Trauer-Gefühle
- Traurigkeit
- Verzweiflung
- Sehnsucht
- Einsamkeit
- Leere, Langeweile
- Enttäuschung
- Beleidigtsein
- Mitgefühl
Traurigkeit ist eines der grundlegenden Gefühle, der bewußt wahrgenommene Anteil der entsprechenden Basisemotion. Traurigkeit entsteht, wenn eine Hoffnung nicht erfüllt wurde oder wenn ein Verlust eingetreten ist oder auch, wenn auf einmal oder allmählich das Bewußtsein entsteht, daß etwas Wichtiges fehlt. Wir müssen das Gefühl des Traurigseins unterscheiden von dem umfassenderen psychischen Prozeß der Trauer, zudem die unumstößliche Realität des Verlusts gehört und der ein inneres Loslassen und Abschiednehmen beinhaltet. Um zu diesem Prozeß fähig zu sein, ist das Bewußtsein erforderlich, selbst zu überleben, während der andere gestorben ist. Für Kleinkinder von bis zu 18 Lebensmonaten ist der Tod der Mutter von einer ganz ähnlichen Bedeutung wie bei einem Tierbaby in der freien Natur. Der Tod der Mutter bedeutet höchste Gefahr für das eigene Leben. Für diese Gefahr ist nicht Trauer, sondern Angst das angemessene Gefühl. Erwachsene Menschen, die auf Trennung oder Tod mit Angst reagieren, befinden sich emotional auf dieser frühen Entwicklungsstufe bzw. regredieren in ihrem Selbst- und Weltbild auf diese. Kinder, die in ihrer affektiv-kognitiven Entwicklung etwas weiter sind, sträuben sich gegen die Anerkennung dieser Realität und vermeiden dadurch den Trauerprozeß. Die depressive Verstimmung ist eine Möglichkeit, das nicht verkraftbare erscheinende Gefühl der Trauer zu verhindern - als kleineres Übel der verschiedenen Möglichkeiten des Umgangs mit zentralen Verlusten.
Manche Menschen vermeiden das Gefühl der Traurigkeit durch kognitive Umstrukturierungen im Sinne eines Bagatellisierens des Ausmaßes oder der Bedeutung des Verlustes. Andere schalten gleich alle Gefühle ab, wenn traumatische Ereignisse geschehen. Wieder andere ersetzen das Gefühl der Trauer durch ein anderes. Sie finden stets einen Verursacher, den sie verantwortlich machen können, der in ihren Augen vorsätzlich oder gar rücksichtslos gehandelt hat und reagieren mit Ärger und Zorn statt mit Traurigkeit. Aber auch das Gegenteil - die Schuld bei sich suchen - führt zu einem trauervermeidenden Ersatzgefühl, dem Schuldgefühl. Dies zeigt, daß sowohl externale als auch internale Attribuierung der Kausalität zu Vermeidungszwecken eingesetzt werden kann. Das Gefühl der Traurigkeit ist kein direkt handlungsorientiertes Gefühl, es ist vielmehr das Ergebnis der Wahrnehmung und Bewertung des Geschehens der Außenwelt, eine affektive Stellungnahme, die zu einer inneren Verarbeitung dieses Geschehens führt. Diese innere Verarbeitung kann so viel psychische Energie beanspruchen, daß sich ein Mensch Tage bis Wochen ganz von der Außenwelt zurückzieht.
Im Gegensatz zu Ärger und Wut entspricht Traurigkeit einem passiven Betroffensein, das von der Unveränderbarkeit des Verlusterlebnisses ausgeht. Bei intensiver Traurigkeit gesellt sich ein Empfinden von Hilflosigkeit hinzu. Seligmans (1979) Begriff der gelernten Hilflosigkeit müßte allerdings im Vergleich von Trauer und Depression diskutiert werden. Von diesem Konzept muß gefordert werden, daß es den Unterschied zwischen beiden erklärt. Warum ist gelernte Hilflosigkeit mit Depression und nicht mit Trauer assoziiert? Nur obige Gedanken zur Trauerfähigkeit geben meines Erachtens dem Konzept außer seiner Plausibilität auch die Schlüssigkeit zurück. Ich muß im Bewußtsein sein, den Verlust psychisch verkraften zu können und ohne das Verlorene weiterleben zu können, um keine gelernte Hilflosigkeit bzw. Depression zu entwickeln.
