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Angst-Gefühle

 

 
Angst, Furcht
 
Angst und Furcht sind Gefühle des sich Bedrohtfühlens. Angst ist der reine Affekt ohne kognitive Komponente („Ich habe Angst“). Bei der Furcht ist die kognitive Zuordnung zur wahrgenommenen Gefahr enthalten (z. B. Furcht vor der Strafe des Vaters). Angst ist das wichtigste Gefühl im Bereich der Psychiatrie und der psychosomatischen Medizin. Es gibt keinen Patienten, bei dem nicht Angst eine zentrale Rolle spielt, entweder in der Gegenwart oder in der Entwicklung seiner zu behandelnden Störung. Ursprünglich ist Angst ein lebensnotwendiges Signal, daß zu selbstschützendem Verhalten mobilisiert (Flucht vor einer Gefahr oder Vermeidung der Situation, die mit Gefahr assoziiert ist). Deshalb ist Angst auch eines der am frühesten entwickelten Gefühle, zunächst als eine globale existentielle Angst, dann als eine noch allgemeine Angst vor dem Verlust der Bezugsperson, dann in eine Angst vor dem Verlust der Liebe der zentralen Bezugsperson übergehend. Es folgt die Angst vor dem Verlust der Selbstbestimmung und schließlich die Angst vor der Hingabe. Dies sind die bedeutendsten Ängste in Beziehungen und deshalb oft Gegenstand vieler Paartherapien. Die kindliche Lerngeschichte dieser Beziehungsängste determiniert weitgehend die spätere Persönlichkeitsentwicklung. Ein großer Teil unserer habituellen Verhaltenstendenzen hatte ursprünglich Vermeidungsfunktion.
 
Generell kann gesagt werden, daß Angst vor den Eltern, Angst vor den Auswirkungen eigenen Handelns auf die Eltern oder Angst um die Eltern wesentliche Hemmnisse unserer Patienten waren, in der Kindheit in ausreichendem Ausmaß instrumentelle Verhaltensweisen zur Befriedigung zunächst ihrer Abhängigkeitsbedürfnisse und danach ihrer Selbstbestimmungs- und Selbständigkeitsbedürfnisse zu entwickeln.
 
 
Anspannung, Nervosität
 
Anspannung und Nervosität sind die bewußt wahrnehmbaren Gefühlsanteile der physiologischen Korrelate der Angst. Das Spannungsgefühl, die körperliche oder motorische Unruhe ist bereits da. Hinzu kommen je nach individuellem Angst- und Streßreaktionsprofil kalte Akren, schweißige Hände und Stirn, leichter Tremor, verspannter Kiefer, vermehrtes Augenblinzeln, unruhiger Blick, Mundtrockenheit, fahrige Bewegungen, hastiges Sprechen, drängender, ungeduldiger oder unwirscher Unterton in der Stimme usw. Auf manche wirkt die Hektik ansteckend, andere reagieren ärgerlich. Da noch keine Angst spürbar ist, liegt auch noch keine Fluchttendenz vor. Vielmehr besteht noch eine Annäherungstendenz, allerdings keine frei gewählte. „Ich muß heute noch fertig werden, ich muß das ohne Fehler hinkriegen“.
 
Spannung entsteht, wenn eine Bewegung gebremst wird, wenn Agonist und Antagonist zugleich tätig werden. Sie enthält eine aggressive und eine ängstliche Komponente. Streß entsteht, wenn sich zu einer motorischen Annäherungskomponente Angst hinzugesellt, so daß Nervosität resultiert. Die Nervosität kann einerseits von einer Versagensangst herrühren, andererseits von einer Angst vor den Folgen einer Auflehnung gegen die Pflicht. Sie kann als Verhaltensstereotyp von einem Elternteil durch Imitation übernommen worden sein. Sie ist quasi ein angefangenes Gefühl und hat deshalb noch keine Signalwirkung. Das erklärt, warum nichts getan wird, um sie zu beenden, bis schließlich gesundheitliche Streßfolgen entstanden sind.
 
