Homöostasebedürfnisse H1 bis H7

 
 
       
 
 
H1: Erstes Homöostasebedürfnis: ein unängstliches Vorbild haben
 
Das Kleinkind kann sich emotional noch nicht von der Mutter abgrenzen. Deren Bedrohung ist seine Bedrohung, deren Angst ist seine Angst. Eine Mutter, die ängstlicher ist, als es der realen äußeren Bedrohung entspricht, löst beim Kind ständig Fehlalarm aus. Allmählich kann das Kind gedanklich begreifen, daß die Gefahr weit geringer ist, als die Mutter sie erlebt. Entgegen dieser Einsicht hat es trotzdem weiterhin mit der Mutter und später auch ohne die Mutter wie diese Angst. Es hat die Angst der Mutter gelernt. So wie bei Herdentieren die Angst eines Tieres alle anderen ansteckt, bis die ganze Herde flieht, so ist Angst auch zwischen Mutter und Kind ansteckend, und die Angstauslöser werden gelernt. Solche frühen elementaren und existentiell bedeutsamen Lernprozesse lassen sich schwer rückgängig machen. Darüber hinaus wird, was zukünftigen Umgang mit der Welt angeht, die Mutter kein taugliches Vorbild mehr sein können. Die Achtung vor der Mutter sinkt, und damit kann auch Selbstvertrauen nur aus dem anders-als-die-Mutter-Sein erwachsen. Doch dieses Selbstvertrauen ist brüchig, da pures Anderssein keiner wirklichen Identitätsbildung entspricht. Nur wenn die Entwicklung in der richtigen Reihenfolge ablaufen kann, entsteht eine stabile IdentitätIdentität mit einem stabilen Selbstgefühl.
 
Die Eltern müssen ausreichend lange zur IdealisierungIdealisierung und als VorbildVorbild zur Verfügung stehen, damit die notwendigen Lernprozesse in genügendem Ausmaß ablaufen können. Denn die menschliche Entwicklung ist mehr als biologische Reifung, sie verläuft in einem ständigen Wechselwirkungsprozeß zwischen Reifen und Lernen. Erst wenn die durch Reifung verfügbar gewordenen psychischen oder motorischen Fähigkeiten sich durch erfolgreiches Praktizieren, d.h. durch Lernen am Erfolg, ausdifferenziert haben, ist der gegenwärtige Entwicklungsstand so stabil geworden, daß er die tragfähige Basis für den Aufbau der nächsten Entwicklungsstufe bilden kann. Voraussetzung ist auch, das Erlernen der inhaltlichen Ausgestaltung dieser Fähigkeit durch ImitationslernenImitationslernen und IdentifikationIdentifikation.
 
Eine ängstliche Mutter ist in vielfacher Hinsicht entwicklungshemmend:
 
   1. Die “angesteckte Angstangesteckte” Angst hemmt das Kind im Explorations- und Erkundungsverhalten, d.h., es kann seine Fähigkeiten nicht ausreichend erproben, die Welt in ihren Eigenschaften zuwenig kennegelernte Angstnlernen.
       
   2. Die “gelernte Angstgelernte” Angst hindert das Kind, sich von der Mutter wegzubewegen, um seine Lebenstüchtigkeit als Individuum zu erfahren.
 
   3. Angst führt dazu, daß im Kind partiell verfrühte Reifungstendenzen mobilisiert werden, die helfen sollen, aus der Zone der Bedrohung herauszukommen. D.h., das Kind kann nicht lange genug auf der betreffenden Entwicklungsstufe bleiben, es entwickelt sich vor allem intellektuell schneller als andere Kinder. Es kommt zu einem Auseinanderklaffen der emotionalen und der kognitiven individuellen Entwicklung, d.h. zu einem Nachhinken der emotionalen Entwicklung - dem typischen Übel unserer Gegenwart. Wenn diese “Flucht-durch-ReifungFlucht-durch-Reifung” durch zu große Bedrohung Stillhalte_Reflexnicht möglich ist, resultiert statt dessen ein “Stillhalte_ReflexStillhalte-Reflex”, der zur Entwicklungsstagnation führt. Das Kind kann nicht allein sein, findet sich allein in der Welt nicht zurecht und muß später als Erwachsener seine ganze Lebensenergie dafür opfern, Alleinsein zu verhindern.
 