Verzweiflung ist eine Steigerung von Traurigkeit, ein intensives akutes sehr schmerzliches Empfinden, das am ehesten im Moment der Trennung von oder des Sterbens der zentralen Person entfacht wird. Der Mensch kann sich in diesem Moment mit seiner Aufmerksamkeit nichts anderem mehr zuwenden. Die restliche Welt ist bedeutungslos geworden, in die Ferne gerückt. Innerlich aufgewühlt, aufgelöst in Tränen, zu keinem geordneten Gedanken abseits des Verlustthemas fähig, werden auch die körperlichen Funktionen miteinbezogen. Körperliche Bedürfnisse wie Hunger und Durst werden nicht mehr wahrgenommen. Die individuelle psychische und somatische Homöostase ist außer Kraft gesetzt. Das ganze Selbst ist eingetaucht in das Geschehen und den Schmerz über dieses Geschehen.
Das Gefühl der Verzweiflung ist ein extremes Alarmieren des Organismus, das ihm anzeigt, daß sein homöostatisches System nicht in der Lage war, das Ereignis zu verhindern. Es kann dazu führen, daß künftig der sozialen oder systemischen Homöostase mehr Gewicht vor der individuellen eingeräumt wird, d.h. soziale Beziehungen so gepflegt werden, daß eine Wiederholung des Verlustes unwahrscheinlich wird. Manche Menschen vermeiden aber auch, künftig überhaupt wieder eine Beziehung einzugehen oder zumindest sich in Beziehungen emotional hinzugeben. Dann kann ihnen auch nicht mehr weh getan werden.
Sehnsucht ist ein Gefühl intensiven Wünschens, wobei der Wünschende unter dem Noch-nicht-erfüllt-sein des Wunsches leidet. Das Gefühl ist wie eine ziehende Spannung zwischen der Person und dem Ersehnten. Es bindet einen großen Teil der psychischen Energie und der Aufmerksamkeit. Wahrnehmung und Denkprozesse sind auf der Suche nach Möglichkeiten der Erfüllung. Es muß aber auch eine starke Kraft existieren, die die Person daran hindert, dem Ziehen nachzugeben. Oft sind es äußere Gründe, die mich hier festhalten, die verhindern, daß ich einfach zum anderen oder zum Ort der Wunscherfüllung gehe. Inneren Werten oder äußeren sozialen oder existentiellen Notwendigkeiten verpflichtet, ist ein aktiv handelndes Lösen des Problems nicht möglich. Oder man hat selbst schon das Nötige und Mögliche getan und es wäre am Gegenüber den entscheidenden Schritt zu tun, der aber noch ausbleibt. Sehnsucht ist ein bewußtes Zeichen der gestörten individuellen (z. B. Sehnsucht nach Erfolg) oder sozialen Homöostase (z. B. Sehnsucht nach einer Partnerschaft) angesichts der Unmöglichkeit zu einer ausreichend raschen Befriedigung von Erfüllung zu gelangen, d.h. es sind jetzt keine instrumentellen Verhaltensweisen verfügbar oder ausreichend erfolgversprechend. Vielmehr geht es um ein Warten und Suchen nach Lösungsmöglichkeiten.
Einsamkeit zeigt das Unerfülltsein sozialer Bedürfnisse an, z. B. „Ich habe niemanden, der mir mal zuhört“ oder „Ich habe niemanden, mit dem ich Spaziergänge oder Ausflüge machen kann“. Yalom (1989) unterscheidet existentielle Einsamkeit (es ist wirklich kein Mensch verfügbar) von sozialer Einsamkeit (Unfähigkeit, vorhandene Kontaktmöglichkeiten zu nutzen). Im Gegensatz zur Sehnsucht, die sich auf Wunscherfüllung bezieht, ist Einsamkeit auf das bloße Unbefriedigtsein, das Defizit bezogen. Es gibt eher vage Vorstellungen von der Person, die da sein müße. Und es ist ein Empfinden des grundsätzlichen oder allgemeinen Defizits: „Einen Menschen haben“ - „Jemanden haben“. Erst wenn ich einen Menschen habe, kann ich mir von ihm meine diversen sozialen Bedürfnisse befriedigen lassen.
