11 Persnölichkeiten

    

                  1. selbstunsicher
                  2. dependent
                  3. zwanghaft
                  4. passiv-aggressiv
                  5. histrionisch
                  6. schizoid
                  7. narzisstisch
                  8. Borderline
                  9. paranoid
                  10. schizotyp
                  11. dissozial
 
                  Literaturempfehlung
 
 
 
1. Selbstunsichere Persönlichkeit:
 
Selbstunsicherheit ist definiert als unsicheres, ängstliches, zaghaftes, gehemmtes Verhalten in sozialen Situationen, so daß eigene Interessen nicht adäquat ausgedrückt, vertreten und durchgesetzt werden und die vorhandenen eigenen sozialen Kompetenzen nicht entsprechend zum Einsatz gebracht bzw. nicht weiterentwickelt werden können. Meist besteht eine ausgeprägte Tendenz, die beängstigenden sozialen Situationen zu vermeiden, teils seit vielen Jahren, so daß das Ausmaß der Vermeidung bzw. der ausgesparten sozialen Bereiche dem selbstunsicheren Menschen oft gar nicht mehr bewußt ist.
Da Angst und Furcht in sozialen Situationen und deren Vermeidung Leitsymptome sind, kann ausgegangen werden von einem bewußten Konflikt zwischen der
Hoffnung auf Akzeptanz, gemocht, gelobt, geschätzt zu werden und der
Furcht vor Kritik, Ablehnung, zurückgestoßen zu werden,
d.h. eigene soziale Bedürfnisse und Wünsche anderer Menschen werden wahrgenommen. Sie führen aber zur Angst, mit diesem Anliegen zurückgewiesen zu werden. Die Funktion selbstunsicheren Verhaltens kann aus der Überlebensregel geschlossen werden: „Nur wenn ich alles vermeide, was Unmut, Kritik, Ablehnung hervorruft, darf ich hoffen, akzeptiert und angenommen zu werden und muß nicht fürchten, zurückgewiesen zu werden.“ Betrachtet man darüberhinaus die sozialen Folgen der Selbstunsicherheit - nämlich ein Verbleiben im Familienbund, das unausgewählte Anschließen an die am leichtesten erreichbaren und am wenigsten gefürchteten Menschen - so kann man die Funktion darin sehen, die vertrauten, bedeutsamen sozialen Bezüge nicht aufgeben zu müssen. Aus der Biographie erfahren wir oft, daß ein Elternteil streng im Sinne realer oder angedrohter Strafen war und so Angst vor Strafe, Angst, etwas falsch zu machen, Angst vor Ablehnung, schnelles Entstehen eines schlechten Gewissens etc. aus der Beziehung zu diesem Elternteil resultierte. Die späteren sozialen Ängste sind eine Generalisierung dieser auf die Eltern bezogenen Ängste. Differentialdiagnostisch ist zu unterscheiden:
a) selbstunsichere Persönlichkeit als nichtklinische Normvariante
b) selbstunsichere Persönlichkeitsstörung (ICD- oder DSM-IV-Kriterien müssen erfüllt sein)
c) soziale Ängste (keine ICD- oder DSM-IV-Kategorie) als eine ins Klinische gehende
gesteigerte Selbstunsicherheit, nur teilweise als Syndrom in einer traumatischen/belastenden Lebenssituation entstanden, oft eine allmähliche Entwicklung aufzeigend,
d) soziale Phobie (ICD- oder DSM-IV-Kriterien), oft auch Personen entwickelt, die zuvor nicht als selbstunsicher oder sozial ängstlich eingestuft wurden. Der Entstehungsmechanismus ist aber verbunden mit einer zentraleren Bedeutung der auslösenden Lebenssituation und einer sehr viel größeren Hoffnung/Erwartung auf Wunscherfüllung in dieser auslösenden Situation.
 