 
Verlegenheit
 
Verlegenheit ist ein Gefühl der positiv getönten Unsicherheit in einer zwischenmenschlichen Situation. Es ist ein Unsicherheitsgefühl ohne Angstkomponente in einer neutralen Atmosphäre. Im Moment des Auftretens des Verlegenheitsgefühls tritt in die zuvor vielleicht sachliche Interaktion eine deutliche emotionale Komponente, vielleicht nur zunächst einseitig bei dem Menschen, der verlegen wird. Dabei wird das Gegenüber als nichtfeindlich, eventuell als wohlwollend empfunden. Im Gegensatz zum Erröten ist Verlegenheit nicht zwingend mit Mißbehagen verknüpft. Erst anschließend kann die kognitive Selbstbewertung das Schwäche zeigen kritisieren und ein unangenehmes Gefühl des Ärgers oder der Peinlichkeit hervorrufen. Der gerade noch in einem Selbstgefühl von rationaler Aktivität und zupackender Zielgerichtetheit mit der Außenwelt interagierte, fühlt sich nun dieser Werkzeuge beraubt. Durch das verlegen machende Ereignis ist zwischen dem anderen und mir eine schwache Seite von mir offen gelegt, nicht beschämend, kein Versagen.
 
Es wird keine weitere Konsequenz antizipiert, die aversiv wäre. Aber es ist ein unbeabsichtigtes Öffnen, das Einblick gibt in einen Teil meines Selbst, den ich nicht von mir aus nach außen darstellen würde. Ich fühle mich an einer Stelle entkleidet, die nicht zu meinem Schambereich gehört und die auch nicht die Entblößung einer Stelle bedeutet, die meine Verwundbarkeit offenbart. Ich habe diesen Teil noch nicht voll akzeptiert und kann deshalb nicht öffentlich dazu stehen. Durch mein verlegenes Lächeln werbe ich aber um wohlwollendes Verständnis, rufe tatsächlich meist Wohlwollen oder Sympathie hervor. Verlegenheit ist ein Gefühl in einer nicht bedrohlichen sozialen Umwelt, die vielen unserer Patienten als Kind nicht beschieden war. Sie entwickelten stattdessen soziale Angst (Unsicherheit) oder eine Gefühle verbergende Strategie des „nur keine Schwäche Zeigens“.
 
 
Selbstunsicherheit
 
Selbstunsicherheit als situatives Gefühl ist eine soziale Ängstlichkeit, ohne daß im Moment das Gefühl der Angst spürbar ist. Sie ist eine Vorstufe der Angst vor dem anderen Menschen. So wie Nervosität in aufgabenorientierten Situationen eine Vorstufe der Versagensangst ist, ist dies Selbstunsicherheit in zwischenmenschlichen Situationen. Mir fehlt das Selbstbewußtsein meiner sozialen Fähigkeiten, des Angemessenseins meiner Verhaltensweisen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich so sein darf, wie ich bin, ob ich ein Recht habe, das zu tun, was ich ursprünglich wollte, ich weiß auf einmal nicht mehr so recht, was ich tun wollte und tue es auch nicht. Ich sage etwas ganz anderes, weil das, was ich sagen wollte, im Moment des Aussprechens Angst vor Ablehnung gemacht hätte. Ich spüre nicht, was die anderen von mir wollen und erwarten. Ich suche in ihren Gesichtern nach Zeichen der Ablehnung oder Zustimmung. Was ich tue, mache ich zögerlich, schlechter als ich könnte. Ich empfinde den anderen als überlegen und eher streng, im Besitz der Norm und der Befugnis, mich zu kritisieren, abzulehnen und zu verstoßen. Die Wahrnehmung meiner Selbstunsicherheit gibt dem anderen automatisch ein Gefühl der Überlegenheit, wodurch er eventuell verleitet wird, seine Interessen stärker durchzusetzen als zuvor.
 
Das Gefühl der Unsicherheit ist eine Ergebnis des Vergleichs der eigenen Stärke mit der des anderen und eines Abwägens meiner konkurrierenden Werte und Bedürfnisse. Ergebnis ist eine Ungewißheit, die verhindert, daß ich aggressives Durchsetzungsverhalten zeige und dadurch die Zuneigung und Akzeptanz des anderen verliere. In einer eigenen nicht veröffentlichen Studie mit 62 Patienten verschiedener psychischer Störungen neigte über die Hälfte zu Selbstunsicherheit. Ein großer Teil dieser Patienten hatte in der Kindheit die Erfahrung gemacht, daß ihre Eltern sie ablehnen, wenn sie die Befriedigung selbstbezogener Bedürfnisse einfordern. Als Erwachsene bewahrten sie sich diese Selbst- und Weltsicht und konnten deshalb ihren Interessen in sozialen Beziehungen nie ausreichend Geltung verschaffen.
 