Die bescheidenste Form der Befriedigung wäre, überhaupt unter Menschen sein zu können statt z. B. den ganzen Tag im Altenheim-Appartment zu sitzen und nur die Altenpflegerin 3x kurz zu sehen und einige Sätze mit ihr zu wechseln. Wen Ängste vor den Menschen zum Rückzug vor diesen getrieben haben, der kann sich gleichwohl mit Einsamkeitsgefühlen plagen. Ein Kind, daß sich von seinen Eltern zurückgezogen hat, weil doch nur Schelte und Herumgeschubstwerden das Fazit waren, kann teilweise Ersatz in einer Phantasiewelt suchen, in der sich die Menschen wunschgemäß verhalten, es bleibt aber doch eine Einsamkeit, gemeinsam mit der Erfahrung, daß diese nicht behebbar ist, ohne einen zu hohen Preis zu zahlen. Zahlreiche Bekannte, mit denen auf oberflächlicher Ebene schablonenhaft kommuniziert wird, können doch eine innere Vereinsamung nicht verhindern: Das Fehlen echten emotionalen Austauschs, mich mit meinen Bedürfnissen und Gefühlen jemandem zeigen und anvertrauen können, ohne eine funktionierende Fassade aufrecht erhalten zu müssen. Auch das Gefühl, vom anderen ebenso gebraucht zu werden.
Leere, Langeweile ist ein Gefühl des Fehlens innerer oder äußerer Lebensinhalte, die Anreiz geben, sich ihnen aufmerksam und interessiert zuzuwenden. Weder eigene Phantasien oder Gedanken noch Aspekte der äußeren Situation sind in der Lage, eine Motivation zur Zuwendung zu erzeugen. Es ist nichts da, bzw. was da ist, interessiert nicht. Wird das Gefühl der Langeweile zu aversiv, so mobilisiert es dazu, die Situation zu verlassen. Manche Menschen gewöhnen sich aber an Langeweile, sie ertragen sie lieber, als etwas zu ändern. Wer den Zugang zu seinen Bedürfnissen verloren hat, findet auch in den korrespondierenden Aspekten der Außenwelt nicht den Anreiz, diesen Situationsaspekt zur Bedürfnisbefriedigung zu nutzen. Wer die pauschale Erfahrung gemacht hat, daß die Welt keine Bedürfnisbefriedigung bietet, muß die Wahrnehmung aller Bedürfnisse abschalten, um sein Leiden zu reduzieren. Dies hat aber den Nachteil, daß die Welt öde und leer wird.
Enttäuschung ist das Gefühl der Frustration einer fast sicher geglaubten Erwartung oder Hoffnung. Eine zuvor vorhandene erwartungsvolle Spannung erschlafft jäh, wie aus einem Luftballon die Luft entweicht. Die Aufmerksamkeit bleibt beim Erhofften, das Gefühl hat sich von ihm entfernt, ist in die Person zurückgewichen. Es ist noch offen, wie lange das Gefühl anhalten wird, was die Person tun wird, um die Enttäuschung zu verkraften. Manche Kinder sind viel öfter enttäuscht als ihre Eltern wahrnehmen. Einen großen Teil der Enttäuschung kann das Kind „wegstecken“, innerlich verarbeiten. Chronische Frustration kindlicher Bedürfnisse führt aber zu einer Kumulation, die ein Zurücknehmen der Bindung bewirken kann. Die Liebe des Kindes zum betreffenden Elternteil kühlt ab. Andere Kinder machen Frustrationen aggressiver, nicht sofort in der enttäuschenden Situation, sondern erst später, wenn es nicht gelungen ist, die Frustration innerlich zu verarbeiten. Dann zeigt sich für die Eltern unerklärliches, aggressives Verhalten des Kindes bei Anlässen, die in keinem Zusammenhang mit der vorhergehenden frustrierenden Situation stehen. Die Enttäuschung eines Mädchens über ihren Vater kann generalisieren auf die Männer und in der Schwierigkeit enden, als erwachsene Frau eine heterosexuelle Beziehung aufzubauen. Die Enttäuschung über den gleichgeschlechtlichen Elternteil verhindert, daß dieser ein brauchbares Modell für geschlechtsspezifisches Rollenverhalten darstellen kann. D.h. das Frausein oder das Mannsein kann nicht durch Imitation und Identifikation gelernt werden. Im Extremfall kann die eigene Geschlechtsidentität nicht stabil genug aufgebaut werden.
