Zugehörigkeits- oder Abhängigkeitsbedürfnisse

 

 
1. Willkommen sein, angenommen sein, dazugehören
 
WillkommenseinWillkommen sein ist für manche Kinder schon eine sehr positive Formulierung. Manche Neugeborenen und Säuglinge erfahren gerade noch, daß ihre Existenz zugelassen wird, daß sie am Leben gelassen werden. Eine erste Lebenserfahrung könnte also sein, nicht so ganz willkommen zu sein bei diesen Eltern, zumindest nicht jetzt und nicht als Mädchen. Eine den ganzen Menschen lähmende erste Erfahrung ist die weitreichendere Botschaft der Eltern: Du hast kein Recht zu leben. Die schizoiden, schizotypischen und insgesamt psychosenahen Menschen bzw. diejenigen, die später eine PsychosePsychose entwickeln, haben ähnliche Grunderfahrungen.
 
Wenn nicht einmal das eigene Existieren, das Dasein, von der Mutter akzeptiert werden kann, so sind dagegen alle anderen Bedürfnisse Luxus. Die Entwicklung der gesamten Psyche des Kindes wird deshalb unter dem Vorzeichen des psychischen Überlebens stehen. Alle Fähigkeiten, die entwickelt werden, müssen dazu dienen, die Existenz zu sichern bzw. die Existenzangst zu reduzieren. Das Leben eines solchen Kindes steht unter Vorzeichen, die wir nicht nachempfinden können. Das unvorstellbare Ausmaß der Bedrohung, die permanent das Leben und Erleben eines solchen Kindes durchdringt, führt auch zum Aufbau eines von der „Normal“-Psyche völlig verschiedenen intrapsychischen Regelkreises zur Aufrechterhaltung der psychischen Homöostase. Es scheint ein banales Beispiel zu sein, aber Angst, Bedrohung, HaßHaß, DestruktionDestruktion laufen bei diesen Kindern so grundsätzlich anders ab, wie das Naß-gespritzt-Werden durch eine Spritzpistole verschieden ist vom zerfetztwerden durch eine Bombe. Gerade bei den Nicht-Willkommenen zeigt sich ein Dazugehörenwollen. Die Rollen in der Familie werden konsequent durchgehalten. Der eine kämpft um Zugehörigkeit, drängt rein. Den anderen Familienmitgliedern ist er nie recht willkommen, sie lassen ihn nicht ganz rein.
 
Wir können festhalten, daß manche Eltern aufgrund ihrer eigenen Bedürftigkeit nicht auf die Bedürfnisse ihrer Kinder eingehen können. Oder: Persönlich keits störungen der Eltern führen zu einem gestörten FamiliensystemFamiliensystem, in dem Kinder nicht zu einer gesunden Persönlichkeit heranwachsen können.
 
Das Bedürfnis „willkommen sein, dazugehören“ ist wie alle im folgenden zu besprechenden Bedürfnisse kein notwendigerweise bewußt wahrgenommenes und artikuliertes Verlangen, also keine „Regelgröße“ der bewußten, willkürlichen Psyche, sondern das, was die autonome Psyche unter anderem zur Aufrecht erhaltung ihrer Homöostase braucht. Dagegen müssen die bewußt wahrgenommenen und ausgedrückten Bedürfnisse nicht mit den „wahren“ korrelieren. Der Mensch entwickelt im Lauf des Lebens eine große Zahl von „instrumentellen“ Bedürfnissen, die nur dazu dienen, den Menschen zu instrumentellem Verhalten zu motivieren, das indirekt das eigentlich zur Homöostase Gebrauchte beschaffen soll. So mag die Sportbegeisterung eines Jugendlichen, zugleich aggressives und sexuelles Potential einer partiellen Spannungsabfuhr zuführen, dadurch nicht nur Konflikte mit der sozialen Umwelt vermeiden, sondern auch ein Gefühl von Selbsteffizienz bewirken. Das heißt, das Verlangen nach sportlicher Betätigung dient als Instrument, um aggressive, sexuelle und Selbst effienzbedürfnisse zu befriedigen.
 
2. Geborgenheit und Wärme
 
Der beim Säugling vorherrschende Bedarf an körperlicher Versorgung impliziert auch die psychische Bedürfnisbefriedigung. Wäre die körperliche Versorgung auch zur Befriedigung psychischer Bedürfnisse ausreichend, so würde dies bedeuten, daß beim Neugeborenen noch keine nennenswerte Psyche vorhanden wäre, die einen Unterschied machen kann zwischen der Mutter und anderen Personen. Diese bisher angenommene Bedeutungslosigkeit bzw. jederzeit und beliebig vornehmbare Austauschbarkeit der Pflegepersonen ist durch Mutter-Kind-Beobachtungen zwischenzeitlich widerlegt (Dornes 1993Dornes 1993).
 
Diese Beobachtungen zeigen auch, wie sehr empirische Forschung, die mit wissenschaftlicher Überzeugungskraft feststellt, daß bestimmte Zusammenhänge nicht nachweisbar sind und diese fehlende Nachweisbarkeit im nächsten Atemzug einem kognitiven Nichtvorhandensein gleichsetzt, systematisch Zerrbilder der Realität aufbauen und aufrechterhalten kann. Ein Beispiel dafür ist die Life-Event-ForschungLife-event-Forschung, deren Meßlatte einen so groben Raster hatte, daß alle subtilen psychischen Wirkfaktoren unerfaßt bleiben mußten. In der Mikrobiologie würde man sich wundern, wenn jemand versuchen wollte, Bakterien mit Fischernetzen zu finden. In klinischer Psychologie und Psychiatrie werden dagegen die derzeit noch ähnlich groben Meßinstrumente kaum in Frage gestellt, was sicher daran liegt, daß das wissenschaftliche Anliegen, daß da doch etwas sein müsse, das man doch irgendwie finden und nachweisen können müßte, nicht überall groß ist. Wie in anderen Wissenschaften würden sonst die Untersuchungsergebnisse lauten: „Das der klinischen Erfahrung bekannte Phänomen ist derzeit wissenschaftlich noch nicht nachweisbar.“ Das Funktionieren der menschlichen Psyche (auch des Wissenschaftlers) ist eben darauf ausgerichtet, definitive Aussagen machen zu können. Es ist weniger befriedigend, sagen zu müssen „Ich weiß noch nicht“ als sagen zu können „Das ist nicht so!“.
 
In unserem Zusammenhang haben wir es leichter, da wir nur subjektive, individuelle klinische Erfahrung wiedergeben, wohl wissend, daß jeder Psychologe oder Psychotherapeut zu anderen klinischen Erfahrungen kommt. Gleichwohl besteht Konsens darüber, emotionale Wärme und Geborgenheit als eines der grundlegendsten und frühesten menschlichen Bedürfnisse zu betrachten. Gerade bei diesen Bedürfnissen tauchen am häufigsten Assoziationen von überwiegend körperlicher Vermittlung der Bedürfnisbefriedigung auf: in den Arm nehmen, wiegen, liebevoll zudecken, eine kuschelig-behagliche Höhle einrichten, im Kreis von Vertrauten am Kamin sitzen etc. Wir wollen dem Wort Geborgenheit nicht zusätzlich noch die Bedeutung von Schutz und Sicherheit verleihen, sondern es nur als Herstellen von etwas Positivem verstanden wissen im Gegensatz zu dem davon abzugrenzenden Begriff „Schutz“ (vor etwas Negativem).
 