 
H2: Zweites Homöostasebedürfnis: keinen beängstigenden bzw. bedrohlichen Elternteil (Vater oder Mutter) haben
 
Das Einfühlungsvermögen, das wir Erwachsenen Kleinkindern gegenüber haben, ist so gering wie das des Pferdes, das mit mit dem Huf auf die Zehen getreten ist. Denn wir ändern unsere Sprache, unsere Lautstärke, unsere Mimik und Gestik wenig im Umgang mit dem Kleinkind, so wie das Pferd auch keinen Grund sieht, seinen Huf von meinem Zeh zu nehmen. Wahrscheinlich wäre es nötig, daß wir öfters in eine Herde wilder, ungezähmter Elefanten gerieten, um uns klein genug und kraftlos zu fühlen, damit ähnliche Größenrelationen entstünden wie die zwischen dem Kleinkind und dem Erwachsenen. Hierzu einige Rechenexempel: Wenn das Kind 85cm groß ist und die Mutter 170cm groß ist, so ist die Mutter doppelt so groß wie das Kind. Wiegt das Kind 10kg und die Mutter 60kg, so hat sie das sechsfache Gewicht. Diese Mutter sollte sich nun ihre eigene Mutter in der Größe von 4,0 m und einem Körpergewicht von 360 kg vorstellen. Je nachdem, in welchen Wohnverhältnissen Sie, liebe Leserin und lieber Leser, wohnen, können Sie sich einer der folgenden Konstruktionshilfen bedienen: Sie stehen im Erdgeschoß und sehen den Kopf Ihrer Mutter in Höhe des Geländers des Treppenhauses im 1. Stock, bzw. Sie stehen auf der Terrasse und sehen den Kopf Ihrer Mutter in Höhe des Balkongeländers über Ihnen, bzw. Sie wohnen in einer Großstadt-Altbauwohnung aus der Jahrhundertwende: Dann stößt der Kopf Ihrer Mutter gerade an der Stuckdecke Ihres Wohnzimmers an. Ähnlich ist es mit der Lautstärke. Wenn Sie halbwüchsige Kinder haben, die die Stereoanlage immer zu laut einstellen, können Sie sich vorstellen, wie Sie, wenn Sie Ihre Stimme unversehens erheben und einen Schreckens- oder Warnschrei loslassen, weil sich das Kind dem Blumentopf zu sehr genähert hat, das Hörorgan Ihres Kleinkindes überstrapazieren. Analog ist es mit der Fein- bzw. Grobeinstellung Ihres Gefühlsausdrucks. Sie zeigen frei heraus den Ärger, wie Sie es Erwachsenen gegenüber gewohnt sind, und erzeugen beim Kind eine emotionale Hochspannung, als ob es die Stromleitung berührt hätte. Und jetzt stellen Sie sich alles auf einmal vor, die Riesengröße, den massigen Körper, die gröhlende Stimme und den elektrisierend-bedrohlichen Gefühlsausdruck. Jeder von uns müßte sich von diesem Trauma erst einmal eine Woche lang in einem Sanatorium erholen. Wir Erwachsenen würden so etwas nicht aushalten - unsere Kinder müssen es und tun es. Es geschieht also sehr viel öfter und ohne größeres Zutun, daß wir unsere Kinder sehr ängstigen und sie uns als bedrohlich wahrnehmen. Wenn ein Vater auf eine bestimmte Reaktionstendenz seines Kindes, z.B. Trotz, jedesmal so eine furchterregende Wut zeigt, entsteht beim Kind eine so große Angst, daß es völlig unfähig wird, diese für seine Persönlichkeitsentwicklung so kostbare und unverzichtbare Reaktion wieder im nötigen Ausmaß zu praktizieren. Die große Angst vor einem Elternteil fegt alle anderen Gefühle ihm gegenüber weg. Das Kind kann also keine normale emotionale Beziehung zu ihm aufrechterhalten. Auch an diesen Elternteil gerichtete Bedürfnisse, z.B. nach Geborgenheit, Liebe, Verständnis und Wertschätzung, können nicht ins Bewußtsein treten. Und vor allem kann das Kind diesem Elternteil gegenüber auch kein Verhalten zeigen, das ein so positives Beziehungsangebot wäre, daß dieser Elternteil auf befriedigende Weise darauf eingehen könnte. Erst sehr viel später, im Erwachsenenalter, wenn die Bedrohlichkeit dieses Elternteils abgeklungen ist, erkennt man, was mit ihm nicht gelebt, welche Gefühle mit ihm nicht ausgetauscht wurden. Sich selbst und seinem Kind nimmt dieser Elternteil durch seine unbedachten, ungebremsten Gefühlsäußerungen wertvolle emotionale Erlebnisse und Erfahrungen, die unwiederbringlich verloren sind. Erst als alter Mensch, nach der Pensionierung, wenn sich die Bedürftigkeiten umgekehrt haben, wird er sentimental genug werden, die liebevolle Zuwendung seiner Kinder einzuklagen.
 