Beleidigtsein ist ein Beziehungsgefühl. Eine andere Person wird als Verursacher identifiziert und ihr das entstandene Leid angelastet. Sie hat etwas getan, das eine Verletzung meines Anspruches auf Aufmerksamkeit, Beachtung, Berücksichtigung, Würdigung meiner Person ist. Wenn ich es als Angriff empfinden würde, wäre ich ärgerlich oder wütend. Wenn ich es als unabsichtlich erlebt hätte, wäre ich enttäuscht. So aber ist es eine Kränkung meines Selbstgefühls und ich signalisiere diese mit dem Beleidigtsein ganz deutlich. Das Signal soll den anderen zur Reue, zum Zurücknehmen seiner Handlung, zur Entschuldigung bewegen und die Beobachter zur Parteinahme mit dem Opfer. Beleidigtsein entspricht einem Mangel an Wehrhaftigkeit und Schlagfertigkeit. Es liegt eine Lerngeschichte vor, in der sich offenes Wehren als nachteilig erwies, in der der Stärkere (Vater oder Mutter) aber doch den im Beleidigtsein steckenden Anteil von Aggressivität tolerierte. Fehlt auch diese Toleranz, so kann sich das Kind nicht einmal das Beleidigtsein leisten, es bleibt ihm nur ein ganz privates Gefühl der Kränkung, das nicht nach außen dringt.
Beleidigtsein ist eine Situationsbewältigung, die auf halber Strecke stecken bleibt. Die Situation führt zur Emotion, diese aber nicht zur kognitiven oder handelnden Situationsmeisterung. Das Verharren im Gefühl ist einerseits eine Form der Ohnmacht. Andererseits wird doch noch versucht, genau über diese Emotion den anderen in dessen Verhalten zu steuern. Manche Menschen entwickeln eine erstaunliche Fähigkeit, allein über den Ausdruck eigener Gefühle ihre soziale Umwelt so effektiv zu steuern, daß sie es gar nicht nötig haben, kognitive und handelnde Bewältigungsstrategien zu entwickeln. Diese Menschen fallen uns als überemotional oder als histrionisch auf.
Mitgefühl wird meist als empathisches Einfühlen in schmerzliche Gefühle verstanden. Kinderbeobachtungen lassen das erstmalige Auftreten dieses Gefühls, von Winnicott (1993) als concern bezeichnet, im 3. Lebensjahr vermuten. Es ist eine wichtige Errungenschaft des Menschen in seiner Entwicklung zum sozialen Wesen und ist eine große Hilfe bei der Regulierung von aggressiven Tendenzen im zwischenmenschlichen Umgang. Wird dem Kind durch massive Strafen oder Strafandrohungen die Eindämmung von Aggressionen anderen Menschen gegenüber abverlangt, bevor es die Fähigkeit zu Empathie entwickelt hat, so muß es die typische rigide Zwanghaftigkeit einsetzen, um zu verhindern, daß aggressive Handlungen eine schädigende oder verletzende Wirkung haben. Andere Kinder entwickeln so viel Mitgefühl, daß sie darüber eigene Belange vernachlässigen und sich nicht wehren können. Sie lassen sich schlagen und können dem anderen nicht weh tun.



