Phobien

Verhaltenstheoretischer Hintergrund
 
Lernpsychologische bzw. verhaltenstheoretische Erklärungsmodelle (Levitt 1971) (Birbaumer 1973) (Krohne 1976) (Sorgatz 1986) sind auch da aus der Mode gekommen, wo sie nach wie vor die ökonomischsten Erklärungen zu bieten haben. Dies ist verständlich, weil sich erkenntnisfreudige Wissenschaftler kognitiven Themenbereichen zuwenden und versuchen, ihre empirischen Ergebnisse auch auf klinische Störungen anzuwenden, ohne diese allerdings gleichermaßen gründlich erforscht zu haben. Wenn man Verhalten so weit definiert, daß auch Kognitionen einbezogen sind, so sind diese lediglich eine von vielen Modalitäten eines komplexen Verhaltensmusters aus emotionalen, kognitiven, körperlichen und handelnden Reaktionsbestandteilen. Nach wie vor geht es bei klinischen Störungen um assoziative Verknüpfungen, die z.B. eine Ähnlichkeit, eine zeitliche Kontiguität oder eine logische Regelhaftigkeit darstellen. Wenn diese traumatischen oder belastenden Verknüpfungen von den betreffenden Menschen nicht selbst wieder ausgelöscht werden können, bedarf es der Psychotherapie. Beim Versuch, die kausale Kette der Entstehung der psychischen bzw. psychosomatischen Störung zu rekonstruieren, geht sowohl der Wissenschaftler als auch der Therapeut fast ausschließlich im Gesprächsmodus vor. Diese Art der Informationssammlung führt zu einer Beschränkung der Informationen auf verbalisierbares und überwiegend kognitives Material bzw. kognitive Konstrukte. Das heißt der Theoriebildung ist durch die wissenschaftliche Methodik eine sehr enge Grenze gesetzt: Theoriebildung über psychische Prozesse ist kognitive Konstruktbildung des Wissenschaftlers über kognitive Konstrukte des Probanden bzw. Patienten.
 
Um so hilfreicher erscheint es, auf lernpsychologische Modelle zurückzugreifen und auf ihrer Basis kognitive Prozesse in ein verhaltenstheoretisches Modell einzubeziehen. Bei der Erklärung der Phobie-Entstehung ergibt sich folgende Modellentwicklung:
 
S(Makro) = problematische Lebenssituation (z.B. einengende Ehe)
R(u) = unabhängige Bewältigungsreaktion (z.B. Trennung vom Partner)
C(u) = unerwünschte Konsequenz (z.B. getrennt, allein sein)
UCS = S(Makro) + Handlungsentwurf R(u) + Antizipation von C(u)
UCR = R(a) = Angst, Flucht aus dem Problem UCS (Einengung/Trennung)
CS = S(Mikro) = konditionierte Situation (z.B. U-Bahn, Kaufhaus, Lift)
CR = Angst, Flucht aus der Situation CS (Einengung)
 
1. Der phobische Stimulus CS ist ein klassisch konditionierter Angstauslöser
 
UCS - UCR
I
CS - CR
 
2. Die Konditionierung erfolgte in einer unterschwellig bedrohlichen inneren oder äußeren Lebenssituation S(Makro). Primär Angst auslösend ist C(u), damit aber auch R(u) und S(Makro).
 
3. Der phobische Stimulus CS hat Ähnlichkeit mit der bedrohlichen Lebenssituation: CS ist subjektiv etwa = S(Makro).
 
4. Vermeidungs- bzw. Fluchtverhalten bezüglich der phobischen Situation CS hat in der Mikrosituation die Funktion, das aversive Gefühl der Angst zu beenden bzw. zu vermeiden.
 
5. Angst/Flucht wird sekundär zum operanten Verhalten. Die Phobieentwicklung hat eine instrumentelle Funktion (nicht erst das Flucht- und Vermeidungsverhalten!): Die Phobie hat die Funktion, in der bedrohlichen Lebenssituation zu verhindern, daß ein unerwünschtes alternatives Verhalten R(u) ausgeübt wird, das zu einer mutmaßlichen unerwünschten traumatischen Konsequenz C(u) führen würde.
 
Aus S(Makro) - R(u) - C(u) = weg von Zuhause
 
wird S(Makro) - S(Mikro) - R(a) = schnell nach Hause
 
Ohne Phobie würde der Verhaltenstendenz R(u) nachgegangen werden. Es müßte damit gerechnet werden, daß die traumatische Konsequenz C(u) eintreten würde. Lerntheoretisch wird die Angstreaktion negativ durch das Ausbleiben der unerwünschten Konsequenz C(u) verstärkt.
 