GeborgenheitGeborgenheit und WärmeWärme sind allerdings nicht nur als punktuelle emotionale „Fütterung“ zu sehen, sondern auch als etwas Atmosphärisches, als die emotionale Charakterisierung der Beziehung zwischen Mutter und Kind. Es fällt schwer, das Wort Beziehung auf Mutter und Säugling so anzuwenden, daß es nicht etwas völlig einseitig von der Mutter Gestaltetes sein muß. Darüber wissen wir noch zu wenig. Es gibt allerdings sehr aufschlußreiche Erkenntnisse der BindungsforschungBindungsforschung. Bowlby 1976Bowlby (1976) stellte fest, daß in den ersten acht Monaten nach der Geburt die emotionale Bindung zur Mutter aufgebaut wird und Störungen des Bindungsaufbaus charakteristische Auswirkungen auf das Kind haben.
 
Bowlbys Theorie und die empirischen Studien von Ainsworth (1974) haben die Bedeutung der Emotionalität für die menschliche Entwicklung gezeigt. Sie postulieren eine angeborene Tendenz zum Aufbau einer emotionalen Bindung (attachmentattachment), die das Kind zum Überleben braucht. Alle hieraus resultierenden Reaktionen des Kindes und der Eltern sind Bindungsverhalten. Das Kind kann zum Ende des ersten Lebensjahres eine sichere Bindung aufbauen, wenn die Mutter nicht zu stark von den biologisch vorgegebenen Interaktionsmustern abweicht. Psychische Störungen der Mutter können dies jedoch verhindern, vor allem wenn statt Feinfühligkeit eine Insensitivität vorherrscht, statt Akzeptanz eine Zurückweisung, statt Kooperation eine Störung der natürlichen Tendenzen des Kindes und statt Verfügbarkeit ein Ignorieren des Kindes. Ulich und Mayring 1992Ulich und MayringMayring (1992) zitieren empirische Studien, die Störungen des mütterlichen Bindungsverhaltens dann fanden, wenn die Mutter:
 
  1. ihr Kind nicht bejahen kann
  2. sich selbst nicht bejahen kann
  3. zu großen Belastungen ausgesetzt ist
  4. keine soziale Unterstützung erfährt
  5. zu viele Widersprüche zwischen kindlichen und eigenen Bedürfnissen erlebt
  6. eine gestörte Lebenslage bzw. Partnerbeziehung hat, die ein entspanntes Umgehen mit dem Kind nicht zuläßt
Diese Untersuchungen sind erst ein bescheidener Anfang im Vergleich zu den klinischen Erfordernissen der EntwicklungspsychologieEntwicklungspsychologie. Die Wissenschaft bemüht sich bislang leider in viel zu geringem Ausmaß um die relevantesten Themen der Entwicklungspsychologie.
 
Neben den Störungen des BindungsaufbauBindungsaufbaus im ersten Lebensjahr ist im zweiten Lebensjahr die Qualität der entstandenen Bindung maßgeblich für eine gestörte oder ungestörte Entwicklung des Kindes. Die „unsichere Bindung“ zur Mutter ist eine Quelle der Angst. Wir können davon ausgehen, daß Geborgenheit und Wärme nur bei ungestörtem Bindungsaufbau erfahren werden. Ist nicht ausreichend Wärme und Geborgenheit vorhanden, setzt das Kind sein Regulationssystem in Aktion und wird jede Gelegenheit nutzen, mehr davon zu erhalten. Der Unterschied zu späteren Frustrationen anderer Bedürfnisse ist der, daß im ersten Lebensjahr noch kaum gezielte Aktivität im Sinn eines instrumentellen Verhaltens verfügbar ist, das kurzfristig zum Ziel führt. Das Kind ist noch zu sehr auf entgegenkommendes Verhalten der Eltern angewiesen. Es kann schreien, bis es in den Arm genommen wird. Meist wird das Schreien aber nicht mit Körperkontakt beendet, sondern durch Nahrungsverabreichung mit dem Fläschchen oder durch den Schnuller als Brustersatz.
 
Manche Kinder lernen deshalb schon sehr früh, das Bedürfnis nach Wärme und Geborgenheit durch Nahrungs- oder Flüssigkeitszufuhr zu stillen. Wieder andere, die weniger stark frustriert wurden, werden anschmiegsam, greifen jede Gelegenheit zum Körperkontakt auf, um wieder ein bißchen aufzutanken. Später werden sie vielleicht darauf achten, daß so wenig wie möglich distanzierende Disharmonie in einer Beziehung aufkommt, um die Wahrscheinlichkeit des sich-geborgen-fühlen-könnens zu erhöhen.
 
Es gibt Menschen, die im Leben nur ein einziges emotionales Anliegen haben: soviel Geborgenheit wie möglich bekommen. Ohne daß sie es sich bewußt machen, ist ihre Lebens- und Beziehungsgestaltung darauf ausgerichtet, zu einem andauernden Maximum an Geborgenheit zu kommen. Andere Menschen werden auch nur unter dem Aspekt wahrgenommen, wieviel Geborgenheit sie verheißen. Manchmal sind es ganz offensichtliche Indikatoren: Noch im Er­wachsen en alter ist das Zimmer voll von Kuscheltieren, oder eine Frau sucht sich immer Teddybären-Männer aus. Männer nehmen sich großbusige Mammatypen als Frau. Es kann jedoch auch sein, daß dieses Bedürfnis über die Sexualität gesättigt wird. Es ist deshalb die Frage, wie groß der Anteil an Männern ist, die in langdauernden Beziehungen mehr Sexualität wünschen als die Frau und darüber hauptsächlich versteckt uneingestandene Geborgenheitssehnsüchte stillen. Doch auch intensive Aktivitäten des „NestbauNestbaus“ in Haus und Garten, stete Häuslichkeitspflege oder ständiges Frösteln („Ich habe es gerne warm“) können Hinweise auf eine ausgeprägte Geborgenheitssuche sein. Wenn nichts anderes mehr im Leben Bedeutung hat, so wächst die Sehnsucht zur permanenten aktiven Suche und zur Geborgenheitssucht aus. Alarmierende „Entzugs“-Symptome als quälendes psychisches Leiden treten auf, wenn der Partner nicht oder nicht mehr bereit ist, die für ihn unbefriedigende Geborgenheitsgabe zu spenden. Kaum hat der Partner sich doch wieder „anzapfen“ lassen, ist die Welt wieder heil, wie beim Säugling, der innerhalb von Sekunden vom herzerweichenden Schreien zum Wonnegefühl an der Mutterbrust wechselt.
 
Auf Dauer wird keine Partnerschaft dieses Ungleichgewicht überleben. Entweder verharren die Partner ihr Leben lang in einer unglücklichen Beziehung, oder sie suchen immer wieder den gleichen Partnertyp und stellen mit ihm wiederholt die gleiche Beziehungskonstellation her. Und obwohl ihnen vielleicht der Grund des stets gleichen Scheiterns bewußt ist, können sie affektiv nicht aus den vorausgegangenen Fehlern lernen. Sie bleiben ihrer Geborgenheitssucht verhaftet. Nicht notwendigerweise, aber sehr oft, bilden sie einen dependenten Persönlichkeitstypus aus, d.h., sie übernehmen die abhängige, submissive Rolle in ihren Beziehungen.
 
Von Kindesseite aus kann es im ersten Lebensjahr kein Zuviel an Wärme und Geborgenheit geben, wenn das Kind nicht darin festgehalten wird, so daß seine Sättigungssignale von der Mutter mißachtet werden. Das heißt, ein bewußtes Zurückhalten oder Zurücknehmen auf alle Fälle ist falsch, wenn es aus eigenen Befürchtungen resultiert, dem Kind durch Verwöhnung zu schaden oder später mit dem verwöhnten Kind Erziehungsprobleme zu bekommen. Durch sensible Wahrnehmung der Äußerungen des Säuglings spürt die Mutter, daß das Kind sich genug geholt hat und sich anderem zuwenden möchte. Eine Mutter, der diese Wahrnehmung fehlt, wird entweder aus rationalen Gründen zu früh, d.h., bevor es wirklich ganz aufgetankt hat, das Kind abweisen. Dann bleibt das Kind auf die Mutter fixiert, es kann sich nicht frei anderen Gegenständen zuwenden, andere Bedürfnisse können nicht in den Vordergrund treten. Das heißt, eine Mutter, die ihr Kind schnell wieder loshaben möchte, erreicht das Gegenteil. Es bleibt an ihr kleben. Und je mehr sie es abweist, um so anhänglicher wird es an ihr kleben. Wo sollte es sich auch sonst hinwenden in seiner Not?
 