Literatur: DSM-IV und ICD-10 Falldarstellungen (Zaudig et al. 2000).
Siehe auch Störungsmodell soziale Angst (S. 216 folgende)
 
 
2. Dependente Persönlichkeit:
 
Dependenz im Sinne eines Persönlichkeitstypus hat nicht unmittelbar mit Neigung zu Sucht und Suchtmittelmißbrauch zu tun. Der betreffende Mensch begibt sich ganz in Abhängigkeit von der ihm wichtigen Bezugsperson, richtet sein Denken, Handeln und Fühlen ganz nach deren vermuteten Wünschen und Normen. Während der selbstunsichere Mensch seine Wünsche in der sozialen Interaktion ängstlich zurückhält und ein altruistischer Mensch aus einer bewußten Verzichthaltung heraus handelt, erscheint beim dependenten Menschen das abhängige Verhalten und Erleben als genau das, was er für richtig hält. Es bleibt kein bewußtes Zukurzkommen übrig. Harmonie in einer Beziehung wird hergestellt durch völlige Aufgabe eigener Standpunkte und Interessen. Der völlige Gleichklang entsteht, indem dem anderen die Entscheidungen und Initiativen überlassen werden. Dadurch ist sichergestellt, vom anderen angenommen zu werden und nicht weggeschickt oder verlassen zu werden. Aus der tiefen Überzeugung heraus, alleine nicht lebensfähig zu sein, wird die Partnerschaft ängstlich gehütet und jede autonome ichbezogene Regung löst sofort Alarm aus: Verlustangst. Dependente Persönlichkeiten sind prädisponiert zu Depressionen. Trennungen können sie nicht mit Trauer beantworten. Alleinstehende dependente Persönlichkeiten können durchaus ein eigenes Hobby, einen eigenen Freundeskreis, einen eigenen künstlerischen, kulturellen oder kulinarischen Geschmack haben. Sind sie dann aber eine Beziehung eingegangen, so geben sie allmählich im Lauf der ersten 3-5 Jahre der Beziehung alles auf, was sie nicht mit dem Partner teilen können: Freunde, mit denen der Partner nicht so gut kann; eine Musik- oder Kunstrichtung, die ihm nicht entspricht - der Jazzliebhaber wird zum Opernfan; Kochrezepte, die ihm nicht schmecken, schmecken einem selbst nicht mehr so gut. Auch normative und weltanschauliche Überzeugungen werden ohne Mühe über Bord geworfen und getauscht: Die politische Farbe wechselt von rot nach schwarz oder von schwarz nach grün. Die Vorurteile gegen Minderheiten werden vom Partner übernommen und wahrhaft so empfunden. Durch diese Selbstaufgabe wird, bei genügender Ausprägung, eine verhängnisvolle Entwicklung eingeleitet: Der Partner, der diese freundliche Anpassung zunächst als angenehm empfindet, hat immer weniger das Gefühl, einer „Persönlichkeit“ gegenüberzustehen, die dem Zusammenleben eigene vitale Impulse zu geben vermag. Der dependente Partner wird so zum unattraktiven Anhängsel. Dieser spürt dies, entwickelt Verlustangst, verhält sich nach dem Motto „mehr desselben“ noch abhängiger und gerät dabei in eine dauerhaft unglückliche Beziehung oder wird tatsächlich verlassen. Dann entsteht eine Depression.
Literatur: DSM-IV und ICD-10 Falldarstellungen (Zaudig et al. 2000)
 