6. Durch Generalisierung entsteht eine spezifische Klasse von Situationen, die direkt oder im übertragenen Sinne im Bedeutungszusammenhang stehen mit der problematischen Lebenssituation. Dadurch wird die Wahrscheinlichkeit, R(u) auszuführen und sich dadurch in Gefahr zu begeben, immer geringer.
 
7. Panikzustände entstehen, wenn in einer äußeren (z.B. U-Bahn, weiter Platz) und/oder inneren Situation (Phantasie, Erinnerungen), die im Bedeutungszusammenhang mit der Makro-Situation, dem unabhängigen Verhalten R(u) und dessen unerwünschter Konsequenz C(u) steht,
a) Flucht oder Vermeidung nicht möglich ist
b) eine schützende/leitende Person nicht erreichbar ist
c) die Verhaltenstendenz R(u) zu stark zu werden droht
d) obige Auslöser, die allein unterschwellig geblieben wären, sich aufsummieren.
Panikzustände sind der traumatische Beginn eines neuen Konditionierungsprozesses. Sie sind selbst ein so extrem traumatisches Erlebnis, daß sie lernpsychologisch die Bedeutung eines neuen UCS haben, der einen neuen UCR (Angst/Flucht) auslöst, die „Angst vor der Angst“. Diese mit jedem Panikzustand neuerliche Konditionierung erklärt die Hartnäckigkeit der Angstzustände. Sie sind nicht Angst vor einem eingebildeten Trauma, sie sind Trauma!
 
8. Die Mikrosituation CS bleibt angstauslösend, solange folgende Verknüpfungen nicht gelöscht sind (kognitiv: die entsprechenden Hypothesen nicht falsifiziert sind):
a) Die Mikrosituation CS ist nahezu identisch mit dem Makroproblem UCS.
b) Die Makrosituation führt zwingend zur Reaktion R(u).
c) R(u) führt zur unerwünschten Konsequenz C(u).
d) Fazit: Die Mikrosituation führt zur unerwünschten Konsequenz C(u).
e) Grundannahme: „C(u) ist die Katastrophe, die ich nicht aushalten kann.“
 
9. Verbleiben in der Mikrosituation führt zur Löschung dieser Verknüpfungen.
 
10. Kognitive Neubewertung von C(u) - u.a. durch Entkatastrophieren - führt auch zur Löschung obiger Verknüpfungen.
 
11. Kognitive Neubewertung von S(Makro) führt ebenfalls zur Löschung obiger Verknüpfungen.
 
15. Diese Löschungen erfordern keine Einsicht der Patientin in die Zusammenhänge auf der Makroebene. Vielmehr erleichtern Veränderungen auf der kognitiven Ebene diese Löschungsprozesse.
 
16. Kognitionen in der Situation sind Ergebnisse der eigentlich präverbalen und präkognitiven Prozesse, sie haben modifizierende Funktion - sie sind z.B. Angst steigernd, haben aber nicht die Bedeutung von kausalen Faktoren. Sie sind der bewußt wahrnehmbare und kommunizierbare Bestandteil eines komplexen Verhaltens wie das Chassis und die Karosserie eines Autos.
 
17. Dagegen sind Einstellungen als Grundannahmen oder Überlebensschlußfolgerungen und Überlebensregeln ein wichtiges Bindeglied in der kausalen Kette, indem sie die Quintessenz der symptomrelevanten Lernerfahrung erkennbar machen und auf globale individuelle Handlungstendenzen und Verhaltens- und Erlebensstereotypien hinweisen, die die Disposition des Individuums zur spezifischen Störung erklären.
 
18. Kognitive Therapiestrategien sind nicht wirksam, weil gestörte Kognitionen die Ursache der Störung sind, sondern weil sie ein fester Bestandteil eines komplexen Verhaltens sind, inklusive der jeweiligen konditionierten Verknüpfungen mit der Vielzahl von jeweils verschiedenen Situationen. Die völlige Veränderung einer dysfunktionalen Kognition hat deshalb auch immer eine relevante Mitveränderung aller anderen Teilprozesse zur Folge und umgekehrt. Damit ist das therapeutische Ansetzen an einer Kognition nur eine von mehreren therapeutischen Möglichkeiten zur Veränderung ein und derselben Störung.
19. Am erfolgversprechendsten, wenn auch nicht notwendigerweise am ökonomischsten, ist das gleichzeitige Ansetzen an allen Verhaltenskomponenten (multimodaler Ansatz).
 
aus Sulz: Verhaltensdiagnostik und Fallkonzeption. München: CIP-Medien 2000