Andere Mütter respektieren das „Ich bin satt“-Signal bzw. die momentane Botschaft: „Ich will nichts mehr von dir!“ nicht. Sei es, weil sie eigene Geborgenheitsbedürfnisse mit Hilfe des Kindes befriedigen wollen, d. h. das Kind emotional mißbrauchen, sei es, daß sie das satte Abwenden des Kindes als feindselig erleben und mit Macht dagegenhalten. Am deutlichsten wird dies, wenn ein Säugling die Brust oder das Fläschchen zunehmend kategorisch ablehnt, weil das Nahrungsangebot der Mutter mit so viel unterschwelligem Zorn oder Haß verbunden ist, daß der Säugling die Haß-Milch verweigert. Er kann in seiner Wahrnehmung den ihn sehr störenden Haß der Mutter nicht von der ihn nährenden Milch unterscheiden. Durch behutsame Gesprächsführung mit den Müttern läßt sich manchmal deren emotional-motivationaler Hintergrund herausarbeiten.
 
Obgleich wir von einer biologisch determinierten Hierarchie der Bedürfnisse ausgehen müssen, können wir für die sozialen Bedürfnisse nicht annehmen, daß bei Frustration eines so frühen Verlangen nach Geborgenheit alle späteren Bedürfnisse bedeutungslos würden. Vielmehr finden wir immer wieder Menschen, die ihre großen Geborgenheitsbedürfnisse mit großem Aufwand abwehren müssen, in pseudoautonome Haltung fliehen und sich wundern, wie wenig an Glücksgewinn ihnen ihre heldenhaft erkämpfte Selbstbestimmung bringt. Sie wissen nicht, daß sie ihnen auch niemals Befriedigung verschaffen kann. Sowenig wie Essen den Durst stillt, sowenig können Selbstbestimmungserrungen schaften Geborgenheitssehnsüchte stillen. Andere schleichen um die sich anbietende Geborgenheit herum wie die Katze um den heißen Brei. Sie wollen sie, schaffen es aber nicht, sich hinzugeben.
 
Für die einen ist „Geborgenheit erhalten“ untrennbar verbunden mit „wieder klein und ausgeliefert sein“. Andere meiden den großen Schmerz, der spürbar werden würde, wenn sie sich emotional der Geborgenheit hingeben würden. Durch die geöffnete Pforte würden mit den Geborgenheitsempfindungen auch all jene Gefühle des Schmerzes und der Trauer ins Bewußtsein gelangen, die in ihrem Schicksal mit der frühkindlichen Geschichte um Befriedigung und Frustration dieses Bedürfnisses verknüpft waren. Bei manchen geborgenheitssüchtigen Männern ist auch das sexuelle Erleben auf ihre eher feminine passiv-empfangende Befriedigung ausgerichtet.
 
Massive fortgesetzte Störungen der Geborgenheitsregulation des Kleinkindes führen zur späteren Fixierung auf dieses Bedürfnis. Dabei besteht eine offene, uneingestandene oder bewußte Suche nach Geborgenheit oder es liegt eine Unfähigkeit vor, sich diesem Bedürfnis öffnen zu können. Die Hauptangst dieser Menschen ist vor dem Verlust der Bezugsperson. Umgekehrt führt die ungestörte Erfahrung von Geborgenheit und Wärme zu Vertrauen, zu der Zuversicht, daß die Welt schon die benötigte Bedürfnisbefriedigung ermöglichen wird. Dadurch kann sich das Kind und später der Erwachsene der Welt mit Selbstvertrauen, ohne Angst neugierig, explorativ zuwenden, sich die Welt aneignen. Die Welt wird als im Prinzip gut, friedlich und befriedigend gesehen (Tabelle 2).
 
3. Schutz, Sicherheit, Zuverlässigkeit
 
Nicht die Suche nach dem Positiven und dem Schaffen eines Optimums liegt diesem Bedürfnis zugrunde, sondern das Vermeiden von Negativem. Ein Vermeidungsmotiv setzt aber bereits die Erfahrung von Angst bzw. Furcht voraus. Während Geborgenheit eher zur Phase des BindungsaufbauBindungsaufbaus nach BowlbyBowlby (1976) gehört, ist dieses Bedürfnis das Thema, nachdem die Bindung zur Mutter hergestellt und erfahren wurde, daß diese Bindung unsicher ist. Da die Mutter nicht rund um die Uhr hundertprozentigen Schutz gewährt, kommt es unvermeidbar zu Situationen, in denen das Kind während des zweiten Lebensjahres die Erfahrung macht, wie hilflos und ausgeliefert es ohne schützende Person sein kann. Sein Schreien und Rufen lassen die Mutter herbeieilen und das Kind auf den schützenden Arm nehmen. Das hierauf eintretende entlastende Gefühl ist erst durch den Kontrast zur vorausgegangenen Angst eine große Wohltat. Das traumatisch erlebte Getrenntsein von der Mutter schafft das Bedürfnis nach Schutz und Sicherheit bzw. nach zuverlässiger VerfügbarkeitVerfügbarkeit, wenn das Kind sich verletzt hat oder erschrocken ist. Um überhaupt in solche Situationen zu geraten, muß das Kind sowohl in seiner motorischen Entwicklung (Laufen, Weglaufen) als auch in seiner kognitiven Entwicklung weit genug vorangeschritten sein. Das Kind wendet sich von der Mutter ab, erforscht neugierig mit immer größerem Aktionsradius die Welt. Die Entfernungen werden so groß, daß schließlich ein Getrenntsein von der Mutter erlebt wird.
 
Die emotionale Reaktion auf dieses Gewahrwerden wird, abgesehen von schnell zu beruhigenden situativen Schreckmomenten, nur dann zur traumatischen Erfahrung, wenn das Kind eine situationsTrennungübergreifende TrennungTrennung von der Mutter assoziiert. Nach Bowlbys Untersuchungen ist dies bei Kindern mit einer unsicheren Bindung zur Mutter der Fall. Diese für viele Kinder erstmals in ihrem Leben gemachte Erfahrung des Getrennt- und dadurch Schutz- und Hilflosseins ist eine erprobte Änderung des Selbst- und Weltbildes. „In der Welt geschehen von mir nicht kontrollierbare Dinge.“ Oder: „Allein bin ich der Welt hilflos ausgeliefert.“
 