 
3. Zwanghafte Persönlichkeit:
 
Die zwanghafte Persönlichkeit ist in der persönlichkeits- und tiefenpsychologischen Literatur ausführlich beschrieben worden. Sie ist gekennzeichnet durch ein fortwährendes Bemühen, vorgebenen Ordnungen zu folgen oder eigene Ordnungen herzustellen. Dies wird mit Fleiß und Ausdauer so lange praktiziert, bis eine vorübergehende Genugtuung eintritt, die eine Arbeitspause zuläßt. Im Leistungsbereich ist zwar eine pflichterfüllende Leistungsorientierung vorhanden, die Effizienz ist jedoch eingeschränkt durch zu genaues Arbeiten, durch Vernachlässigen des Blicks für das Ganze zugunsten eines Verlierens in Details. Es gibt nur eine richtige Norm, an der muß der Zwanghafte sich orientieren und kann es kaum aushalten, wenn andere dies nicht tun. Das rigide Festhalten einer einmal eingeschlagenen Richtung verringert die geistige und soziale Beweglichkeit. Das oftmalige ambivalente Zögern und Pendeln zwischen Für und Wider verhindert rasche und treffsichere Entscheidungen. In der Verhaltenstherapie ist bedeutsam, inwiefern obige Verhaltensmuster Vermeidungen sind und was sie vermeiden sollen. Es wird einerseits Unvorhersehbarkeit, Instabilität und Veränderung vermieden (die beängstigend wirken), andererseits verhindert die Normorientierung eventuelle Normverletzungen und Strafe. Angst (vor Strafe) und Schuldgefühle sind verhaltenssteuernde emotionale Signale, die durch zwanghaftes Verhalten rasch abgebaut werden. Ein so wirkender Regelkreis engt die Möglichkeiten der Lebensgestaltung stark ein, so wie ein Schienenfahrzeug sich nur auf seinem eigenen Schienennetz und nicht darüber hinaus bewegen kann. Die beiden wichtigsten emotionalen Verhaltenssteuerungen - Angst- und Schuldgefühle - dominieren über die übrigen Gefühle so sehr, daß das Gefühlsleben insgesamt eingeschränkt ist. Andere Gefühle würden den genannten Regelkreis nur stören und Angst- oder Schuldgefühle intensivieren. Unter dieser Einschränkung des Gefühlsleben leidet die Qualität zwischenmenschlicher Beziehungen. Krisen in Beziehungen werden mit einer Intensivierung des dominanten Streßbewältigungsmusters, d.h. des zwanghaften Verhaltens beantwortet, wodurch sie in der Regel eher verschärft werden, weil Verhandlungs-, Kompromiß- und Änderungsbereitschaft dadurch abnehmen. Wirkliche emotionale Nähe und Begegnung werden ebenso verhindert wie eine Ritterrüstung körperliche Berührung verhindert. Die Entstehung einer Zwangsneurose setzt zwar keine zwanghafte Persönlichkeit voraus, trotzdem liegen dieselben Mechanismen zugrunde. Eine besonders belastende oder traumatische Lebenssituation kann zur Auslösung eines Zwangssyndroms mit klinischen Zwangssymptomen führen, wenn die für den Alltag genügenden Bewältigungsmuster (= zwanghaftes Verhalten) nicht zur Streßbewältigung ausreichen. Natürlich kann auch eine Depression oder irgendeine andere psychische oder psychosomatische Störung auftreten, wenn die Auslösesituation ein anderes Symptommuster als bestmöglichen Bewältigungsversuch erfordert.
Literatur: DSM-IV und ICD-10 Falldarstellungen (Zaudig et al. 2000), Hoffmann (1990).
 
