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Konflikt

Ja oder Nein, so oder so? Jetzt oder später, hier oder dort? Wenn wir uns entscheiden müssen und das nicht können, weil wir eine falsche Entscheidung fürchten, befinden wir uns in einem Konflikt.
Dollard und Miller geben den Konflikt als Quelle der Angstentstehung an. Sie gehen davon aus, daß viele sekundäre Triebe oder Motive wie Schuldgefühl, Scham und auch das Anpassungsstreben einen Angst- und Konfliktanteil haben.
 
Dollard und Miller klassifizieren verschiedene Arten von Konflikten. Der Appetenz-Aversions-Konflikt besteht darin, daß ein und dasselbe Objekt in uns sowohl die Tendenz auslöst, auf es zuzugehen, und es zu meiden. Dieser Konflikt ist bei Sexualangst vorhanden, aber auch in Autonomie-Abhängigkeitskonflikten, wie sie sich in der Prüfungsangst ausdrücken oder in den Arbeitsstörungen sehr leistungsorientierter Menschen. Auch der Konflikt zwischen Wut und Angst ist ein Appetenz-Aversionskonflikt, wenngleich Appetenz hier Angriff meint.
 
Wenn es nicht nur um die Annäherung oder Nichtannäherung an ein Ziel oder ein Objekt geht, sondern um die Entscheidung zwischen zwei Alternativen, so besteht ein doppelter Appetenz-Aversions-Konflikt. Beide Entscheidungen haben Vor- und Nachteile, der resultierende Gefühlszustand ist die Ambivalenz. In einer Ehekrise kann das offene Äußern der momentanen gefühlsmäßigen Einstellung zum anderen mit großer Angst vor dessen aggressiven Reaktionen verbunden sein, im schlimmsten Fall vor dem Verlust des anderen. Die Unoffenheit auf der anderen Seite kann mit Schuldangst oder Strafangst eng verknüpft sein, von der man sich nur durch Ehrlichsein befreien kann.
Der Alternative, mich für die Wahrheit zu entscheiden, nähere ich mich durch meine Wut (dünne ausgezogene Linie). Mit dem gedanklichen Annähern an das Ausssprechen der ungeschminkten Wahrheit wächst jedoch meine Angst vor der fürchterlichen Gegenaggression meiner Ehefrau (gestrichelte Linie). Diese wachsendeVermeidungstendenz läßt mich dann innehalten, wenn beide Tendenzen (Ärger und Angst) gleich groß sind (Konfliktpunkt K1). Ich bleibe an meinem Ambivalenzkonfliktpunkt stecken.
Ähnlich geht es mir bezüglich meines zweiten Konflikts: Der Alternative, zu lügen, und z.B. zu sagen, daß meine Liebe nicht nachgelassen hat, nähere ich mich durch mein Bedürfnis nach Frieden und Harmonie (dicke ausgezogene Linie). Mit dem gedanklichen Annähern an das Ausprechen der Lüge wächst aber mein Schuldgefühl (gepunktelte Linie). Die dadurch wachsende Vermeidungstendenz läßt mich stumm bleiben, wenn auch diese beiden Tendenzen (Friedenswunsch und Schuldgefühl) gleich groß sind (Konfliktpunkt K2). Ich komme auch nicht über diesen zweiten Ambivalenzkonfliktpunkt hinaus.
So resultiert ein Oszillieren in der Konfliktzone zwischen den beiden Konfliktpunkten, ein Gefangensein in der Tatenlosigkeit. Je weniger äußeres Handeln möglich ist, um so reger werden innere Streßphänomene ihre Aktivität entfalten.
Wird ein Dauerkonflikt daraus, so gehen die unspezifischen Streßphänomene in spezifische Symptome über.
 
