to the fact that the developing mentalization skills are insufficient to control the affective imbalance. Psychoanalytical assumptions regarding a „second chance“ (Eissler, 1966) in adolescence have been confirmed by neurobiological findings. Violence is thought to be the result of several factors: biological, development-dependent, social, cultural, interpersonal and media-related influences play an important role, as well as genetic features, temper, hormonal conditions, the results of biological stress (such as low weight at birth and pre-/perinatal complications) and stressful psychosocial factors (neglect and abuse). We describe various sub-types of violent behavior which, in terms of diagnosis and classification, are associated in psychiatry with certain personality disorders such as borderline, narcissistic and antisocial personality disorders. Finally, violent behavior as part of a group process in which the group abrogates common social rules and establishes their own laws favoring violence is described.
Keywords
adolescence – violence – neurobiology – mentalization – offender types – gang
Korrespondenzadresse
PD Dr. med. A. Streek-Fischer
Asklepios Fachklinikum Tiefenbrunn
37124 Rosdorf/Göttingen
a.streek{at)asklepius(dot)com
Wut- und Schuldgefühle in der Intensiven Psychodynamischen Kurzzeittherapie nach Davanloo
Feelings of murderous rage and guilt in Davanloo’s Intensive Short-Term Psychotherapy
Zusammenfassung
In der Intensiven Psychodynamischen Kurzzeittherapie nach Davanloo kommt dem Erleben primitiver Wutgefühle in der Übertragung eine Schlüsselrolle zu. Wenn die Wut auf den Therapeuten „wirklich, körperlich, im Detail, dennoch in der Vorstellung“ am Gegenüber erlebt wird, tauchen Bilder von Bezugspersonen der Kindheit aus dem Unbewussten auf, die zu den verdrängten traumatischen Erlebnissen führen. Der Wut folgen Schuld- und schmerzliche Trauergefühle zu den geliebten Personen der frühen Bindung. Es kommt zur inneren Aussöhnung mit den introjizierten frühen Bezugspersonen, die den Boden bildet für ein positives Selbstwertgefühl und konstruktive Beziehungsgestaltung im heutigen Leben.
Als Ergebnis seiner videogestützten empirischen Forschung hat Davanloo eine detaillierte Diagnostik für Erscheinungsformen von Angst und Abwehrmechanismen entwickelt, die präzise Interventionen zur Förderung einer tragfähigen bewussten und unbewussten therapeutischen Allianz ermöglicht, und die zum Aufbau von Ich-Stärke und zum Durcharbeiten pathogener Charakterabwehr und erforderlich ist. Das Ziel der IS-TDP ist eine rasche Überwindung von Symptomen und multidimensionale innerpsychische und interpersonelle Strukturveränderungen.
Schlüsselwörter
Durchbruch ins Unbewusste – Erleben von Wut – Mobilisierung des Unbewussten – primitive Wut – Versöhnung der inneren Bezugspersonen
Summary
Primitive transference feelings play a key role in Davanloo’s Intensive Short-Term Dynamic Psychotherapy. Experiencing murderous rage toward the therapist “actually physically, but still in thought and fantasy” is followed by emerging imagery of genetic people of the early childhood from the Unconscious, leading to repressed traumatic experiences. Primitive rage is followed by painful feelings of guilt and grief towards beloved people of early attachment. Inner re-conciliation is the result, forming the ground for positive relationship towards the self and for the ability to form constructive relationships in the present life.
As a result of his empirical research, based on videotechnology, Davanloo developed detailed diagnostic skills for unconscious anxiety and defense mechanisms as base for precise interventions towards a strong conscious and Unconscious Therapeutic Alliance, for restructuring unconscious anxiety, for the mobilisation and resolution of resistances. The aim is removal of symptoms within a few sessions, and multidimensional intrapsychic and interpersonal structural changes.