 
4. Passiv-aggressive Persönlichkeit:
 
Die passiv-aggressive Persönlichkeit ist eine relativ neu beschriebene Kategorie. Ähnlich wie bei der Borderline-Persönlichkeit führte die Kenntnis der Persönlichkeitsbeschreibung allmählich zum immer häufigeren Auffinden von Menschen, auf die diese Beschreibung zutrifft. Dies ist nicht anders, als bei allen anderen früher definierten Persönlichkeitsstypen. Das läßt nicht den Schluß zu, daß sie eigentlich nicht existieren und suggestible unkritische Therapeuten fortan nicht Existentes wahrnehmen und diagnostizieren. Sowohl unter einer passiven als auch unter einer aggressiven Persönlichkeit könnte sich jeder etwas vorstellen, das Zusammenfügen der Begriffe macht das Verständnis schwer, so lange man nicht verhaltensanalytisch die darin steckenden Vermeidungsstrategien ausfindig gemacht hat. Bezieht man die Betrachtung mit ein, daß es sich um die Kennzeichnung der besonderen Art der Gestaltung sozialer Interaktionen und Beziehungen handelt, so sind wir wieder einen Schritt weiter. Da passen Begriffe wie passiver Widerstand und Boykott, unterschwellige Rebellion, Unbelehrbarkeit oder Stänkern. Die passive Seite zeigt sich darin, daß nicht selbst Initiativen, Vorschläge oder Verantwortung übernommen wird, dies würde größte Angst vor Fehlschlägen oder Kritik auslösen. Die aggressive Seite ist einmal der Ausdruck der Frustration der ansprüchlichen Bedürfnisse, versorgt oder bedient zu werden, andererseits des Unmuts darüber, nicht selbst in der Lage zu sein, aktiv zu werden: es zu wollen und nicht zu können - solange in der Aktivität blockiert zu sein, bis die anderen anfangen, Aktivität zu fordern, anzutreiben. In dieser Situation der Unfähigkeit und Unzulänglichkeit ist Aggressivität die beste Vorwärtsverteidigung, sie hilft aus dem Sumpf depressiver Selbstwahrnehmung heraus und macht aus dem „ich kann nicht“ ein „ich will nicht“. Dies ist für das Selbstgefühl weniger abträglich. Im sozialen Kontext verhilft die Aggressivität ebenfalls zu einem entlastenden Positionswechsel: Vom „gegängelten“, „unter Druck Gesetzten“ zum „Couragierten“, „Kritischen“ oder „Nonkonformisten“. Daraus wird ersichtlich, daß der aggressive Teil eine Kompensation des Passiven ist, der dadurch erträglich wird. Es gibt sicher sehr viel mehr passive Menschen, aber nur ein kleiner Teil kompensiert dies durch Aggressivität. Andere finden sich damit ab, einige leiden einfach darunter. Insgesamt hat der passiv-aggressive Mensch auch nicht weniger zu leiden. Denn durch seine Aggressivität entzieht er sich selbst viel soziale Zuwendung und Bestätigung, die er eigentlich dringend benötigt, und nimmt sich die Motivation, aktiv zu werden.
Literatur: DSM-III-R-Falldarstellungen (1991)
 