 
Unterlegenheit
 
Unterlegenheit ist ein Gefühl, das vor oder in einer Auseinandersetzung oder in einem konkurrierenden Geschehen auftritt. Während die Unsicherheit im Zuge einer positiven Annäherung an den anderen Menschen auftritt (ich hoffe, daß ich dir genüge und ich fürchte, daß du mich ablehnst), tritt das Gefühl der Unterlegenheit im Zuge einer gegnerischen, rivalisierenden oder feindseligen Annäherung auf (ich hoffe, dich zu bezwingen und ich fürchte, daß ich im Kampf gegen dich unterliege). Eine vergleichende Bewertung der eigenen kämpferischen Fähigkeiten und der des Gegners kam zu dem Ergebnis der eigenen Unterlegenheit. Wenn ein Kampf vermeidbar ist, führt dieses Gefühl dazu, daß ein Angriff unterlassen wird und die vorhersehbare Niederlage umgangen wird. Ging dem Gefühl eine realistische Einschätzung voraus, so hat das Unterlegenheitsgefühl durch seine spezifische verhaltenssteuernde Wirkung die Funktion des Selbstschutzes. Wer sich jedoch unterschätzt und Angst vor „Prügel“ hat, vermeidet ein Kräftemessen und versäumt zwei wichtige Erfahrungen:
 
- zum einen die neue Erfahrung, daß wesentlich öfter als erwartet keine Unterlegenheit bestand,
 
- zum anderen die ebenso bedeutsame Erfahrung, daß Verlieren oder Prügel einstecken nicht das Ende der Welt bedeutet, sondern man „halt mal verloren hat“.
 
Kinder haben zu Recht ihren Eltern gegenüber Unterlegenheitsgefühle. Wenn Auseinandersetzungen mit ihnen regelmäßig traumatische Niederlagen bringen, kann es kein kämpferisches Selbstbewußtsein entwickeln. Wer Gleichaltrigen mit dem Selbstgefühl des Verlierers entgegentritt, wird diese Erfahrungen perpetuieren. Für Kinder ist Konkurrenz oder Kampf mit Aussicht auf Erfolg und mit erkämpften Siegen wichtig. Empathische Eltern lassen ihrem Kind sowohl im Spiel als auch in wirklichen Auseinandersetzungen solche Siege zukommen, nicht allzu realitätsfern, weil sonst im Kampf mit Gleichaltrigen bösartige Ernüchterungen kommen. Manche Eltern müssen ihre Überlegenheit jedoch ihrem Kind gegenüber mit so aggressiven Mitteln verteidigen, als ob die Kinder eine ernste Bedrohung für sie wären.
 
 
Scham
 
Scham ist ein Gefühl, das in einer zwischenmenschlichen Situation auftritt, wenn eine entferntere Person einen Einblick in den individuell definierten Intimbereich bekommen hat. Intim ist für manche die Wohnung, für andere ihr Zimmer, ihr Tagebuch, ihr nackter Körper oder gar nur erotische oder sexuelle Erlebnisse oder Handlungen. Ist es nicht gelungen, die Initimität zu schützen, so signalisiert das Gefühl der Scham ihre Bloßlegung. Scham hat also die Funktion, die Intimität zu schützen. Nur wenn zu einem Menschen eine ganz außerordentliche, d.h. liebende Beziehung entstanden ist, kommt ein starkes Bedürfnis nach Nähe und gemeinsamer Intimität auf. Auch ohne erzieherische Maßnahmen entwickeln Kinder mit 4-6 Jahren den Wunsch nach Intimität mit dem Gefühl der Scham, wenn eine Bloßstellung erfolgt. Während sie mit 4 Jahren noch der Öffentlichkeit ihrer kleinen Welt stolz ihren Genitalbereich zeigten und dies offensichtlich lustvoll fanden, sind nun nur noch wenige Personen zugelassen. Wenn es nicht manchmal verschämter wäre als die Eltern, würde man annehmen, daß einfach deren Umgang mit Intimität imitiert wird. Weshalb ist, abgesehen von unserer Wertorientierung, Intimität so schützenswert? Wir schützen das, war verletzlich ist. Zartes ist verletzlich. Unsere zartesten Gefühle öffnen wir nur in intimen Momenten einem Menschen gegenüber, der diese Gefühle erwidert, so daß keine Gefahr der Verletzung besteht. Eltern, die die Schamschranken ständig rücksichtslos durchbrechen („hab dich nicht so, ich bin doch deine Mutter“), lassen im Kind den Eindruck zurück, daß sein Intimbereich nicht ihm, sondern dem anderen Menschen gehört. Es kann ihn später nicht ausreichend schützen. Das Kind ist bereit, dem geliebten Vater gegenüber die Intimgrenzen zu öffnen, damit er seine Liebe erwidert. Inzest und sexueller Mißbrauch sind nahe. Schamgefühle können davor schützen, wenn im Erwachsenenalter ausreichendes Verantwortungsbewußtsein vorhanden ist.
 