Key Words
Breakthrough to the Unconscious – Experiencing Rage – Mobilisation of the Unconscious – Primitive Murderous Rage – Re-Conciliation with inner Objects
Korrespondenzadresse
Dr. Gerda Gottwik | Wackenroderstr. 11 | 90491 Nürnberg
Wut ist eine vitale Kraft, die durch Wutexposition in der Psychotherapie nutzbar wird
Anger is a vitale force (power?) – utilized by anger exposition in psychotherapy
Zusammenfassung
Die für die psychische Gesundheit des Menschen unverzichtbare Verfügbarkeit der Gefühle des Ärgers und der Wut wird biologisch und psychologisch begründet. Aggressives und frustrierendes Elternverhalten wird als Ursache von lebenslanger Angst und Wuthemmung betrachtet, die zunächst dazu führen, dass keine reife Emotionsregulation entwickelt werden kann, dass maladaptive Persönlichkeitszüge entstehen, die durch eine dysfunktionale Überlebensregel aufrecht erhalten werden. Im Erwachsenenalter ist deshalb die in einer symptomauslösenden Situation notwendige Wehrhaftigkeit nicht verfügbar, so dass die Symptombildung als Notbremse fungiert, um doch noch aufgestaute Wut und Aggressivität in Schach zu halten. Wuttherapie und Wutexposition schafft Erlaubnis, dieses Gefühl zu haben, lässt die zahlreichen Wutvermeidungen erkennen, bringt die Erfahrung, sicher mit Wut umgehen zu können, schafft emotionale und interaktive Kompetenz, so dass es weniger Grund zu Wut gibt.
Schlüsselwörter
Aggression – Wut – Ärger – Frustration kindlicher Bedürfnisse – maladaptive Persönlichkeit – dysfunktionale Überlebensregel – Wuttherapie – Wutexposition
Summary
The indispensable availability of feelings of irritation and anger for the psychological health of men is biologically und psychologically substantiated. Aggressive and frustrating parental behaviour is seen as the cause of lifelong fear and inhibition of anger, which initially leads to lacking the development of a mature regulation of emotions and results in maladaptive personality traits, maintained by a dysfunctional rule of survival.
Therefore in adulthood, in a symptom triggering situation the necessary ability to defend oneself is not available. Creating of symptoms then acts as the emergency brake to hold dammed up anger at bay after all.
Anger therapy and anger exposition grants permission to have these feelings, indicates the numerous avoidances of anger, gains the experience to safely handle anger, and creates emotional and interactive skills, so there is less cause for anger.
Keywords
Aggression – Anger – Irritation – Frustration of Needs in Childhood – Maladaptive Personality – Dysfunctional Rule of Survival – Anger Therapy – Anger Exposition
Korrespondenzadresse
Prof. Dr. Dr. Serge K. D. Sulz | Kathol. Universität Eichstätt-Ingolstadt
Postanschrift: Nymphenburger Str. 185 | 80634 München
SergeSulz(at)aol(dot)com
Busch-Wübbena U., Hinrichs J., Huber J., Kick C., Kuckelsberg R.
Deeskalationstrainings – historischer Überblick, Ergebnisse und aktueller Stand
De-escalation trainings – historical overview, results and state of the art
Zusammenfassung
Deeskalationstrainings bekommen zunehmend einen höheren Stellenwert in psychiatrischen Einrichtungen. Erst seit den 1990er Jahren werden von den Versicherungsträgern Erhebungen über Verletzungen von Mitarbeiten durch Patienten durchgeführt. Der Anteil von Übergriffen an der Gesamtzahl der gemeldeten Arbeitsunfälle liegt je nach Versorgungsschwerpunkt bei 5% bis zu 50%, am höchsten in Fachkliniken für Psychiatrie und Kreispflegeheimen. Die Gemeindeunfallversicherer und die Berufsgenossenschaft BGW engagieren sich verstärkt im Bereich des Deeskalationsmanagements. Das Max-Planck-Institut für Psychiatrie stellt sich seit 1999 dieser Aufgabe. Ein Deeskalationsmanagement hat die Aufgabe, alle technischen, baulichen, organisatorischen und personenbezogenen Maßnahmen durchzuführen, die die körperliche und seelische Gesundheit der Mitarbeiter und der Patienten gewährleisten. Das Deeskalationstraining und Ergebnisse einer ersten Evaluation eines solchen Trainings werden vorgestellt und Konsequenzen für die Zukunft gezogen.
Schlüsselwörter
Gewalt – Aggression – Psychiatrie – Training – Fremd- und Selbstschutz
Abstract
Training programs for managing aggression and violence get more important in psychiatric institutions. First evaluations of aggressive assaults caused by inpatients have been assessed by health insurance companies since the 1990ies. The proportion of aggressive attacks lays between 5 % to 50 % in the whole amount of casualties at work dependent on the prime focus of care. The highest rates are found in psychiatric clinics and in local nursing units. The local Emergency Assurance and the Employer`s Liability Insurance are now more engaged in the realm of de-escalation management. The Max-Planck-Institute of Psychiatry is facing this task since 1990.The task of a deescalation management is to perform all technical, architectural, organizational and person related measures for guaranteeing corporal and psychic healthiness. The deescalation training is described, results of the first evaluation are presented and consequences for the future are drawn.