 
5. Histrionische Persönlichkeit:
 
Abgesehen von der inzwischen diskriminierenden Bedeutung des Begriffes „hysterisch“, ist Hysterie ein eng mit der psychoanalytischen Theorie verknüpftes Krankheitskonzept. Der Alternativbegriff „Konversionsneurose“ oder „Konversionssyndrom“ beinhaltet sogar den psychodynamischen Prozeß der Konversion eines unbewußten klinischen Konflikts in eine somatische Funktionsstörung. Der Begriff „histrionisch“ beschreibt diejenigen Menschen, die überemotional reagieren, alle Erlebnisse mit intensivem Gefühl beantworten und dabei im emotionalen Agieren verharren, ohne die Emotionen in ihrer eigentlichen Funktion als verhaltenssteuernde Signale zu nutzen und von der Emotion zum realistischen Erfassen einer Situation, zur rationalen Entscheidungsfindung und zum handelnden Bewältigen zu kommen. Da intensive Emotionen immer irgendeine Art Alarm darstellen, ist es so, als ob ständig etwas ganz Besonderes passieren würde, das unverzüglich die ganze Aufmerksamkeit erfordert. So wie der selbstunsichere, sozial gehemmte Mensch im sozialen Kontext sich ständig in einer beängstigenden bedrohlichen Situation befindet, die ihn emotional alarmiert, befindet sich auch der histrionische Mensch ständig in Situationen, die ihm intensive Reaktionen abverlangen. Beim sozial unsicheren Menschen resultiert aus dieser Bedrohlichkeit die entgegengesetzte Reaktionstendenz. Auch in Situationen, in denen positive Zuwendung erwartet wird, ist bei histrionischen Menschen das Verhalten durch starke Emotionalität geprägt, sich und den anderen dadurch große Erlebnisintensität vormachend. Tatsächlich wird versucht, bei anderen Aufmerksamkeit, Interesse und manchmal auch Begehren zu wecken. Durch die intensive gefühlvolle Zuwendung fühlen sich andere auch sehr angesprochen. Reagieren sie nun mit ähnlich intensiven Gefühlen oder Interessensbekundungen, so macht dies dem histrionischen Menschen Angst. Er zieht sich zurück - im sexuellen Bereich besteht die Neigung zu Frigidität und Angst vor Hingabe - durch sie dem drohenden Mißbrauch hilflos ausgeliefert zu sein. Mit dem Interesse und Begehren der anderen wird wie mit dem Feuer gespielt. Das Zündeln ist lustvoll, das entfachte Feuer macht panische Angst. Es besteht eine deutliche Wahrnehmungsverzerrung: Die eigenen ausgesandten emotionalen Signale werden nicht in ihrer vollen Intensität wahrgenommen. Spricht der andere adäquat in gleicher emotionaler Intensität darauf an, so erscheint dessen Reaktion erschreckend intensiv. Die eigenen emotionalen Reaktionen sind gewohnheitsgemäß so intensiv, daß ihre Intensität eine gewohnte Vertrautheit herstellt, Sicherheit sowie das Gefühl von aktiver Situations- oder Beziehungsgestaltung vermittelt und das drohende Gefühl des passiv Ausgeliefertseins vermeiden hilft. Insgesamt wird die Funktion des Emotionalen verschoben vom verhaltenssteuernden Signal, d.h. dem Signal, das zum situationsabhängigen Handeln führt, zur endgültigen und instrumentellen Reaktion selbst. Denn es wurde die Erfahrung gemacht, daß bereits die intensive Emotion die erwünschte Konsequenz herbeiführt bzw. ein unerwünschtes Ereignis verhindert: Es ist nützlich, emotional zu sein. Mit diesem operativen Benutzen der Emotion geht aber ihre Signalfunktion „Echtheit“ verloren.
In der zwischenmenschlichen Kommunikation bedeutet dies, daß der andere den Eindruck der „Launenhaftigkeit“ gewinnt, weil auch der kommunikative Aspekt der Emotion nicht mehr korrekt entschlüsselt werden kann.
Literatur: DSM-IV und ICD-10 Falldarstellungen (Zaudig et al. 2000), DSM-III-R-Falldarstellungen (1991)
 