In Konflikt gerate ich also, wenn meine Entscheidung für eine Lösung mir nicht nur Vorteile, sondern auch Nachteile bringt. Oder wenn ich mir nicht sicher bin, ob die Vorteile auch wirklich eintreten, d.h. wenn eine gewisse Wahrscheinlichkeit besteht, daß ich statt mit den erhofften Vorteilen mit gefürchteten Nachteilen rechnen muß. Wie wir bei der Betrachtung der Entwicklungsstadien des Menschen gesehen haben, hat jede Entwicklungsstufe ihren charakteristischen Konflikt, der auf dieser Stufe oft auftritt und für den es noch keine befriedigende Lösung gibt.
Die psychosoziale Homöostase eines Menschen, der noch nicht die überindividuelle Entwicklungsphase nach Kegan (1986) erreicht hat, stellt ihn vor unlösbare Konflikte, die nur dadurch lösbar werden, daß der Übergang zur nächsthöheren Entwicklungsstufe vollzogen wird. Ebenso bergen die klinischen Persönlichkeitstypen Konfliktkonstellationen in sich, die nur durch Überwindung dieses Persönllichkeitszuges, d.h., durch Beenden des rigiden Verhaltensstereotyps, aufgelöst werden können. Konflikt ist in diesem Sinne kein zusätzliches Konstrukt, das zur Erklärung der psychosozialen Homöostase eines Menschen, bzw. zur Erklärung der Entstehung von psychischen Störungen notwendig wäre. Trotzdem können wir die persönlichkeitsbedingte Sollbruchstelle der individuellen Homöostase eines Menschen unter dem Aspekt des Konflikts betrachten. Der aktuelle, situationsbedingte Konflikt zum Zeitpunkt einer Streßreaktion oder einer psychischen oder psychosomatischen Symptomentstehung ist allgemein:
 
Die symptomauslösende Situation würde dem Menschen ein problembewältigendes Handeln abverlangen, das gegen seine Überlebensregel verstößt.
 
Wenn aber ein emotionales Überleben ohne aktuelle Problembewältigung ebensowenig möglich ist, besteht ein unlösbares Dilemma. Egal wie der Mensch sich entscheidet, ein emotionales Überleben ist nicht möglich.
Die Symptombildung ist dann die kreative Erfindung eines Weges, der ohne Verstoß gegen die Überlebensregel mit dem Problem überleben läßt.
Bis der Mensch das Symptom erfunden hat, befindet er sich im emotionalen Konflikt, erkennbar durch unspezifische psychische und somatische Streßreaktionen, die im Sinn des hier vorgestellten allgemeinen Störungsmodells jedoch nicht mit dem „kreativen Symptom“ verwechselt werden dürfen, das aus der Konfliktzone herausführt (siehe Kapitel Symptome).
Versuchen wir uns zunächst die entwicklungsbedingten Konflikte zu vergegenwärtigen. Jeder Schritt weg von der alten Entwicklungsphase führt von einem alten Konflikt weg und hin zu einem neuen Konflikt. Aber auch der Übergang selbst birgt einen Konflikt: Ähnlich wie in einer konflikthaften Lebenssituation, erfordert der Übergang zur nächsten Entwicklungsphase ein Handeln gegen die alte Überlebensregel. Das Aufgeben dieser Überlebensregel ist nach Kegan (1986) eine Aufgabe des alten Selbst, das einer Aufgabe des psychischen Überlebens gleichkommen kann, insbesondere, wenn bereits eine Überlebensform nach dem Muster einer der beschriebenen klinischen Persönlichkeitstypen gewählt werden mußte.
 
Mit jedem Übergang kann die Welt mehr als von mir getrennt gesehen werden und das Selbst als auf eine neue Weise fähig, mit dieser Welt in Beziehung zu treten (Kegan 1986).
 
Wir müssen also Übergangskonflikte als eine Entscheidungskonstellation sehen, die deutlich verschieden ist von den Stufenkonflikten der jeweiligen Entwicklungsstufe bzw. -phase. Beim Stufenkonflikt wird nicht das Bleiben auf der Stufe in Frage gestellt, sondern das Handeln gemäß der Überlebensregel dieser Stufe. Handlungsalternative ist dabei nicht das Verlassen des Stufe, das ja ein Aufgeben der Überlebensregel bedeutet und damit einen dritten Lösungsweg (Tabelle 9).
 