 
Schuldgefühle
 
Schuldgefühl ist wie Angst ein zentrales verhaltenssteuerndes Gefühl im zwischenmenschlichen Umgang. Es besteht ein Unrechtsbewußtsein bzw. das Empfinden, einen immateriellen oder materiellen Schaden angerichtet zu haben. Das Bewußtsein fällt in ein „Gefühlsbecken“, aus dem es wegen der unaufhebbaren eigenen Verursacherrolle kein Entrinnen gibt. Ein entwicklungspsychologischer Vorläufer ist die Strafangst des Kindes, das assoziativ gelernt hat, daß auf bestimmte Handlungen elterliche Strafe folgt, ohne ein Unrechtsbewußtsein zu haben. Das schlechte Gewissen ist ebenfalls noch mehr an der zu erwartenden Strafe orientiert, allerdings bereits mit dem Wissen, etwas Verbotenes getan zu haben. Im Gegensatz zu beiden bezieht sich das Schuldgefühl mehr auf die direkten Wirkungen des eigenen Verhaltens.
 
Nicht nur der Regelverstoß, sondern auch die entstandene Schädigung des anderen führt zu dem quälenden Gefühl der Schuld. Plötzlich wird versucht, Handlungen zu unterlassen, die dieses Gefühl hervorrufen. Auf diese Weise erhält das Gefühl die Funktion, das Zusammenleben in der sozialen Gemeinschaft zu fördern, indem soziale Regeln und Normen eingehalten werden und gemeinschaftsschädigende Handlungen unterlassen werden. Wegen der guten verhaltenssteuernden Wirkung induzieren manche Eltern im Übermaß gezielt Schuldgefühle beim Kind. Obwohl objektiv keine Schuld besteht, werden Schuldgefühle bei allen Impulsen entwickelt, die nicht dem ausgesprochenen Willen der Eltern entsprechen. Deren Wille wird zum Gesetz, eigene Befähigungen und eigenes Recht auf Definition von Gut und Böse wird unterbunden. So können übertriebene Normorientierung oder extremes Pflichtbewußtsein entstehen. Umgekehrt ist die fehlende Entwicklung von Schuldgefühlen mit der ausgebliebenen Internalisierung elterlicher Normen z. B. durch eine hoch ambivalente Beziehung mit Haß gegen den Vertreter der Norm verbunden.
 
 
Reue
 
Während das Schuldgefühl das Unabänderliche der Schuld konstatiert - ein auf das Selbst bezogenes Gefühl ist: „Ich bin schuld“ - bezieht sich Reue mehr auf die begangene Tat: „ich bereue meine Tat“. Nicht die ganze Person versinkt in Schuld, sondern die Person setzt sich mit ihrer Tat auseinander: „Ich will das nicht getan haben“. Es ist ein rumorendes Gefühl, das scheinbar versucht, die bereute Handlung ungeschehen zu machen. Das Gefühl ist weiter entfernt von einer Strafangst und näher an einem Ärger über sich selbst: „Wie konnte ich das nur tun?“ Es scheint ein reiferes Gefühl zu sein als das Schuldgefühl, das eher der primitiven frühkindlichen Denkart entspricht: „Ich war böse“. Statt dessen könnte Reue bedeuten : „An und für sich bin ich mit mir einverstanden. Diese Tat paßt überhaupt nicht zu meinem Selbstbild. Zudem wollte ich die Beziehung zu der anderen Person nicht durch so eine Handlung belasten.“
 
Das Gefühl paßt gut zu einer relativ späten affektiv-kognitiven Entwicklungsphase, der „institutionellen Phase“ nach Kegan (1986), auf die später eingegangen wird: „Es ist mir bedauerlicherweise nicht gelungen, meine zwischenmenschlichen Beziehungen gemäß den sozialen Gesetzmäßigkeiten zu verwalten.“ Dagegen paßt das Schuldgefühl eher zur „zwischenmenschlichen Phase" Kegans: „Ich habe mich am anderen schuldig gemacht, nicht genug Opfer und Verzicht für die Beziehung erbracht“.
 
Die Funktion der Reue ist allerdings ähnlich der des Schuldgefühls. Es hilft, sich in die soziale Gemeinschaft einzuordnen und sich gemäß inneren und äußeren Normen dieser Gemeinschaft zu verhalten. Eltern, die ihre Kinder durch Normen steuern, induzieren das Gefühl der Reue, indem sie die Diskrepanz zwischen Verhalten und Norm anprangern.
 