Dieses neue Selbst- und Weltbild kann verkraftet werden, wenn die beruhigende Erfahrung gemacht wird: „Aber wenn ich sie brauche, ist Mutter ganz schnell da - oder Vater." Genau diese notwendige dritte Erfahrung wird von manchen Müttern nicht vermittelt. Sie vermitteln die Erfahrung von Unsicherheit, Unzuverlässigkeit, brüchigem Schutz. Diese kann allein durch die Ängstlichkeit der Mutter übertragen werden, deren AngstAngst ansteckend wirkt. Von Tierbe obacht ungen bei Herdentieren her wissen wir, daß dieses Ansteckende der Angst ein wichtiger Schutzreflex ist, um Gefahrensignale schnell und wirksam genug weiterzugeben. Das Lernen am ModellLernen am Modell der Mutter ist ebenfalls ein wichtiges Weitergeben potentieller Gefahren. Das Kind übernimmt die Erfahrungen der Mutter. Andere Mütter zeigen nicht Angst, sondern Unmut, wenn das Kind sich außerhalb ihrer Kontrollsphäre bewegt hat. Sie vermitteln dem Kind, daß es nur bei ihnen Schutz und Sicherheit gibt, daß die Welt bedrohlich ist und daß es deshalb wichtig ist, in ihrer Nähe und unter ihrer Aufsicht zu bleiben. Das Kind befindet sich nun in der Zwickmühle. Für seine psychische Homöostase braucht es beides: Schutz und Sicherheit durch die Mutter und die Entfernung von der Mutter. Es braucht die Wegwendung von der Mutter und die Hinwendung zu anderen, neuen Dingen oder zu anderen Personen, um das Selbstgefühl zu entwickeln, fähig zu sein, allein (ohne Mutter) der Welt zu begegnen - aber mit einem Gefühl der Sicherheit, das wiederum nur die Mutter vermitteln kann. Wenn sich im falschen Augenblick oder zu spät, d.h. dann, wenn das Kind schon Angst hat, der Vater (oder auch die Mutter) als großer ChristopherusChristophorus, Fels in der Brandung und Schützer von unendlicher Macht anbietet, wird das Kind zwar angstfrei, aber nur mit Beschützer. Es wird rasch lernen, sich so zu verhalten, daß dieser Schutz zuverlässig verfügbar ist, ihn freundlich umwerben und auf ihn eingehen. Und es wird später über eine glückliche, harmonische Kindheit berichten, in der es so gut wie keine Angst gab.
 
Solche Berichte sprechen aber gerade nicht für einen natürlichen kindgemäßen Umgang mit dem Bedürfnis nach Schutz, Sicherheit und Zuverlässigkeit. Statt das Kind rechtzeitig im voraus mit Sicherheit und Zuverlässigkeit auszustatten, damit es den großen Christophorus nicht so dringend benötigt, wurde es zunächst verunsichert und verängstigt, um ihm dann Schutz anzubieten und sich im narzißtischen Gefühl des glorreichen Beschützers sonnen zu können. Das maßlos unglückliche Rückkehren mancher Kinder, das uns ihr Gefühl der Insuffizienz, d.h. der fehlenden Selbsteffizienz nachempfinden läßt, wurde von Mahler 1980MahlerMahler (1980) als WiederannäherungskriseWiederannäherungskrise bezeichnet. Sie beobachtete, daß im Alter von etwa einem Jahr eine expansive Entfernung von der Mutter erfolgt (Übungsphase). Sie geht mit einer illusorischen Selbstüberschätzung des Kleinkindes einher, das beim erwachsenen Beobachter amüsierte Begeisterung hervorruft und ihn an die besten Vorstellungen guter Clowns erinnert. Dann jedoch merkt das Kind, was es nicht kann. Der plötzlich eintretende Zuwachs an Realitätswahrnehmung zwingt das Kind zur Wiederannäherung an die Mutter. Sie kann gar nicht genug trösten und Mut zusprechen. Wenn sie jetzt kein Mitgefühl aufbringt und das plötzlich weinerlich gewordene Kind ablehnt oder es einfach stehen läßt, wird sie es in eine Krise des Selbstgefühls stürzen. Bei einer zeitgerechten Vermittlung von Sicherheit und Zuverlässigkeit (bedarfsweiser Verfügbarkeit) macht das Kind die Erfahrung, daß es zwar nicht bedenkenlos weit und lange außerhalb der elterlichen Schutzzone bleiben kann, es also prinzipiell schutzbedürftig ist, daß aber der elterliche Schutz rasch genug verfügbar ist und daß im Gefühl der Erreichbarkeit und Verfügbarkeit dieses Schutzes dennoch die kindliche Welt von ihm erkundet werden kann. Die Grunderfahrung heißt also: „Ich brauche einen gewissen Schutz, ich habe zuverlässig ausreichenden Schutz. Mit der Gewißheit des im Bedarfsfall verfügbaren Schutzes bin ich in der Lage, mich allein von Mutters Fittichen wegzubewegen und meine Welt zu erkunden und in Besitz zu nehmen.“
 
Die homöostatische Befriedigung des Bedürfnisses nach Schutz, Sicherheit und Zuverlässigkeit vermittelt das Selbstgefühl: „Ich kann mich in Sicherheit in der Welt bewegen. Ich muß mich nicht der ständigen Verfügbarkeit eines Schützers oder eines schützenden Ortes vergewissern.“ Zu welchen Entwicklungsschritten befähigt das? Es schafft die Voraussetzung dafür, sich von der Mutter, der Familie, der Heimat entfernen zu können, sich die außerfamiliäre Welt anzuschauen, zu eigen zu machen und sich irgendwo (nicht zu rasch) einen eigenen Lebensort wählen zu können, nicht ständig an Schutz und Sicherheit denken zu müssen. So wie es Menschen gibt, die ihre Lebensenergie dazu verwenden, ihre Geborgenheitssehnsucht durch PseudoautonomiePseudoautonomie oder durch Bedürfnislosigkeit abzuwehren, gibt es auch Menschen, die im Gegensatz zu den oben beschriebenen „NesthockerNesthockern“ dieses Bedürfnis abwehren, ja geradezu klaustro phobische „NestflüchterNestflüchter“ sind. Ihr Beziehungsverhalten gleicht in manchem Vögeln, die sich zuweilen bis auf eine sichere Distanz freundlich annähern, aber in dem Augenblick, in dem das Gegenüber auf sie zukommt, sofort wegfliegen, stets darauf bedacht, nicht in einem Käfig eingesperrt zu werden. Für sie bedeutet Sicherheit, sich niemandem anzuvertrauen und nur unverbindliche, lockere Kontakte zu pflegen. Auf diese Weise kann es ihnen nicht passieren, daß der andere Kontrolle über sie gewinnt. Ihre Hauptangst ist, die Kontrolle über eine Situation zu verlieren. Solche Menschen entwickeln später manchmal eine „HeiratsphobieHeiratsphobie“, d.h., zu dem Zeitpunkt der Entscheidung, sich in einer dauerhaften Partnerschaft zu binden, entwickeln sie eine Agoraphobie oder Panikattacken, wie der Vogel in Panik gerät, wenn der Mensch ihn mit seiner Hand umschließt. Beim Vogel ist das verständlich. Beim Menschen zeugt es von einem stark unterentwickelten Selbstgefühl.
 
4. Liebe erhalten - geliebt werden
 
Woran erkennen Sie, daß Sie geliebt werden? Was spüren Sie in diesem Augenblick, in dem Sie sich geliebt fühlen? Jeder, dem die Frage gestellt wird, hat einige Mühe, Worte zu finden, die den Fragenden diesen Vorgang nachempfinden lassen. Oft wird geantwortet: durch Geschenke, durch Liebesdienste, durch Blumen. Doch wissen wir, daß all dies auch ohne Liebe abgegeben wird. Viele verwechseln Wissen mit Spüren, sie können zwar Erinnerungen berichten, aus denen zweifelsfrei geschlossen werden muß, daß sie von der betroffenen Person geliebt werden, z.B. wenn der andere seine gute Arbeitsstelle aufgibt und in eine andere Stadt zieht, damit ein Zusammenleben möglich wird. Aber Momente zu schildern, in denen sie sich wirklich geliebt fühlten, fällt vielen schwer. Und noch schwerer fällt es, zu benennen, woran sie die Liebe des anderen spürten. Wenn diese Momente etwas zu Seltenes sind, können sie dann für die psychische Homöostase des Kindes notwendig sein? Die Zahl der Menschen, die in ihrem ganzen Leben noch nie wirklich geliebt wurden, ist sicher groß. Fragt man Patienten, ob sie sich von ihren Eltern geliebt fühlten, so antworten sie oft mit einem klaren Nein und ebensooft, daß sie sich der Liebe der Eltern nicht sicher waren. Andere geben an, daß sie sich die Liebe der Eltern erarbeiten oder dafür auf ihr natürliches Kindsein verzichten mußten. Wenn man aus den Biographien psychischer und psychosomatischer Patienten erfährt, wieviel Kinder tun, welche Anstrengungen sie unternehmen, welche Verzichte sie leisten, um die Liebe ihrer Eltern zu bewahren oder zu gewinnen, weiß man, daß Liebe eine zentrales Regulativ der psychischen Homöostase des Kindes ist.
 