Der Stufenkonflikt beruht auf einem einfachen Entweder-Oder, nach dem Motto „Vogel friß oder stirb“. Entweder du sorgst entsprechend den Möglichkeiten und innerhalb der Begrenzungen deines jetzigen Entwicklungsstandes für dein emotionales Überleben, oder du verspielst dein Leben. Entweder du tust das Vorgeschriebene, oder du tust es nicht. Nur wenn zum Beispiel so viel Haß gegen die frustrierende Bezugsperson oder so viel Wut gegen eine aggressive Bezugsperson entsteht, daß die Intensität dieser aggressiven Empfindungen oder Impulse die psychische Homöostase außer Kraft setzt, wird das Gegenteil des regelhaft Gebotenen getan: zum Beispiel in der einverleibenden Phase lieber gehungert oder ausgekotzt oder gebissen, in der impulsiven Phase gekratzt, getreten, geschlagen - im wörtlichen oder übertragenen Sinne. Das bedeutet, daß der Stufenkonflikt durch Anpassung bzw. Aggressionshemmung versus Nichtanpassung bzw. Aggressionsabfuhr gekennzeichnet ist. Die Bedrohung liegt in den Folgen meiner eigenen Aggression, deshalb sind Schuldgefühle typisch.
 
Der Übergangskonflikt ist dagegen durch die Möglichkeit des dritten Lösungswegs gekennzeichnet. Zusätzlich zum Entweder-Oder der Anpassung gegenüber der Nichtanpassung auf dem alten
Entwicklungsstufe ist am Horizont der Weg der Weiterentwicklung aufgetaucht. Statt zu fressen oder nicht zu fressen entsteht die neue Freiheit, mir etwas anderes zum Fressen zu holen (impulsiv) oder über mein kontrollierendes Verhalten das Verhalten des anderen so zu kontrollieren und zu steuern, daß er mir mein Wunschessen serviert (souverän). Später wird sich die Möglichkeit eröffnen, so viel Liebe in die Beziehung zu investieren, daß der andere so viel Zuneigung empfindet, daß er mir meinen Wunsch erfüllt (zwischenmenschlich). Und noch später werde ich unser Zusammenleben so organisieren, daß der andere sich an Regeln und Gesetzmäßigkeiten des Zusammenlebens gebunden fühlt und mir mein Recht auf die „Speise meiner Wahl“ nicht streitig machen wird (institutionell) oder ich mir die „Lieblingsspeise“ in einer anderen Beziehung zukommen lassen kann. Vielleicht werden ich und meine Bezugspersonen es eines Tages schaffen, einen Konsens aus gegenseitigem Respekt, gegenseitiger Toleranz und Verpflichtung gegenüber einer allgemeinen menschlichen Ethik bezüglich meiner Wahlfreiheit zu finden (überindividuell).
 
Der Übergang vom dichotomen Konfliktlösungsmodus zum Weg der integrativen Lösung mit der jeweils neuen Erfindung des „und“ bedeutet allerdings den Untergang des alten Selbst und der alten Welt. Nicht nur der Boden der alten Welt wird unter den Füßen verloren, sondern auch das alte Selbst wird verloren. Das typische Gefühl des Übergangskonflikts ist Angst. Kinder ohne bewältigbare, frustrierende und traumatisierende Erfahrungen in den frühen Entwicklungsphasen meistern diese vorübergehende Instabilität zwar auch nicht spurlos, aber wenn die Eltern den Übergang mit ihnen schaffen, so gelingt es ihnen, ohne daß ein neues Trauma gesetzt wird.
 
aus Sulz: Als Sisyphus seinen Stein losließ - Oder: Verlieben ist verrückt. München: CIP-Medien 2002, 3. Aufl.
 
 
Das neue „und“ jeder Entwicklungsphase ist zugleich das zentrale Ziel für einen Menschen, der seine symptomauslösende Lebenssituation durch Weiterentwicklung seiner Persönlichkeit meistern will. Nach der Kreation des Symptoms kommt seine nächste kreative Schöpfung, die Kreation des „und“, die Integration der dichotomen Lösungswege, die sich bisher völlig ausschlossen. Wir bekommen eine Idee des neuen Integrationsprozesses, wenn wir uns das jeweils neue „und“ jeder Entwicklungsphase vergegenwärtigen:
 
Phase Integrationsleistung der Entwicklungsphase
 
impulsiv Ich kann wie bisher passiv-empfindend, reflektorisch aufnehmen, was die Welt mir gibt,
und
ich kann mir jetzt zusätzlich durch meine Impulse Befriedigung holen.
 