 
6. Schizoide Persönlichkeit:
 
Der Begriff „schizoid“ weist auf eine Spaltung hin. Tatsächlich erscheinen uns schizoide Menschen, als ob sie ihre Gefühle und Bedürfnisse nach nahen zwischenmenschlichen Beziehungen abgespalten hätten und keinerlei Zugang mehr zu ihnen finden würden. Sie vermissen sie nicht einmal und fühlen sich emotionslos und beziehungslos am wohlsten - wie eine „splendid isolation“. Geht einmal eine wichtige Beziehung oder Partnerschaft zu Ende, so entsteht keine Trauer, höchstens ein Bedauern. Anderen erscheint dies manchmal als erschreckende Kälte. Gerade dies zeigt die Vermeidungsfunktion des schizoiden Verhaltensmuster. Es ist ein machtvoller Schutzmechanismus. Wir können ahnen, wie schwach und hilflos ein Mensch sein oder sich einstufen muß, wenn er so radikaler Schutzmechanismen bedarf. Irgendwelche Gefühle oder das Bedürfnis nach Nähe ins Bewußtsein lassen, ist zu fest mit einer existentiellen Bedrohung assoziiert, daß nur ihr völliges Fernhalten aus dem Bewußtsein diese Bedrohung abwenden kann. Nach dem Motto „Gibt man dem Teufel den kleinen Finger, so nimmt er die ganze Hand“ wird auf diese Weise eine perfekte Vermeidung des emotionalen Bereichs aufrecht erhalten. Diese perfekte Vermeidung verhindert beim schizoiden Menschen, daß er auch nur ein Minimum an Angst spüren muß. Es werden alle Gefühle ausgesperrt, auch die Angst. Er ist damit vor emotionalen und sozialen Bezügen so sicher wie man in einem Gefängnis sicher ist vor der sozialen Umwelt. Da es ein inneres Gefängnis ist, besteht auch eine innere Einsamkeit. Erst wenn diese unerträglich wird, werden zaghafte, angstvolle Schritte in emotionale Begegnungen gewagt, d.h. versucht von der schizoiden Haltung abzulassen. Aber mit dem Öffnen oder Heraustrauen aus der Schutz- und Trutzburg beginnt ein Leidensweg, der durch Angst und Depression geprägt ist. Dies zeigt wiederum die wichtige Schutzfunktion des schizoiden Verhaltensmusters. Ohne sie werden elementare soziale Bedürfnisse wach. Versuche, sie zu befriedigen machen so viel Angst, daß zurückgewichen wird. Eventuell entsteht ein Oszillieren zwischen Nähe und Distanz - und die endlich resultierende Hoffnungslosigkeit und HiIflosigkeit bezüglich einer Bedürfnisbefriedigung führt letztendlich zu Depression. Psychosomatische Symptombildungen der Haut kommen gelegentlich bei schizoiden Menschen vor - die Haut als Grenze zwischen einem selbst und einem anderen Menschen und zugleich als Kontaktorgan eignet sich besonders zur somatischen Abbildung dieses Nähe-Distanz-Problems.
Literatur: DSM-IV und ICD-10 Falldarstellungen (Zaudig et al. 2000), DSM-III-R-Falldarstellungen (1991)
 