Die kindliche Psyche ist allerdings auch flexibel genug, ihre Anstrengungen einzustellen, wenn keine Liebe zu erhalten ist, und dafür anderen Bedürfnissen nachzugehen, wie Akzeptanz oder Anerkennung. Ein immerwährender Ehrgeiz fesselt das Bewußtsein so sehr, daß die fehlende Liebe nicht wahrgenommen wird. Soll Leistungsstreben allein das Bedürfnis nach Liebe ersetzen, so entsteht krankhafter Ehrgeiz, der verständlicherweise eher dazu führt, noch weniger geliebt zu werden, und deshalb ewig weiterbetrieben werden muß. Ähnlich unergiebig ist der Versuch, durch auffallende Großartigkeit, etwa bezüglich perfekter Figur, Kleidung oder Auftreten, einem Ideal möglichst nahe zu kommen oder weit genug von der Durchschnittlichkeit entfernt zu sein. Kurze Momente schaffen die Illusion, endlich das Geliebtwerden geschafft zu haben. Doch sehr bald müssen die Anstrengungen wieder aufgenommen werden, angetrieben durch die Angst, völlig ins Nichts abzustürzen. Auffallend liebenswerte Menschen wecken nicht selten unsere Bewunderung oder gar unseren Neid. Wir fragen uns, wie sie es bloß schaffen, so erfolgreich die Herzen der Menschen zu erobern. Manche von ihnen sind einfach gesund und emotional stabil. Einige haben aus der Not des kindlichen Mangels an Liebe eine Tugend gemacht und ihre psychische Energie ganz darauf verwendet, sich ein liebenswertes Verhalten anzueignen. Sie können das sehr gut, es blieb aber nichts übrig für andere Fähigkeiten - sonst können sie nichts. Der Blick hinter die Kulissen zeigt, wie arm sie in ihren Gefühlen sind, wie bedürftig und wie abhängig von den anderen Menschen.
 
Bei manchen Frauen ist der Erfolg ihrer Liebenswürdigkeit mit ihrem Aussehen und ihrer Jugend verbunden. Sie geraten mit dem Älterwerden in schwere psychische Krisen, manche mit dreißig, manche mit vierzig Jahren.
 
Es zählt sicher zu den schwersten Aufgaben, sich so verhalten zu müssen, daß man geliebt wird. Und dies führt zu zweierlei, einerseits zu großer Wut auf den, der einem dies abverlangt, andererseits zu einem Selbstgefühl fehlender Liebenswürdigkeit. „So, wie ich bin, bin ich nicht liebenswert.“ Dies führt wiederum dazu, daß die Fähigkeit, sich selbst zu lieben, nicht entwickelt werden kann. Jeder Mensch braucht ein Mindestmaß an Selbstliebe, um psychisch gut für sich sorgen zu können. Andernfalls treten Depressionen auf oder als deren Vorläufer in Beziehungen ständige Ängste vor Liebesverlust.
 
Man mag dem Satz einer Mutter „Dann mag dich Mama aber nicht mehr!“ wenig Bedeutung beimessen. Wenn er nicht systematisch als Erziehungsmittel eingesetzt wird, wenn die Mutter nicht ohnehin dem Kind zuwenig Liebe geben kann, ist dies zutreffend. Steckt aber Wahrheit in diesen Worten, so fühlt sich das Kind existentiell bedroht. Wenn die Liebe der Mutter Mangelware ist, wenn zudem Haß an die Stelle der schwindenden Liebe tritt, so bekommt der Satz eine doppelte Bedeutung: „Dann wird meine Liebe in Haß umschlagen!“ Gehen von der Mutter solche unausgesprochenen Botschaften aus, so wird für das Kind der Umgang mit der Mutter wie das Hantieren mit einer nicht entschärften Bombe. Nichts ist wichtiger, als die Gemütslage der Mutter genau zu kennen, und nichts ist wichtiger, als das zu tun, was deren Gemüt entschärft. So kann es z.B. für ein Kind verboten sein, mit dem Vater eine gute Beziehung zu haben, da er ja der „Feind“ der Mutter ist. Oder es kann für den Erhalt der Eltern und der Familie wichtig sein, den von der Mutter frustrierten Vater zu becircen, um diesen zu besänftigen. Wenn eine Mutter oftmals ihre Tochter voll Wut dafür verantwortlich macht, bei diesem Mann bleiben zu müssen, drängt es die Tochter, der Mutter soviel Erleichterung zu schaffen wie möglich.
 
Wenn bisher immer die Mutter als Dreh- und Angelpunkt der kindlichen Entwicklung bezeichnet wurde, so zum Teil aus Gründen der Vereinfachung, d.h., oft könnte es heißen „Vater und/oder Mutter“. Generell läßt sich sagen, daß meist ein Elternteil ganztags berufstätig ist und deshalb für die kontinuierliche Bemutterung nicht zur Verfügung steht. Meist ist das der Vater. In Familien, in denen die Rollen anders verteilt sind, ist eben der Vater die Person, die die Bemutterung übernimmt. Sind beide berufstätig, findet keine Bemutterung statt, wir können dann höchstens von einer Kinderpflege sprechen. Auch die liebste Großmutter kann die Mutter nicht ganz ersetzen.
 
Nehmen wir an, eine Mutter hatte solche Freude an ihrem Beruf und an der reichen Bestätigung, die sie durch die zahlreichen Kontakte an ihrer Arbeitsstelle erfahren hatte, daß sie wieder in den Beruf zurückkehrt, als ihr Sohn ein Jahr alt ist. Er wurde von diesem Zeitpunkt an ein sehr stilles Kind, das von der tagsüber betreuenden Großmutter als erfreulich brav und lieb bezeichnet wurde. Das Kind hatte zwar die Erfahrung, geliebt zu werden, aber von der falschen Person. Für sein weiteres Leben bleibt die unerledigte Aufgabe, von der richtigen Person geliebt zu werden. Eine Aufgabe ist definiert durch eine festgelegte Problemsituation (im sozialen Kontext also durch die Personen, deren Persönlichkeit, deren Interessen und Anliegen), durch ihren Schwierigkeitsgrad sowie durch die gewünschte Lösung. Wenn die Aufgabe lauten würde, von einem Menschen geliebt zu werden, der dies schon lange ersehnt, und nur das Wörtchen „ja“ die Aufgabe lösen würde, wäre es eine sehr leichte Aufgabe, sie wäre schnell erledigt, abgehakt und vergessen. Zur Lösung der genannten Aufgabe, „von der richtigen Person geliebt zu werden“, müssen jedoch mehrere Schritte unternommen werden:
 
1. Die richtige Person muß identifiziert werden. Das ist in unserem Beispiel für den inzwischen erwachsenen jungen Mann eine Frau, die so wie früher die Mutter sich oder jemand anderen liebte, aber nicht den jungen Mann: eine Frau, die keine Anstalten macht, Liebe zu geben.
 
2. Es muß Kontakt aufgenommen und Beziehung zu ihr hergestellt werden. Dies gelingt nur, wenn irgendwie ihr Interesse geweckt werden kann. Oft sind es Menschen, denen es gefällt, begehrt und bestätigt zu werden. Also fügt es sich gut zusammen.
 