 
Sorge
 
Sorge ist ein Gefühl, das den Gedanken begleitet, dem anderen Menschen könne etwas zustoßen oder er könne eine schlechte Entwicklung nehmen. Auch wenn die Sorge sich auf ein Ereignis bezieht, das einem selbst als Mitglied oder Oberhaupt einer Familie oder Gruppe widerfahren könnte, so bezieht es sich doch auf die anderen Mitglieder, die einem vielleicht anvertraut sind. Man könnte Sorge als die konjunktive Form des Mitleids bezeichnen. Die Situation ist dadurch gekennzeichnet, daß keine Möglichkeit besteht, Vorkehrungen zu treffen, daß das Sorge auslösende Geschehen ausbleibt. Vielleicht sind solche Vorkehrungen unangemessen, weil sie ein „Dreinreden“ wären. Sorge setzt Empathiefähigkeit voraus. Sie taucht bei Vorschulkindern nicht auf. Auch Schulkinder haben dieses Gefühl fast nur, wenn sie parentifiziert sind, d.h. elterliche Funktionen an sie delegiert wurden. Dies hat mit der fehlenden Zukunftsschau der Kinder zu tun. Sorge erscheint auf den ersten Blick als relativ passives Erleiden, das nicht zum Handeln motiviert, eher eine innere Unruhe hervorruft.
 
Allerdings fällt uns dieses Gefühl vor allem dann auf, wenn es nicht gelingt, es zum Abklingen zu bringen. Dagegen können wir davon ausgehen, daß Sorge eine bemutternde oder betreuende Person zu umsorgendem, versorgendem Verhalten motiviert, dessen Erfolg das Gefühl beendet. Das Gefühl bleibt nur bestehen, wenn diese Handlungen unterbunden werden oder nicht zum Erfolg führen. Kinder haben weniger mit der eigenen Sorge als mit der der Eltern zu tun. Wenn sie zu empathisch sind, lassen sie sich durch die Sorge der Eltern von natürlichen, spontanen, kindgemäßen Verhaltensweisen abbringen. Schon der Handlungsimpuls löst Schuldgefühle aus. Insbesondere in der „zwischenmenschlichen Phase" Kegans (1986) lassen sich Kinder durch die Sorge der Eltern in ihrem Verhalten steuern. Übertriebene Sorge der Eltern löst Aggression aus, die wiederum Schuldgefühle hervorruft.
 
 
Ekel
 
Ekel wird als wichtige primäre biologische Schutzreaktion zur Vermeidung des Genusses ungenießbarer Nahrung betrachtet. Im Rahmen der Psychotherapie sind lediglich übersteigerte oder zu stark generalisierte Ekelreaktionen interessant bzw. die Umfunktionierung des Ekels zur Regulation von sozialer Nähe und Distanz. Aber auch das Fehlen „normaler“ Ekelreaktionen hat zwischenmenschliche Bedeutung. Manche lehnen alles ab, was ein anderer Mensch schon angebissen oder angetrunken hat. Andere ekeln sich erst, wenn der andere es schon im Mund gehabt hat. Wie es Lust bereiten kann, Verbote und Tabugrenzen zu überschreiten, so kann auch bei Liebespaaren in der erotisch-sexuellen Begegnung das Überschreiten von Ekelgrenzen eine Lust hervorrufen, die etwas vom Thrill der Angstlust hat. Selbst wo der Anreiz der Grenzüberschreitung nicht gegeben ist, verschiebt oder beseitigt sexuelle Erregung Ekelschranken in individuell sehr verschiedenem Ausmaß.
 
Umgekehrt kann Ekel als Hilfsmittel zum Einhalten von Verboten und zum Schutz von Tabus eingesetzt werden. Ekel hat dann die gleiche Funktion wie Angst, ist aber ein eventuell wirksamerer Schutz als diese, auf alle Fälle ein zusätzlicher Schutzfaktor. So kann sich das Kind durch Ekel vor zu lang anhaltenden intimen Zärtlichkeiten der Mutter schützen, die das Ende des Babyalters nicht wahrnehmen mag. Aber auch übersteigerte, ins Erotische gehende zärtliche Annäherungsversuche der Eltern kann das Kind mit Hilfe von Ekelgefühlen leichter abweisen und so seine Grenzen, seine Intimität und seine Integrität schützen. Ekel richtet sich meist gegen Körperkontakte und kann deshalb auch dazu dienen, eigene Impulse zu bremsen, die zu verbotenen Handlungen führen. Aus einem „ich darf nicht“ wird ein „ich will nicht“, das hilfreicher bei der Kontrolle der eigenen Impulse sein kann.