 
7. Narzißtische Persönlichkeit:
 
Auch der Begriff „narzißtisch“ entstammt der psychoanalytischen Theorie. So ist nicht verwunderlich, daß die treffendste klinische Beschreibung dieses Persönlichkeitstypus aus dem klinischen Erfahrungsschatz tiefenpsychologischer Psychotherapeuten kommt: „Narzißtische Persönlichkeiten fallen auf durch ein ungewöhnliches Maß an Selbstbezogenheit im Umgang mit anderen Menschen, durch ihr starkes Bedürfnis, von anderen geliebt und bewundert zu werden und durch den eigenartigen (wenn auch nur scheinbaren) Widerspruch zwischen einem aufgeblähten Selbstkonzept und gleichzeitig einem maßlosen Bedürfnis nach Bestätigung durch andere. Ihr Gefühlsleben ist seicht; sie empfinden wenig empathisch die Gefühle anderer und haben - mit Ausnahme von Selbstbestätigungen durch andere Menschen und eigenen Größenphantasien - im Grunde aber wenig Freude am Leben; sie werden rastlos und leiden unter Langeweile, sobald die äußere Fassade ihren Glanz verliert und momentan keine neuen Quellen der Selbstbestätigung zur Verfügung stehen“. (Kernberg 1983, S. 261 f). Wie bei den anderen beschriebenen Idealtypen trifft auch diese Beschreibung nicht auf viele Menschen zu. Wenn wir ihnen begegnen, sind sie jedoch leicht zu identifizieren. Klinisch relevant sind nur diejenigen, die diesen Idealtypen nahekommen, denn diese Idealtypen entsprechen dysfunktionalen Erlebens- und Verhaltensstereotypien. Man könnte ebenso viele Persönlichkeitstypen mit funktionalen, gesund erhaltenden Erlebens- und Verhaltensmustern beschreiben. Sie interessieren weniger bei der Problem- als bei der Zielanalyse im Rahmen der Verhaltensdiagnose. Welche Funktionen erfüllt nun das narzißtische Verhaltensstereotyp? Die Problemlage entspricht der des depressiven Menschen, dessen Selbstwertregulierung extrem gestört ist. Das Reservoir ist wie ein durchlöcherter Eimer, der mit unentwegtem Bemühen wieder aufgefüllt werden muß, um nicht depressiv zu werden. Narzißmus ist nur eine Variante dieses sisyphusartigen Bemühens. allerdings eine sehr auffällige oder aufdringliche im Gegensatz zur dependenten Persönlichkeit. Das immer wieder erfolgreiche Bemühen um Anerkennung und Bewunderung verschafft das übertrieben erscheinende stolze, triumphierende, herablassende, abwertende Selbstgefühl. Unaufhaltsam leert sich das Selbstwertreservoir jedoch wieder und es muß nach nur kurzem Ausruhen auf den Lorbeeren wieder mit großem Aufwand Beifall geheischt und Bewunderung einkassiert werden. War das Selbstwertreservoir bedrohlich leer, so erscheint dieses Bemühen hektisch, ist reiche Beute in Sicht, eher gierig. Ist es dann wieder übervoll, so erscheint wieder die vorübergehend aufgeblähte Sattheit an Selbstwert. Es handelt sich nicht einfach um einen unsympathischen Egoismus, sondern um einen existentiellen Kampf gegen die ständig drohende Mittelmäßigkeit, Bedeutunglosigkeit und Nichtigkeit, deren Eintreten zur Depression führen würde. Deshalb ist es nicht verwunderlich, daß in diesem Überlebenskampf keine Zeit und Energie für andere Menschen und für deren Anliegen bleibt.
Wird ein narzißtischer Mensch einmal psychisch oder psychosomatisch krank, so ist alleine die Tatsache, daß er hilfsbedürftig ist, so kränkend und sein Selbstwertgefühl wird dabei so verletzt, daß ein Therapeut, der diese Kränkung nicht würdigt, leicht zur „gekillten Koryphäe“ wird. Denn der Triumph über dessen erfolglose Therapie wird dringend zur Rettung des eigenen Selbstwerts benötigt.
Literatur: DSM-III-R-Falldarstellungen (1991), Akhtar et al. (1982),Svrakic (1985)
 