3. Wenn die Beziehung zu ihr hergestellt ist, kann die Arbeit an der Aufgabe beginnen: Alles Erdenkliche tun, um bei ihr das Gefühl der Liebe zu erwecken: lieb sein, freundlich sein, lustig sein, aufmerksam sein, gut aussehen, viel Beifall geben, viel Bewunderung aussprechen, ihr deutlich machen, wie begehrenswert sie ist und: wie sehr er sie liebt. Die Aufgabe scheint zu gelingen, die erwählte Frau ist glücklich. Das kann einige Zeit, Monate oder Jahre, so gehen, bis der Frau die Anstrengungen des jungen Mannes nicht mehr genügen, sie wird unzufrieden. Er strengt sich sofort noch mehr an, und die Unglücksspirale beginnt sich zu drehen. Schließlich wirkt sein Bemühen so liebedienerisch, daß sie ihn verachtet und zuletzt auch nicht mehr mag. Das erinnert ihn wiederum daran, wie demütigend seine Mutter ihn gerade dann behandelt hatte, wenn er ihrer Liebe am dringendsten bedurft hätte. Und in diesem Moment steigt Haß in ihm auf - er hat ganz kurz die Phantasie, sie zu erwürgen. Darüber erschrickt er sehr. Am nächsten Morgen wacht er mit einer schweren depressiven Verstimmung auf, die erst wieder nachläßt, als die Frau wieder aus seiner Wohnung ausgezogen ist. Die Aufgabe wurde nicht gelöst. Aber es wird sich wieder eine Frau finden, die sich für diese Aufgabe eignet.
 
Dieser ständig neue Versuch, eine unerledigte Aufgabe der Kindheit zu lösen, wurde von Freud „WiederholungszwangWiederholungszwang“ genannt. Wie wir an unserem Beispiel sehen, ist dies eine sehr komplexe Konstruktion, die unter der Regie der autonomen Psyche steht. Das Drehbuch wurde in der Kindheit geschrieben, die Dramaturgie wurde von der kindlichen Homöostase übertragen, die Auswahl der Schauspieler erfolgt mit größtem Fingerspitzengefühl durch die autonome Psyche, die auch die Regie übernimmt. Hauptdarsteller ist natürlich unsere bewußte, willkürliche Psyche, die allerdings stets eine letztendlich sehr unglückliche Rolle spielt.
 
Nach diesen Betrachtungen ahnen wir, daß das Wesen des Wiederholungszwangs darin besteht, die Wiederholung des kindlichen Dramas im Erwachsenenalter so zu inszenieren, daß die Aufgabe unerledigt bleibt. Somit unterscheidet sich der Wiederholungszwang auch vom Zeigarnik-EffektZeigarnik-Effekt, wie er als klassisches Experiment in der Gestaltpsychologie und in der Feldtheorie Lewins 1963Lewin, KLewins (1963) bekannt ist. Mit dem Zeigarnik-Effekt ist das bessere Erinnern von unerledigten Aufgaben im Vergleich zu erledigten Aufgaben gemeint. Er hilft, die Aufgabe doch noch erledigen zu können. Der Wiederholungszwang hat zwar das gleiche Ziel, ist jedoch so konstruiert, daß es unmöglich ist, die Aufgabe zu erledigen. Er führt also zu einem Perpetuum mobile des Versuchs, eine Aufgabe so zu erledigen, daß sie mit Sicherheit unerledigt bleibt.
 
5. Aufmerksamkeit, Beachtung, Zuwendung
 
Manche Menschen nehmen das Wort Liebe nicht in den Mund, wenn es um die erfüllenden und nicht erfüllenden Seiten ihrer Eltern geht. Ihre Klage lautet „Mein Vater hat mich nie beachtet. Wir Kinder waren Luft für ihn. Da mußte schon etwas ganz Außergewöhnliches passieren, daß er sich mal für uns interessiert hat“. Und in ihren Worten steckt mehr Groll als Trauer.
 
Ein Kind braucht schon sehr früh die ganze Aufmerksamkeit der Eltern, nicht ständig, aber wenn, dann mit ganzer Konzentration. Diese konzentrierte Zuwendung verlangt zweierlei: zum einen, sich bewußt völlig auf das Kind einzustellen und nicht nebenher mit einem Erwachsenen weiterzureden oder immer wieder einen Blick in die Zeitung oder den Fernsehapparat zu werfen, und zum anderen auch nicht innerlich abwesend zu sein, z.B. bei der gedanklichen Planung einer Einladung oder einem beruflichen Problem. Das Kind soll die Zuwendung nicht mit etwas oder jemand anderem teilen müssen. Bekommt es in ausreichendem Ausmaß diese ungeteilte Aufmerksamkeit und Zuwendung, so erfährt es etwas, das über Willkommensein, Dazugehören und Akzeptanz hinausgeht. Zu der Erkenntnis, ein Teil des Ganzen zu sein, gesellt sich nun die Erfahrung, als etwas Eigenes, Individuelles wahrgenommen zu werden. „Ich bin beachtenswert. Ich tue Beachtenswertes.“ Über das Wahrgenommenwerden entsteht SelbstwahrnehmungSelbstwahrnehmung, über die Beachtung entsteht SelbstachtungSelbstachtung. Natürlich kann selektive Aufmerksamkeit kindliches Verhalten schon sehr früh steuern, z.B. in Richtung auditiver oder visueller Signale. Kinder lernen schnell, wie sie die Aufmerksamkeit auf sich ziehen können. Noch nicht ein Jahr alt, wiederholen sie das, was die Erwachsenen auf sie aufmerksam machte. Zum Teil sind es beiläufige zufällige Lernprozesse, die sich wieder verlieren, z.B. beim Werfen eines Balles einen kräftigen Schrei auszustoßen. Nur wenn Aufmerksamkeit eine kostbare Rarität ist, wird das Kind gezwungen, alle Gelegenheiten zu nutzen, um etwas davon abzubekommen. Es hängt auch davon ab, auf welche Weise Nichtbeachtung erfolgt. Diese kann sehr verschiedene Botschaften enthalten:
 
  • "Du bist nichts." "Du existierst nicht für mich."
  • "Du bist nichts für mich." "Du bist mir zu wenig."
  • "Du bist o.k., aber ich habe so viel mit mir selbst zu tun."
Manche Eltern strafen ihre Kinder dadurch, daß sie einige Tage lang keine Notiz von ihnen nehmen. Dies wird von diesen als so schrecklich berichtet, daß sie lieber Schläge in Kauf genommen hätten. Hier kommt zu der Nichtbeachtung eine eisige Kälte und Ablehnung, wodurch eine Waffe entsteht, der das Kind nichts entgegenzusetzen hat.
 
Eine Folge fehlender Beachtung ist demnach, daß die betroffenen Kinder sich später als nicht beachtenswert erleben, es also schwerhaben, ihr Selbstwertgefühl aufrechtzuerhalten und im Kontakt anderen Menschen mit ausreichendem Selbstbewußtsein gegenüberzutreten.
 