 
H3: Drittes Homöostasebedürfnis: keine bedrohliche Außenwelt haben
 
Wenn es den Eltern irgend möglich ist, sollten sie ihrem Kleinkind einen familiären Schonraum bereitstellen, in dem es sich sicher, geschützt und zuverlässig aufgehoben fühlen kann. Das Kleinkind braucht das Gefühl, daß seine Eltern es jederzeit rechtzeitig aus jeder Gefahr befreien, damit es die Zuversicht entwickeln kann, daß es der allfälligen Unbill der Welt zu begegnen imstande ist, zunächst noch mit dem mächtigen Elternteil als “Trägerrakete”, später wie dieser Elternteil aus eigener Kraft.
 
Nicht selten sind die Eltern nicht in der Lage, das Kleinkind abzuschirmen, sei es, weil auch für sie die Außenwelt unbewältigbar bedrohlich ist,wie für manche alleinerziehende Mutter, sei es, weil sie psychisch nicht stabil genug sind und ständig Alltagsstreß in die Familie hineintragen. Aber auch die forsche Art moderner Eltern, ihr Baby und Kleinkind überallhin mitzuschleppen, ihm dadurch den wichtigen, Zuverlässigkeit und Beständigkeit vermittelnden zeitlichen Rhythmus zu zerstören und es stundenlang, also um Stunden zu lang, dem hektischen Fußgängerzonenrummel auszusetzen, vermittelt die Unfähigkeit, das Kind vor bedrohlich empfundenen Umweltreizen zu schützen. Nomaden nehmen ihre Kinder auch mit, aber nur von Lager zu Lager und in beruhigender menschengemäßer rhythmischer Gangbewegung. Diese Nomadenkinder können die Fortbewegung erleben, da ist kein Filmriß zwischen dem einen und dem anderen Ort, so wie er bei uns für das Kleinkind entsteht zwischen dem Ort, an dem es gerade noch war und dem völlig neuen Ort und den völlig anderen Menschen, zu denen es mit dem Auto hintransportiert wird. Dieser rasche Szenenwechsel bringt für das Kind über einen viel längeren Zeitraum das Gefühl des Ausgeliefertseins, des Die-Welt-nicht-Kennens und -nicht-Verstehens. Unsere technisierte Welt bringt das Menschenkind im Vergleich zum Säugetierkind in eine weitere ungünstige Verlängerung der Pflegebedürftigkeit. Am extremsten ist dies bei Großstadtkindern, die bis zum Schulalter ohne Eltern keinen Schritt aus dem Wohnblock auf die verkehrsreiche Straße wagen können. Das Großstadtkind hat in manchem ähnlich unnatürliche Bedingungen wie das Tier im Zoo. Die einen müssen in Käfigen, die anderen in der Wohnung bleiben, bestenfalls mit Balkon, aber der ist auch schon wieder Gefahrenzone.
 
Wenn Kinder entweder eingesperrt werden müssen, um sie den Gefahren ihrer Umwelt nicht auszusetzen bzw. wenn sie psychisch überstrapaziert werden, weil sie von den Eltern in exzessivem Ausmaß in eine für sie ungeeignete Welt geschleppt werden, so besteht keine kindgemäße Schaffung einer im Prinzip unbedrohlichen Welt.
 
Leider greifen obige Worte vor allem die Eltern auf, die ohnehin schon überängstlich und überfürsorglich sind. Für diejenigen, die sich durch das gerade Gesagte in ihrerRetter Meinung bestätigt fühlen, sind sie jedoch nicht gedacht. Sie müssen sich eher fragen, ob sie ihr Kind vielleicht als zu schutzbedürftig betrachten und ihm die Gefährlichkeit der Welt im Sinne eines häufigen Bangemachens zu drastisch vor Augen führen. Ein Kind, das bei jedem Versuch, in die Welt hinauszuziehen, um sie neugierig zu erkunden und sich zu eigen zu machen, von seinen Eltern zurückgehalten wird, bleibt mit dem Gefühl im Nest sitzen, daß es gerade noch überlebt hat, weil es nicht in die viel zu gefährliche Welt hinausging. Für manche wird dies zum Lebensgrundgefühl. Manche Eltern sonnen sich im Selbstgefühl des RetterRetters und BeschützerBeschützers. Um dieses schöne Gefühl sooft wie möglich herzustellen, brauchen sie natürlich einen Schützling, und dieser muß auch Angst haben und ihren Schutz brauchen. So wird dem Kind zuerst Angst gemacht, und dann wird es beschützt. Diesen Kunstgriff verwenden ja auch die WerbepsychologenWerbepsychologen immer wieder in WahlkampfWahlkämpfen. Wer als Kind die Erfahrung gemacht hat, daß er nur an der Seite eines starken Beschützers überleben kann, wird als erwachsener Mensch seine Lebens- und Beziehungsgestaltung entsprechend ausrichten, d.h., ein beschützerloses Leben darf es für ihn nicht geben.
 
