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Verhaltensanalyse

Diagnose als funktionale Verhaltensanalyse: „Das erstrebenswerteste Klassifikationssystem ist jenes, welches aufgrund einiger weniger herausragender Charakteristika einer Person höchst genaue Voraussagen vieler entscheidender Verhaltensweisen erlaubt, einschließlich Reaktionen auf bestimmte Behandlungsarten, Wahrscheinlichkeit des Auftretens verschiedener unerwünschter Verhaltensweisen und Ausmaß der sozialen Anpassung.“ (Kanfer und Saslow 1974).
In Abänderung von Lindsleys (1964) S-R-K-C- Schema sehen Kanfer und Saslow (1974) die Aufgabe der Diagnose in der möglichst lückenlosen Aufdeckung und Beschreibung der Sequenz
 
S - O - R - K - C
 
(Stimulus Organismus Reaktion Kontingenz Konsequenz).
 
Dies entspricht einem lerntheoretischem Modell menschlichen Verhaltens, anhand dessen der Untersucher die sozialen (S) und biologischen (O) Bedingungen und Auslöser von gestörten Verhaltensweisen (R) auffinden soll, ebenso wie jene regelmäßigen Verknüpfungen (k) dieser Verhaltensweisen mit Konsequenzen (C), die die Aufrechterhaltung der psychischen Störungen erklären können. Die resultierende Diagnose besteht in der Angabe dieser funktionalen Sequenz. Ursachen von psychischen Störungen können sowohl Änderungen der Konsequenzen früheren Verhaltens sein (z. B. die bisherige Arbeitsmethode wird beim Arbeitgeber als unfruchtbar betrachtet), Änderungen der Kontingenzen (die erwachsenen Kinder geben der Mutter nur noch einmal im Monat Gelegenheit, sie zu umsorgen), Änderungen des sozialen und kognitiven Umfelds, in das frühere Verhaltensweisen eingebettet waren (z. B. der Wechsel von einer vertrauten in eine extrem reizarme (aus der Familie ins Einzelappartment) oder reizübersättigte (Großstadt-) Umgebung), als auch Änderungen im Organismus des Patienten.
 
Kanfer und Saslow geben eine lange Reihe von Anweisungen, die der Untersucher befolgen soll, um zur Diagnose zu gelangen. Ihr Ansatz zählt zu den normativen Diagnosemodellen, wobei aber die Kategorisierung der Störung bzw. des Patienten in eine Klasse von Erkrankungen nicht gefordert wird.
Wird trotzdem eine Klassifikation vorgenommen, so hat sie keine Auswirkung auf die Therapie, welche bereits durch die Aufdeckung der S-O-R-K-C Sequenz im Prinzip festliegt (Kanfer und Nay 1982, vergl. auch Wittchen 1988).
Goldfried und Kent (1972) nennen 3 wichtige Unterschiede zwischen traditioneller und verhaltenstheoretischer Diagnostik:
1. Traditionelle Ansätze gehen von einem Konstrukt aus, das die Konsistenz des Verhaltens einer Person bestimmt. Verhalten ist demnach ein Zeichen für solche hypothetischen Konstrukte. Verhaltenstherapeuten suchen eher die Zusammenhänge zwischen Verhalten und spezifischen Umweltbedingungen.
2. Traditionelle Ansätze sehen Verhalten als stabil an, ungeachtet der Situation, in denen Verhalten auftritt. Deshalb werden Verhaltensstichproben ohne Berücksichtigung der Situation (dem Inhalt von Testsituationen und Testitems) gebildet. Verhaltenstherapeuten bilden dagegen Stichproben der Situationen, in denen ein Verhalten auftritt.
3. Traditionelle Ansätze interessiert Verhalten nur als Zeichen für die eigentlich interessierende Persönlichkeitseigenschaft. Verhaltenstherapeuten betrachten dagegen Testverhalten als Teilmenge des interessierenden aktuellen Verhaltens. Demnach sind traditionelle Ansätze eher intuitiv und der verhaltenstherapeutische eher empirisch orientiert.
Ciminero (1986) fügt einen weiteren Unterschied hinzu:
4. Bei traditionellen Ansätzen führt Verhaltensmessung zu einer traditionellen Diagnose, die wenig Vorhersagekraft für die spätere Behandlung hat. Verhaltensdiagnostik dagegen hat mindestens 2 primäre Funktionen:
a) Selektion geeigneter Ziel-Verhaltensweisen und
b) spätere Evaluation der Behandlungseffekte.
Kanfer et al. (1990, S. 495ff) diskutieren die typischsten Beurteilungsfehler im verhaltensdiagnostischen Prozeß und schlagen Strategien zu deren Minimierung vor.
 