Keywords
Aggression – Violence – Training program – Self-defense – Protection of others
Korrespondenzadresse
Uwe Busch-Wübbena | Max-Planck-Institut für Psychiatrie
Kraepelinstraße 10 | 80804 München | Busch(at)mpipsykl.mpg(dot).de
Busch-Wübbena U., Jürgensonn G., Kötter C., Jäger C., Kick C., Kuckelsberg R., Reiner S., Huber J., Hinrichs J.
Zivilcourage und Gewaltverzicht – Ein Deeskalationstraining für Bewohner des Katholischen Männerfürsorgevereins München e.V., Haus an der Chiemgaustraße
Moral courage and abandonment of violence – a de-escalation training for the inmates of the Katholischer Männerfürsorgeverein München e. V., Haus an der Chiemgaustraße
Zusammenfassung
Der Katholische Männerfürsorgeverein e. V. (KMFV) in München engagiert sich helfend, präventiv und nachsorgend in der Wohnungslosenhilfe, Strafentlassenenhilfe, Straffälligenhilfe, für arbeitslose Menschen und für Menschen mit Suchterkrankungen. Innerhalb dieser Klientel gibt es Männer, die immer wieder in Konfliktsituationen geraten, sich dabei aggressiv und gewalttätig verhalten und durch Strafdelikte auffällig werden. Für diese Männer gibt es keine geeigneten externen Hilfsangebote.
Die Leitung und die Mitarbeiter des Hauses an der Chiemgaustraße, eine Einrichtung des KMFV, hat diese Notwendigkeit erkannt und mit den Mitgliedern der Deeskalationskompetenz (DeKom) [1] das Training Zivilcourage und Gewaltverzicht entwickelt, das auf die spezifischen Bedürfnisse und Möglichkeiten der Klienten ausgerichtet ist. Insbesondere sollte das Training einen niedrigschwelligen Zugang für die Teilnehmer ermöglichen.
Ziele des Trainings waren die Reduzierung des Gewalt- und Aggressionsniveaus, das Erlernen von alternativen Handlungsmöglichkeiten und weniger gerichtliche Verurteilungen wegen Körperverletzung. Das erste Training wurde in 2006, das zweite Training in 2008 durchgeführt. Im zweiten Training wurden neben den Rückmeldebögen der Teilnehmer zur Erfassung der Akzeptanz der Fragebogen zur Erfassung von Aggressivitätsfaktoren (FAF; Hampel & Selg) und das State-Trait-Ärgerausdrucks-Inventar (STAXI; Schwenkmezger, Hodapp & Spielberger) eingesetzt, um die Wirksamkeit des Trainings zu überprüfen.
Insgesamt lässt sich feststellen, dass das Anti-Gewalt-Training „Zivilcourage und Gewaltverzicht“ positive Effekte bezüglich Aggressivität und Ärgererleben und -ausdruck bei wohnungslosen Männern hat.
Schlüsselwörter
Wohnungslose – Wohnungslosenhilfe – Aggression – Gewalt – Training – Fremdschutz – Selbstschutz
Summary
The Katholischer Männerfürsorgeverein e. V. (KMFV), a non-proftit catholican organisation in Munich, is dealing with support, prevention and after-care for homeless males, ex-convicts, misdemeanants and males with drug problems. Among these clients there are males who often get in aggressive or violent social conflicts and as a result also get in conflict with police and law. There are no appropriate external offers for these males in handling and reducing aggressive behaviour.
The KMFV, Haus an der Chiemgaustrasse, has identified the need of such an offer and as a result has developed together with the members of Deeskalationskompetenz (DeKom) the training Zivilcourage und Gewaltverzicht (moral courage and abandonment of violence). This training is in line with the specific needs, possibilities and abilities of the clients in co-operation with the members of the DeKom©. In particular the threshold for using such a training should be very low, so that it could be easily reached by the clients.
The objectives of the training were the reduction of aggressive and violent behaviour, the acquisition of alternative behaviours and less convictions because of assaults. The first training was in 2006, the second training in 2008. In both trainings a feedback form was used in order to assess the acceptance of the training. Additionally, in the second training two standardised questionnaires (FAF and STAXI) were used before and after the training for evaluating the effects.
In summary it could be demonstrated that the moral courage and abandonment of violence training had positive effects in the sense of reduction of aggressivity and anger expression in homeless males.
Keywords
Homelessness – Care for the homeless – Aggression – Violence – Training – Protection of others – Self protection
Korrespondenzadresse
Uwe Busch-Wübbena | Max-Planck-Institut für Psychiatrie
Kraepelinstraße 10 | 80804 München | Busch(at)mpipsykl.mpg(dot).de