Einige entwickeln Kompensationsmechanismen. Sie bleiben nicht unbeachtet, sondern sie entwickeln früh Bewältigungsstrategien, durch die sie ausreichend oder sogar zuviel Aufmerksamkeit auf sich ziehen. So wie für manche Dazugehören, Geborgenheit oder Schutz bzw. Liebe das lebenslange Dauerthema ist, haben sie einen unersättlichen Hunger nach Aufmerksamkeit. Die Überlebensregel könnte z.B. heißen: „Nur wenn ich die ganze Aufmerksamkeit und Beachtung aller Menschen in meiner Nähe auf mich lenken kann, bin ich ein wirklich beachtenswerter Mensch.“ Die Frage stellt sich, wozu so ein Mensch so viel Beachtung braucht. Eine Patientin berichtete, das elterliche Haus sei abgebrannt und ihre Mutter habe sie als Baby im Haus vergessen. Manche achten zwar streng darauf, ob andere sie genügend beachten, machen aber auf keinen Fall aktiv auf sich aufmerksam. Sie prüfen die anderen jedesmal, ob sie ihnen den gebührenden Tribut an Aufmerksamkeit oder Berücksichtigung zollen. Manchmal stellen sie regelrechte Fallen, die offensichtlich nur dazu dienen, den Beweis beizubringen, daß sie nicht genügend beachtet werden. Manche sind dann empört, beleidigt, gekränkt, andere ganz unglücklich. Fazit ist die Bestätigung ihrer alten Weltsicht: Die Welt geht so schlecht mit ihnen um. Dies sind verschiedene Stufen der Bewältigung: Wer die Nichtbeachtung ganz auf sich bezieht, bleibt bei der Erfahrung, nicht beachtenswert zu sein. Wer beleidigt reagiert, zeigt dem anderen dadurch, welchen Fehler er begangen hat. Wer Fallen aufstellt, in die der andere ahnungslos tritt, hilft etwas nach, um den anderen als Missetäter anprangern, ihm die Verantwortung für die Täterschaft zuschieben zu können. Darin steckt bereits eine aggressive Wehrhaftigkeit, von der wir wissen, daß sie auf den Partner durch die Auslösung von Schuldgefühlen sehr großen Einfluß haben kann.
 
6. Empathie, Verständnis
 
Wer sein Kind wirklich liebt, fühlt sich auch richtig ein und versteht es. Das klingt plausibel, ist aber falsch. Schicksale, bei denen Liebe vorhanden war, aber kein EinfühlungsvermögenEinfühlungsvermögen, wirken auf uns viel tragischer, da sie nicht in die Täter-Opfer-Schablone passen, sondern aus und mit Liebe großer Schaden angerichtet wurde. Bedenkt man, wie grundverschieden erwachsenes und kindliches Wahrnehmen, Denken und Fühlen ablaufen, so muß man eingestehen, daß es zu den schwierigsten Aufgaben gehört, Kinder im Vorschulalter wirklich zu verstehen. Sie sind nicht in der Lage, ihre momentane innere Situation in Worte zu fassen. Sie können oft nicht mitteilen, was sie wie wahrgenommen und gedanklich verarbeitet und welche Gefühle sie jetzt haben, was sie infolgedessen von den Eltern gerade jetzt brauchen. Zumindest finden sie nicht die Worte, die die Erwachsenen verstehen können.
 
Es würde viel Zeit und Geduld kosten, diese innere Situation des Kindes zu explorieren, um dann adäquat darauf reagieren zu können. Adäquat muß nicht heißen wunscherfüllend, sondern kann z.B. bedeuten, dem Kind einen momentanen Sachzwang des Erwachsenen so mitzuteilen, daß es bereit sein kann, die Wunscherfüllung aufzuschieben. Gerade Kinder zwischen zwei und drei Jahren haben oft magische Vorstellungen vom Funktionieren der Welt. So kann es sein, daß ein Kind sich strikt weigert, sich auf den Stuhl des Bruders zu setzen in der Annahme, daß dieser dann sterben werde. Oder ein Fruchtsaft, der gestern noch schmeckte, wird heute nicht mehr angerührt, weil eine Hexe ihn vergiftet hat. Wer würde schon ein Kind zwingen, Gift zu trinken? Oder ein Kind will unbedingt, daß der Vater nach dem Ritual des Zubettgehens im Zimmer bleibt, weil sobald es die Augen zumacht, das Zimmer voll von schrecklichen Ungeheuern ist. Das Problem ist nur, daß die Kinder uns ihre für sie von der Realität nicht zu unterscheidenden Phantasien nicht mitteilen und wir uns nicht vergegenwärtigen können, daß sie Realität für sie sind.
 
Am meisten sind die Eltern in der TrotzphaseTrotzphase des Kindes gefordert. Es gibt keinen erkennbaren Grund, die Lieblingshose ab heute nicht mehr anzuziehen. Erst das Wissen um die Bedeutung, die das endlose Einüben des Wortes „nein“ für die AbgrenzungAbgrenzung des eigenen Selbst von Mutter und Vater hat, läßt beide Eltern verständnisvoll werden. Doch es wird einfach davon ausgegangen, daß die Logik des Erwachsenen auch der Denkweise des Kindes entspricht. Was dem Erwachsenen unvernünftig erscheint, ist ungezogen, gegen die Eltern gerichtet und muß bestraft werden. Das Kind wird nicht nur mit seinen Problemen im Stich gelassen, sondern es wird ihm signalisiert, seine Gefühle seien nicht in Ordnung, seine Bedürfnisse nicht berechtigt. Und die elterlichen Signale sind meist mit zunehmender Aggression verknüpft. Es beginnt eine Eskalation. Das im Stich gelassene Kind fühlt sich nur unglücklicher, wird noch bedürftiger, brauchte noch mehr Verständnis. Der Erwachsene wird noch hilfloser. Mit seiner Ohnmacht wächst seine Wut, die sich schließlich über dem Kind entlädt, mit Worten oder Handgreiflichkeiten. Oder die Tür wird zugeschlagen und das Kind allein zurückgelassen. Wir müssen uns nur vorstellen, daß mit uns jemand so umginge, wie unempathische Eltern es mit ihren Kindern tun.
 
Wir gestehen Kindern im Konfliktfall keine eigene Selbst- und Weltsicht zu. Wenn aus dem Blickwinkel des Erwachsenen ein kindliches Gefühl nicht angemessen erscheint, wird es zurückgewiesen. Erwachsene haben das Vorrecht, Gefühle zu entwickeln, die im Einklang mit ihrer Selbst- und Weltsicht stehen. Von Kindern wird erwartet, daß sie nur solche Gefühle haben, die zusätzlich auch mit der Erwachsenenwelt- und Selbstsicht übereinstimmen. Viele bleiben da nicht übrig, wenn ein Kind sich keine Disharmonie mit den Erwachsenen leisten kann. Manche Kinder lernen so schnell, wann sie welche Gefühle haben dürfen, daß sie gar nicht mehr in Situationen kommen, in denen sie sich von ihren Eltern nicht verstanden fühlen. D.h. nur ein Teil der Kinder unempathischer Eltern wird sich später über deren fehlendes Verständnis beklagen. Erst eine genauere Exploration des Umgangs mit Gefühlen offenbart das Schicksal kindlicher Emotionen (Sulz 1992SulzSulz, 1992, S. 37ff.). Meist erfahren wir in der Anamnese, daß expressive, laute, ausgelassene oder aggressive Gefühlsäußerungen von den Eltern bestraft wurden und deshalb unterdrückt werden mußten bzw. nicht mehr vorkamen. Wozu brauchen Kinder die Empathie ihrer Eltern? Damit sie ihre kindgemäßen Gefühle und Bedürfnisse zulassen können in der Überzeugung, daß dieses Gefühl richtig war. Damit sie den Umgang mit Gefühlen und Bedürfnissen lernen können. Wer z.B. Aggression immer unterdrücken muß, kann nicht lernen, sie in zivilisierter Weise auszudrücken bzw. in konstruktive Wehrhaftigkeit umzusetzen. Wer immer die Rückmeldung bekommt, daß seine Gefühle falsch sind, kann nicht lernen, sich auf sie als hilfreiche Signale im Umgang mit sich selbst und anderen zu stützen. Wer für Bedürfnisäußerungen bestraft wird, verlernt schließlich, sie wahrzunehmen. Wer nicht lernt, sich an eigenen Bedürfnissen und Gefühlen zu orientieren, muß sich entweder ganz auf seinen Intellekt verlassen, diesen als Krücke benutzen, oder er muß sich völlig auf das sozial Erwünschte konzentrieren. Er wird weder zu einer psychischen Homöostase in der Lage sein noch wird er fähig sein, mit eigenem aktivem Beitrag die sozial-systemische Homöostase seiner Umwelt mitzugestalten. Empathische Eltern, die ihrem Kind den Raum lassen, seine Gefühle und Bedürfnisse im sozialen Kontext zu leben und zu entwickeln, schaffen damit die Voraussetzung dafür, daß ihr Sohn bzw. ihre Tochter ein ganzer Mensch wird, der seine ganze Psyche entwickeln konnte und dadurch gute Fähigkeiten für eine gut funktionierende Selbstregulation und für eine aktiv-mündige Teilnahme an der Regulation sozialer Systeme besitzt. Nicht zuletzt wird er zu Empathie mit seinen Kindern fähig sein.
 