 
In der Vergangenheit gab es mehrere Beschreibungen des typischen Ablaufs des verhaltensdiagnostischen Prozesses. Kanfer und Saslow (1974) haben den verhaltensdiagnostischen Prozeß differenziert beschrieben. Auch Schulte (1974) hat die Verhaltensanalyse als Prozeßablauf dargestellt, sich teilweise auf Kaminski (1970) stützend. Sachse (1979) erarbeitete zahlreiche bedingungs- und störungsspezifische Module für eine jeweils vertiefende Erfassung der betreffenden Bereiche. Bartling et al. (1980) haben die Verhaltensanalyse unter dem Aspekt der Problemlösung zu einem zielorientierten Prozeß ausgestaltet. Grawes Modell der vertikalen Verhaltensanalyse war eine wichtige Erweiterung des verhaltensdiagnostischen Horizonts (Caspar und Grawe (1982), Caspar (1989)) Im vorliegenden Buch wird dieser Aspekt im Abschnitt Person und Persönlichkeit diskutiert . Ullrich und Ullrich de Muynck (1980) haben den verhaltensdiagnostischen Prozeß im Bereich von sozialen Ängsten dargestellt. Sulz (1987) hat die Strukturierung des verhaltensdiagnostischen Prozesses in Frageform zusammengefaßt (Tabelle 1).
 
Tabelle 1: Der verhaltensdiagnostische Prozeß (aus Sulz, 1987)
 
a) Problemanalyse:
Was ist das Problem?
Wie ist die Problemsituation?
Was ist das Problemverhalten?
Wünscht der Patient eine Änderung des Problemverhaltens?
Welches Verhalten oder welche Verhaltenssequenz ist erwünscht?
 
b) Situationsanalyse:
An welchem Ort tritt die problematische Situation auf?
Zu welcher Zeit tritt sie auf?
Welche Personen sind daran beteiligt?
In welchem größeren Kontext muß die Situation gesehen werden?
Welche Bedeutung hat die Situation, haben die einzelnen Personen?
Welche Erwartungen und Interessen hatten die anderen, welche der Patient?
Wie verhielten sich die anderen Personen?
Wie reagierte jeweils der Patient offen und innerlich (gedanklich, emotional, körperlich), auf welche einzelnen Reaktionsaspekte der anderen Personen?
Die Fragen werden fortgesetzt, bis der Therapeut im Detail weiß, was in der Situation geschah, so daß er selbst das Drehbuch dieser Szene samt Szenenbild schreiben und beschreiben könnte.
 
c) Verhaltensanalyse (Topographie und Intensität)
Wie sieht das äußerlich beobachtbare Verhalten aus?
Wie beschreibt der Patient selber seine Symptomatik (Gedanken und Gefühle)?
Welche psychologischen und körperlichen Reaktionen treten auf?
Wie heftig ist die Reaktion?
Wie häufig ist das Verhalten (Grundrate erheben)?
Gibt es Schwankungen in der Häufigkeit?
Wovon hängen diese Schwankungen ab?
Wodurch wird das Verhalten symptomatisch, d.h. störend?
- Ist es gänzlich unangemessen in der Situation?
- zu häufig? - zu selten? - fehlt häufig?
 
