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Reaktionskette

Die Reaktionskette bis zum Symptom
 
Unsere bisherigen Betrachtungen fanden auf einer Makroebene statt. Wir überschauten einen großen Zeitraum in der Dimension von Monaten bis Jahren. Es konnte sein, dass zwischen dem auslösenden Ereignis und dem Krankheitsbeginn Wochen bis Monate vergingen, z.B. eine Depression drei Monate nach dem Tod des Angehörigen, nachdem die vielen mit Beerdigung, Grabpflege, Erbschaft und Wohnungsauflösung verbundenen Aktivitäten abgeschlossen waren.
 
Nicht wenige Symptome kommen und gehen während der Erkrankung abhängig von typischen konkreten Situationsabläufen, wie z.B. agoraphobische Ängste. Diese Abläufe verdienen auf einer Mikroebene besondere Aufmerksamkeit. Die Funktion des Symptoms lässt sich dadurch klarer nachvollziehen.
 
Zuerst fragen wir, in oder nach welchen Situationen das Symptom meistens auftritt oder erheblich intensiver wird. Gemeinsam mit dem Patienten wählt der Therapeut eine besonders typische, gut erinnerliche und nicht zu lange zurückliegende Situation aus. Das kann eine Konfrontation mit dem Vorgesetzten oder ein Streit mit dem Ehemann oder ein Telefonat mit der Mutter sein usw. Die emotionale Bedeutung der Situation, des Ablaufs und des Ergebnisses der Situation wird erarbeitet. Hilfreich ist das szenische Nachstellen der Situation mit Rollenspiel- und Imaginationssequenzen. Der Therapeut versucht, nach- und mitzuempfinden, was dem Patienten widerfährt.
 
Szenisches Wiedererleben der Situation:
Was geschieht da mit mir?
Wie geht der andere da mit mir um?
Was bewirkt das mit mir und in mir?
Was wird frustriert, was verletzt?
Wie fühlt sich diese Frustration an, wie die Verletzung?
Welches Gefühl entsteht in mir?
Gab es vielleicht noch ein kurz aufflammendes Gefühl kurz zuvor?
Mit welchem Gefühl hätte ein sehr spontaner Mensch reagiert?
Habe ich dieses Gefühl auch kurz aufblitzend gehabt?
Vielleicht so kurz, dass ich es erst jetzt deutlicher nachempfinden kann?
Und wenn ich dieses (primäre) Gefühl zulasse, welcher Handlungsimpuls entsteht?
Was würde ich aus diesem Gefühl heraus am liebsten tun?
Wenn ich mir vorstelle, ich täte es tatsächlich, was wären die Folgen – für mich – für die Beziehung?
 
Diese ersten Glieder der Reaktionskette werden meist “verschluckt”. Sie sind bei vielen Menschen nicht bewusst, obgleich sie prinzipiell bewusstseinsfähig sind. Sie werden unterdrückt und an ihre Stelle tritt ein sekundäres Gefühl, das das Verhalten und die Interaktion in eine ganz andere, unbedrohlichere, wenngleich nachteiligere Richtung lenkt. So kann statt Wut und Angriffsimpuls ein Insuffizienzgefühl mit Passivität oder ein Schuldgefühl mit Wiedergutmachungsbemühungen oder ein Unterlegenheitsgefühl mit unterwürfigem Verhalten entstehen. Da oft offenes Verhalten unterdrückt wird, um die Beziehung zu schonen, spielt sich um so mehr Bewegung im Körper ab. Die wahrgenommenen Körperreaktionen verraten den Widerstreit der Handlungstendenzen, sind Ausdruck des Konflikts, den die Situation evoziert. Je eher die körperlichen Reaktionen im Bewegungsapparat lokalisiert sind, um so weiter ist der schließlich zurückgehaltene Handlungsimpuls schon vorgedrungen, umso eher verrät die Art und Lokalisation der Beschwerden, welcher Handlungsentwurf besteht. Körperwahrnehmungen in viszeralen Regionen sind eher Gefühlsäquivalente, spiegeln also eher das Betroffen- und Getroffensein wider.
 
Situation mit extrem frustrierendem oder bedrohendem Verhalten des anderen
 
Primäres Gefühl als Antwort auf dieses Verhalten
 
Primärer Handlungsimpuls, der aus diesem Gefühl entsteht
 
Antizipation der Folgen dieses Handelns
 
Gegensteuerndes, sekundäres Gefühl, das den Handlungsimpuls bremsen soll
 
Beobachtbares Verhalten aus diesem sekundären Gefühl heraus
 
Symptombildung, falls das primäre Gefühl trotzdem bleibt und die Gefahr des impulshaften Handelns groß ist
 
Normalerweise reicht diese Art des Umgangs mit einer schwierigen Situation aus, um sich selbst und die lebensnotwendige Beziehung zu schützen. Beim nächsten Mal wird wieder so reagiert – mit dem gleichen Erfolg. Wenn aber die primäre Emotion weiter anhält und der primäre Handlungsimpuls nicht mit obigen Mechanismen gestoppt werden kann, muss die Notbremse gezogen werden: das Symptom. Entweder ist also die primäre Emotion so intensiv, dass sie in die Welt hinausmuss oder die Bereitschaft bzw. Fähigkeit der Psyche, diese Situation auszuhalten, sich dieses Verhalten des anderen gefallen zu lassen, ist nicht mehr vorhanden – wie beim Krug, der zum Brunnen geht, bis er bricht. Dies kann der Fall sein, wenn das empörende oder frustrierende Verhalten des anderen unentwegt anhält und dadurch immer wieder Benzin auf das Feuer des primären Gefühls geschüttet wird.
 
aus S.K.D. Sulz: Von der Strategie des Symptoms zur Strategie der Therapie
- Prozessuale und inhaltliche Gestaltung von Psychotherapien