7. Wertschätzung, Bewunderung, Lob
 
Willkommen sein, geborgen sein, geschützt sein, geliebt sein, beachtet sein, verstanden werden tut dem Kind gut und schafft entwicklungsfördernde Bedingungen, gibt ihm aber kein Feedback für das, was es tut und wie es das tut. Neben all diesen bedingungslosen Bedürfnisbefriedigungen oder Verstärkungen setzen allmählich differentielle Reaktionen der Umwelt ein, durch die das Kind schnell lernt, welche Handlungen bewundernswert sind und wodurch es Lob erzielen kann. Doch muß ein Teil der Wertschätzung und Bewunderung auch noch bedingungslos erfolgen. „Ich schätze dich so, wie du bist. Ich freue mich über dich und bewundere dich.“ Es reicht nicht, daß Handlungen und Leistungen geschätzt werden. Und es reicht auch nicht, daß ein Mensch nur durch sein Tun Wertschätzung erringen kann, auch wenn dies bei Erwachsenen Usus ist. Meist fällt es Erwachsenen auch nicht schwer, die Kinder ab dem Krabbelalter bis kurz nach dem Gehenlernen uneingeschränkt zu bewundern. Eltern und Kind finden einfach alles, was das Kind in seiner tolpatschigen Art gerade macht, begeisternswert. ZirkusclownZirkusclowns, die Kinder dieses Entwicklungsstadiums sehr gut imitieren können, kommen auch bei ihrem Publikum am besten an. Erfolge und Mißerfolge des Kindes wecken gleichermaßen Begeisterung bei den Erwachsenen. Weit entfernt von der objektiven Realität, fühlen sich die Einjährigen wie Könige und Welteroberer, und die Eltern bestätigen sie in diesem Gefühl. Noch geben die Erwachsenen ihre Wertschätzung und Bewunderung dafür, daß die Kinder so sind, wie sie sind, ungeachtet eines erfolgreichen Handlungsvollzugs.
 
Wir haben bereits auf die große Bedeutung der Wiederannäherungsphase für das Lebensgrundgefühl "Schutz, Sicherheit und Zuverlässigkeit versus Angst vor der Welt und dem Leben" hingewiesen. In dieser kritischen Lebenszeit wird auch entschieden, ob ein ausreichend stabiles Selbstwertgefühl zum Lebensbegleiter wird oder ob die Neigung zu depressiven Krisen entstehen werden. Die Wertschätzung der Eltern bestimmt das spätere Selbstwertgefühl. Der zunehmende Realitätssinn des Kleinkindes (etwa 1 1/2 Jahre alt) bringt es mit sich, daß es auf MißerfolgMißerfolge ärgerlich oder unglücklich reagiert. Und in den anstehenden psychomotorischen Lernprozessen des zweiten Lebensjahrs kommt es zu einer großen Anzahl anfänglicher Mißerfolge. Zu diesem Zeitpunkt scheint es einen Knick im Selbstwertgefühl vieler Kinder zu geben. Sie nehmen wahr, was sie alles nicht können, und sie können das Selbstgefühl des Welteroberers nicht länger aufrechterhalten. Sie merken, wie sehr sie die Mutter brauchen, reagieren darauf oft weinerlich. Die bis dahin von einem glücklichen Kind verwöhnte Mutter kann nun - unempathisch - viele Fehler machen, je nachdem, wie sehr sie für ihr eigenes Selbstwertgefühl dieses bewundernswerte Kind weiterhin gebraucht hätte. Manche Mütter reagieren genervt, manche zornig, manche deprimiert auf diesen „Rückfall“ des Kindes, bei dem es wieder anhänglicher wird, mehr Schutz braucht, mehr Geborgenheit sucht, ängstlicher wird, nachts nicht mehr durchschläft, falls es dies getan hatte, nicht mehr so gut ißt usw. Wie manche Eltern die Trotzphase des Kindes auf folgenschwere Weise stören, weil sie nicht verstehen, um welchen wichtigen Entwicklungsschritt es geht, so gibt es zahlreiche Eltern, die in der Wiederannäherungsphase, einer für das Kind so schwierigen Zeit, versagen, indem sie wie das Kind selbst oVerliererder noch mehr als dieses enttäuscht auf den „VerliererVerlierer“ reagieren und dem Kind dadurch die bisherige Wertschätzung und Bewunderung entziehen. Statt dessen brauchte das Kind die Botschaft, daß es auch als „Verlierer“ immer noch die Wertschätzung der Eltern hat. Wenn es zu früh die Erfahrung machen muß, nur der „strahlende SiegerSieger“ sei den Eltern etwas wert, entwickelt es als Selbst- und Weltbild die Formel: „Nur wenn ich erfolgreich bin, bin ich ein wertvoller Mensch.“ Daraus kann die Überlebensregel entstehen: „Ich muß in allen wichtigen Situationen dafür sorgen, daß ich der Erfolgreiche bin, sonst bin ich nichts wert.“ Dies ist die Überlebensregel der narzißtischen Persönlichkeit, auf die in einem späteren Kapitel eingegangen wird. Man kann sie nicht gleichsetzen mit Ehrgeiz, der auf ein positives Ziel hin orientiert ist. Diese Bemühungen haben den Charakter eines Überlebenskampfes, den wir kopfschüttelnd betrachten, wenn ein kleiner Schönheitsfehler in der narzißtischnarzißtischen Präsentation das Selbstwertgefühl völlig vernichtet und den Menschen demoralisiert zurückläßt, als ob ihm nicht einmal ansatzweise etwas gelungen sei. Ein Schauspieler etwa erhält in allen guten Zeitungen ausgezeichnete Kritiken, nur ein mittelmäßiges Blatt mit dem Artikel eines Kritikers, der sich bekanntermaßen nur durch wenig qualifizierte Angriffe hervortut, hat auch ihn nicht verschont. Obwohl sein Verstand ihm sagt, daß diese Kritik von keinem vernünftigen Menschen ernstgenommen werden kann, stürzt er mit seinem Selbstwertgefühl in einen höllischen Abgrund. Nur wenn wirklich alle Menschen, die ihn bei der Theaterpremiere sahen, ihn ohne jegliche Einschränkung „ganz und gar“ bewundert und begeistert gefeiert hätten, wäre es ein wirklicher Erfolg für ihn gewesen. Die Totalität der Aussagen über Selbst und Welt weist auf die sehr frühe Störung hin. Weshalb entstand gerade bei ihm eine Störung des Umgangs mit Wertschätzung, der Selbstwertregulation? Vermutlich haben die Eltern, bedingt durch ihre eigene narzißtische Störung, in dieser vulnerablen Phase der Selbstwertentwicklung zuwenig Wertschätzung gegeben. Sie haben dadurch nicht zu verkraftende Störungen der psychischen Homöostase des Kindes herbeigeführt, durch die das Regulationssystem des Kindes dauerhaft verändert wurde. Noch als Erwachsener muß dieser Mensch nur dem einen nachjagen: Wiederherstellung seines Selbstwertgefühls durch die Wertschätzung anderer Menschen.