d) Bedingungsanalyse:
Ist das Verhalten eher operant oder respondent?
Welche Reize gehen unmittelbar voraus?
immer? häufig? manchmal?
Welche Reize führen zu größerer Intensität der Reaktion?
Unter welchen Bedingungen tritt das Verhalten nicht auf?
Treten unter den genannten Reizbedingungen auch andere Verhaltensweisen auf statt des Problemverhaltens?
Welche unmittelbaren Konsequenzen hat das Verhalten?
Wie ist die Reaktion anderer?
Ist das Verhalten eine Vermeidungs- oder Fluchtreaktion oder wird es positiv verstärkt?
Welche Reize werden durch das Verhalten vermieden?
 
e) Funktionsanalyse (nach Hand 1986):
1. intraindividuell:
Stellt das Symptom eine direkt zu behebende Behinderung dar?
Ist das Symptom Ausdruck einer verhaltenstherapeutisch nicht behandelbaren psychiatrischen oder somatischen Erkrankung?
Ist das Symptom ein Kompensationsversuch für eine höhergradige Störung (z. B. Zwänge bei Depression oder bei Schizophrenie)?
Ist das Symptom Signal für gravierende Fehler in der Lebensführung?
2. interaktionell:
Dient das Symptom als Machtinstrument? Als Ausdruck hilflosen Protests?
Als Alibi in der Familie? Als Appell an das engere soziale Umfeld, Änderungen herbeizuführen?
Verhindert das Symptom Veränderungen in der Familie (Systemstabilisierung)?
Verhaltensdiagnostik läßt sich in 4 Bereiche einteilen:
1. Beschreibung des Problems (Problemanalyse)
2. Selektion von Zielverhaltensweisen (Zielanalyse),
3. Behandlungsstrategien (Therapieplanung) und
4. Evaluation des Behandlungsergebnisses.
 
Verschiedene Modelle und Meßverfahren haben ihren Schwerpunkt in einem dieser Bereiche, z. B. das SORKC-Modell und dessen Weiterentwicklungen im deskriptiven Bereich.
Zur Auswahl der Ziele und Behandlungsverfahren liegt bisher keine allgemeines Modell vor. Es läßt sich nach Ciminero (1990) lediglich grob einteilen:
emotional-physiologische Reaktion: Biofeedback und Entängstigungsstrategien
(systematische Desensibilisierung, Reizkonfrontation)
Kognitiv-verbale Reaktionen: kognitive Strategien
offenes Verhalten: operante Verfahren
 
Als Evaluationsmethode empfiehlt Peterson (1968) eine funktionale Verhaltensanalyse:
1. Systematische Beobachtung des Problemverhaltens (Baseline),
2. Systematische Beobachtung der Stimulusbedingungen (Antezedente diskriminative Stimuli und konsequente Verstärker),
3. Experimentelle Manipulation einer Bedingung (siehe 2.),
4. Weitere Beobachtung, um Verhaltensänderungen zu erfassen.
 
Hersen und Barlow (1976) beschreiben hierzu das einfache A-B-Einzelfall-Design.
Mash und Terdal (1988) fügen zu den bisher genannten 4 Funktionen oder Bereichen der Verhaltensdiagnose eine 5. hinzu: Die Prognose als Vorhersage künftiger Verhaltensweisen und spezifischer Bedingungen. Die prognostische Hypothesenbildung ist allerdings impliziter Bestandteil sowohl der strategischen Planung als auch der Evaluation unter der Verwendung des einfachen experimentellen Einzelfalldesigns.
 
Mash und Hunsley (1990) betonen als Besonderheit der Verhaltensdiagnostik die Auswahl von Meßverfahren im maßgeschneiderten Einsatz für einen spezifischen Patienten in einer spezifischen Situation (idiographischer Ansatz gegenüber dem nomothetischen Ansatz der traditionellen Diagnostik). Dies impliziert oft die Verwendung improvisierter und unstandardisierter Formen der Datenerhebung ohne Kenntnis der Reliabilität und Validität, was den Vergleich wissenschaftlicher Therapiestudien erschwert.
 