souverän Ich kann mir wie bisher durch meine Impulse Befriedigung holen,
und
ich kann jetzt zusätzlich meine Impulse und die Reaktionen der anderen kon- trollieren.
 
zwischen- Ich kann wie bisher meine Impulse und die Reaktionender anderen kontrollie- menschlich ren,
und
ich kann jetzt zusätzlich durch große emotionale Investitionen den anderen in eine verschmolzene Beziehung einbinden.
 
institutionell Ich kann wie bisher durch große emotionale Investitionen den anderen in eine verschmolzene Beziehung einbinden,
und
ich kann jetzt zusätzlich mehrere Beziehungen und die Interaktionen mit Be- zugspersonen durch festgeschriebene Regeln organisieren.
 
überindi- Ich kann wie bisher mehrere Beziehungen durch Regeln organisieren,
viduell und
ich kann die Verwaltung der Beziehungen durch eine allgemeine menschliche Ethik relativieren.
 
 
Fazit der Integration ist:
 
Ich brauche die Errungenschaft der letzten Phase nicht aufzugeben, wenn ich wieder etwas, das ich illusionär zu mir, zu meinem Selbst gehörig glaubte, einer frei für sich willensfähigen Außenwelt zuschreibe. Ich brauche die Errungenschaft der letzten Phase auch nicht aufzugeben, wenn ich nun mit Hilfe meiner neuen phasentypischen Fähigkeit mit dieser neu definierten Welt in Beziehung trete.
 
Aus dem Einsatz von Problemlösestrategien wissen wir, daß Ratsuchende uns mit einer dichotomen Problemformulierung konfrontieren, zum Beispiel: „Ich muß entweder bei meinen Eltern wohnen bleiben oder ausziehen und ewig Schuldgefühle haben.“ Sie haben sich bereits in einer verkürzten Problemsicht eines Entweder-Oder verkeilt. Der dritte Lösungsweg des aus der Primärfamilie Herausgehens und als eigenständiges Individuum mit dieser dann eine gute Beziehungpflegens, ist zunächst unvorstellbar.
 
Wir können demnach einen stationären Stufenkonflikt in einen Übergangskonflikt umformulieren und gewinnen dadurch die Möglichkeit der Konfliktlösung durch Entwicklung, d.h. durch Ablösung vom alten psychischen Gleichgewicht und Integration auf einer neuen Gleichgewichtsstufe.
Man kann noch weiter gehen und feststellen, daß die Konflikte nahezu immer Übergangskonflikte sind, d.h., die autonome Psyche des Menschen bereits die mögliche neue Konfliktlösung erfaßt hat und gerade die hierzu anstehenden Veränderungen so bedrohlich erscheinen, daß der Ratsuchende uns irreführenderweise auf den dichotomen Konflikt der alten Entwicklungsstufe zurückleitet.
 
 
Der Entwicklungs- und Integrationsschritt vermittelt eine doppelte Erfahrung:
1) Trotz Verstoßes gegen die alte Überlebensregel verliere ich nicht alles, was ich zu verlieren glaubte, im Gegenteil, die Qualität zwischenmenschlicher Beziehungen und die Achtung der Menschen vor mir und meine Selbstachtung nehmen zu.
2) Nicht alle Menschen reagieren so positiv auf meinen Verstoß gegen die alte Überlebensregel. Einige mögen mich weniger, wenden sich von mir ab oder werden meine Gegner. Aber das bringt mich nicht um, ich verkrafte diese Verluste ganz gut. Ich kann mehr einstecken, als ich dachte. Und ich werde neue Beziehungen knüpfen.
Beides muß mehrfach real erlebt werden, um als bleibende Erfahrung das künftige Selbst- und Weltbild determinieren zu können.
 
Es gibt keine unlösbaren Konflikte, höchstens unvorteilhafte Entscheidungen.
 
Gerade die uns unlösbar erscheinenden Konflikte sind der beste Anreiz zur persönlichen Weiterentwicklung.
 
Literatur zu Konflikt:
 
S.K.D. Sulz Als Sisyphus seinen Stein losliess. Oder: Verlieben ist verrückt
 
S.K.D. Sulz: Strategische Kurzzeittherapie