 
8. Borderline Persönlichkeit:
 
Die Borderline-Persönlichkeit wird von manchen Psychiatern, Psychologen und Wissenschaftlern auch heute noch ins Reich der Märchen verwiesen. Fragt man sie, mit welchem Patienten sie in ihrer bisherigen Praxis die größten Schwierigkeiten hatten und am ungernsten arbeiten, so beschreiben sie dann doch Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeit. In unserem Kontext der acht Haupttypen ist eine klinisch nicht auffällige Persönlichkeit gemeint. Wird dagegen die klinische Diagnose einer Borderline-Persönlichkeitsstörung nach DSM-IV oder ICD-10 - oft auch Borderline-Syndrom genannt - gestellt, so liegt eine behandlungsbedürftige klinische Erkrankung vor, die heute recht effizient mit dem dialektischen Verhaltenstherapieansatz (DBT) von Marsha Linehan (1996a) behandelt werden kann. Kommt ein Patient mit einer klinisch nicht auffälligen Borderline-Persönlichkeit wegen einer anderen psychischen oder psychosomatischen Erkrankung zu uns in Behandlung, so muß dies bei der Problem- und Zielanalyse und der Therapieplanung berücksichtigt werden, da im Vorgehen wesentliche Modifikationen erforderlich sind. Manchmal fallen uns Borderline-Patienten zuerst dadurch auf, daß sie sich völlig unerwartet und abrupt gegen einen scheinbaren oder tatsächlichen Übergriff verwahren oder daß sie uns exakt treffend auf den Kopf zusagen, daß wir z. B. ein deutliches inneres Ressentiment gegen sie haben. Manchmal machen wir erst spät die Erfahrung, daß der sehr schnell entstandene emotionale Rapport und die sehr gute, geradezu ideale gefühlsmäßige Beziehung einerseits durch die Verteufelung und Abwertung einer anderen wichtigen Bezugsperson erkauft war, andererseits sie die ersten Belastungsproben und Kontroversen nicht überstand und nun heftige Wut und Vorwürfe auf den Therapeuten bestehen und entweder der Therapieabbruch oder ein Suizidversuch Dauerthema werden und ein Weiterkommen in der Therapie nicht mehr zulassen.
Bei Borderline Persönlichkeiten besteht eine 4-fache Instabilität:
a) affektive Labilität und inadäquat heftiger Ärger oder mangelnde Kontrolle von Wut und Ärger. Unfähigkeit zu trauern;
b) instabiles Verhalten: potentiell selbstschädigende Impulsivität oder parasuizidale Körperverletzungen bzw. Suiziddrohungen;
c) interpersonelle Instabilität: unstabile, intensive zwischenmenschliche Beziehungen und Einstellungen. Verzweifelte Versuche, reales oder scheinbares Verlassen zu verhindern;
d) Selbstinstabilität: Störung der Wahrnehmung der eigenen Identität, chronische Gefühle der inneren Leere und Langeweile.
Lerngeschichtlich muß eine extreme Verunsicherung der Selbst- und Fremdwahrnehmung durch die Eltern stattgefunden haben: „Deine Wahrnehmung, Gefühle, Gedanken sind nicht richtig!“ Das emotionale Überreagieren des Kindes wurde durch massives Gegenreagieren der Eltern aufrecht erhalten. In neuen Beziehungen entstand jedesmal wieder eine unrealistisch große Hoffnung, zugleich ein ständiges Suchen nach Anzeichen der Enttäuschung, heftigem Reagieren der geringsten Abweichung vom erhofften Ideal, Desillusionierung und Eskalation von Konflikten. Enttäuscht von sich und den anderen ist wieder mal ein Paradies verloren gegangen. Fazit: „Alle Menschen sind so enttäuschend, beim nächsten Mal muß ich mich noch mehr emotional engagieren, noch verzweifelter kämpfen“. Chronische Gefühle der Leere sind so wenig tolerabel, daß sie durch selbstschädigende Handlungen übertönt werden müssen. Borderline-Patienten werden wegen ihrer punktuellen Wehrhaftigkeit und treffsicheren interpersonellen Wahrnehmung irrtümlicherweise in ihrer sozialen Kompetenz überschätzt. Tatsächlich weisen sie Defizite in allen Lebensbereichen auf.
Literatur: DSM-IV und ICD-10 Falldarstellungen (2000), DSM-III-R-Falldarstellungen (1991), Swenson (1989)
 
 
Literaturemfehlung:
 
Marsha Linehan:Dialektisch-Behaviorale Therapie der Borderline-Persönlichkeitsstörung. München: CIP-Medien - das Standardwerk über die Therapie von Borderline-Störungen
 
Marsha Linehan:Trainingsmanual zur Dialektisch-Behavioralen Therapie der Borderline-Persönlichkeitsstörung. München: CIP-Medien- das Übungsbuch zum Werk von Marsha Linehan
 
Lorna S. Benjamin: Interpersonale Diagnose und Therapie von Persönlichkeitsstörungen. München: CIP-Medien- eines der bedeutendsten Werke über Persönlichkeitsstörungen
 
Serge K. D. Sulz: Als Sisyphus seinen Stein losließ - Oder: Verlieben ist verrückt. München: CIP-Medien
 
Serge K. D. Sulz: Praxismanual: Strategien der Veränderung von Erleben und Verhalten. München: CIP-Medien (mit Arbeitsblättern zur Persönlichkeit)
 
Serge K. D. Sulz: Von der Strategie des Symptoms zur Strategie der Therapie. München: CIP-Medien (mit Kapiteln über Persönlichkeit und Persönlichkeitsstörungen)
 
Weitere Literatur