Lang (1985) empfiehlt die grundsätzliche Definition des zu messenden Verhaltens als „Triple-Response-System“. Verhalten muß demnach auf den drei wichtigen Dimensionen "verbal - somatisch - offenes Verhalten" bestimmt und gemessen werden. Wegen der geringen Korrelation dieser 3 Dimensionen ist jede Dimension einzeln zum Zielverhalten zu erklären, wenn sie gestört ist.
Lazarus (1976) fordert in seiner verhaltensdiagnostischen BASIC-ID-Heuristik ebenfalls die ständige Berücksichtigung aller wichtigen Verhaltensdimensionen:
B Behavioral (Dauer, Häufigkeit, Intensität, Antezedenzien und Konsequenzen des Verhaltens)
A Affective (Insbesondere: welche Ereignisse führen zu intensiven emotionalen Reaktionen)
S Sensory (sensorische Erfahrung und körperliche Beschwerden)
I Imagery (Vorstellung, innere Bilder)
C Cognitive (Kognitionen, Überzeugungen, Attributionen)
I Interpersonal (Interaktionen, Beziehungen, sozialer Kontext)
D Drugs (Körperlicher Status mit somatischen Erkrankungen und eventueller Medikation oder anderer ärztlicher Behandlung)
 
Für die Auswahl von Ziel-Verhaltensweisen wurden als Kriterien vorgeschlagen (Mash und Terdal 1988):
1. Ist das Verhalten für den Patienten oder andere körperlich gefährdend oder gefährlich?
2. Ist das Verhalten aversiv für andere Menschen?
3. Wird das Verhalten nach der Behandlung durch andere aufrecht erhalten?
4. Fällt das Verhalten in das Behandlungsrepertoire des Therapeuten?
5. Ist das Verhalten relativ leicht zu ändern?
6. Wird das Verhalten eine therapeutisch hilfreiche Generalisierung entfalten?
7. Ist das Verhalten ein frühes Element komplexerer Verhaltensketten?
8. Vermeidet das Verhalten einen Problemfokus in der Behandlung?
9. Verschafft das Verhalten einen Zugang zu natürlicher Verstärkung in der sozialen Umwelt des Patienten?
10. Ist das Verhalten grundlegend für die körperliche und psychische Entwicklung eines Menschen?
 
Barlow (1986) betont, daß das Fokussieren einzelner Verhaltensweisen statt der Betrachtung ganzer Klassen von Verhaltensweisen oder statt der Berücksichtigung von Kovariationen verschiedener Verhaltensweisen zu unteroptimalen Therapiestrategien führt.
Kanfer (1985) weist darauf hin, daß die zur Entstehung einer psychischen Störung führenden Faktoren andere sind, als die die Krankheit aufrecht erhaltenden. Deshalb sind letztere therapeutisch bedeutsamer.
 
Wenn man bedenkt, daß während der Therapie stets neue Erkenntnisse eine Modifizierung des individuellen Störungsmodells, der Zielformulierungen und der Therapiestrategie erforderlich machen und außerdem während der Therapie oft neue Problemverhaltensweisen auftauchen, so ist Kanfers (1985) Forderung nach einem rekursiven, iterativ problemlösenden Prozeßmodell der Verhaltensdiagnostik die den diskutierten Anforderungen am ehesten gerecht werdende Leitlinie. Kanfer et al. (1990) haben ein Diagnosemodell vorgestellt, das als rekursives Prozeßmodell auch während des therapeutischen Prozesses eine ständige Reflexion der diagnostischen Fragen verlangt (7-Phasenmodell):
1. Eingangsphase: Schaffung günstiger Ausgangsbedingungen,
2. Aufbau von Änderungsmotivation und vorläufige Auswahl von Änderungsbereichen,
3. Verhaltensanalyse und funktionales Bedingungsmodell,
4. Vereinbaren therapeutischer Ziele,
5. Planung, Auswahl und Durchführung spezieller Methoden,
6. Evaluation therapeutischer Fortschritte,
7. Endphase: Erfolgsoptimierung und Abschluß der Therapie.
 
aus S.K.D. Sulz Verhaltensdiagnostik und Fallkonzeption.
 
weiterführende Literatur