 
H4: Viertes Homöostasebedürfnis: Aggressionsfreiheit - kein Familienmitglied haben, das sehr wütend macht
 
Neben der ständigen Angst ist die ständige Wut auf ein Elternteil eines der folgenschwersten Kinderschicksale. Kinder müssen ihre Eltern lieben können und sie lassen sich fast nicht von ihrer Liebe zu den Eltern abbringen. Nur wenn chronische, vom Kind als vorsätzlich und leicht vermeidbar empfundene Frustrationen von einem Elternteil ausgehen, wie unnötig strenge Verbote, unnötig strenge Strafen, unnötig extremer GeizGeiz oder extreme Ungerechtigkeit, bleibt beim Kind so viel Ärger, Wut oder gar Haß bestehen, daß diese das Gefühl der Liebe ersticken. Eine auf diese Weise verlorengegangene Liebe zu einem Elternteil bringt großes Unglück und große Trostlosigkeit über das Kind. Es entsteht eine Leere - dort, wo ein Mensch hingehörte. Denn es ist so, als hätte es diesen Menschen verloren. Nicht selten werden solche Kinder depressiv, nur nimmt niemand Notiz von dieser Depression.
 
Wut ist das Gefühl, zu dem wir im Lauf der Zivilisationsgeschichte zwar ein oftmals wechselndes Verhältnis hatten, stets jedoch ein gestörtes. So waren Eltern auch häufig schlechte Vorbilder im Umgang mit diesem Gefühl. Kinder beobachten, daß Erwachsene Friedfertigkeit predigen, daß sie verlangen, das Kind solle keine Wut haben, selbst jedoch jämmerlich inkonsequent mit diesem Gefühl umgehen bzw. gar nicht damit umgehen können. So sind Kinder auf sich selbst und ihre eigenen kindlichen Bewältigungsmechanismen angewiesen. Und auch die helfen ihnen wenig, da Eltern oft genug widersprüchliche und damit unerfüllbare Forderungen aufstellen: Sei mutig und wehre dich! Wehe, du zeigst mir gegenüber Wut und Zorn! Man darf anderen Menschen nicht weh tun! Sei doch vernünftig! Laß dir doch nicht alles wegnehmen! Kinder versuchen jedoch mit allen Mitteln die Wut auf ein Elternteil zum Verschwinden zu bringen, um die Liebesbeziehung zu ihm bewahren zu können. Wenn Vater mir nicht gibt, was ich brauche, so muß ich Schlimmes getan haben. Das Ergebnis sind so starke Schuldgefühle, daß die Wut nicht mehr spürbar ist. Aber auch noch anschmiegsamer und noch liebenswerter dem frustrierenden Elternteil gegenüber zu sein ist ein wirksames Mittel, um das Ausmaß der Frustration und der Wut nicht mehr spüren zu müssen. Leider müssen Kinder manchmal diese Reaktion gegen ihren ursprünglichen Impuls so sehr übersteigern, daß die Wut, die sie selbst empfinden sollten, statt dessen beim Erwachsenen auftritt, der z.B. diese klammernde oder anbiedernde Art unerträglich findet und voll Ärger und Wut das Kind zurückstößt. Für das Kind ist das zwar ein hoher Preis, den es zu zahlen hat, aber aus seiner Perspektive entsteht ein geringerer Schaden an der Beziehung, wenn der andere wütend ist. Hauptsache, seine eigene Liebesfähigkeit bleibt bewahrt, selbst um den Preis noch größeren Leidens. Es ist müßig, sich zu überlegen, wie man einem Kind eine derartige Verhaltensauffälligkeit abgewöhnt, wenn man sich nicht die Mühe macht, zu verstehen, wozu dieses Verhalten dient, wozu das Kind dieses Verhalten dringend braucht. Wir würden einem Kind nicht einfach eine Überlebensstrategie wegnehmen, ohne ihm zugleich auf eine bessere Art zu helfen, emotional zu überleben. In diesem Fall müßte entweder die Frustration gemildert oder der Ausdruck von Ärger und Wut gefördert werden. Das Kind braucht die Erfahrung, daß seine Wut nicht seine Eltern, seine Welt und damit es selbst zerstört, sondern daß seine Wut von den Eltern als wichtige Botschaft einer ernsthaften Störung im psychischen Gleichgewicht des Kindes wahrgenommen und verstanden wird. Das Verstehen der kindlichen Wut führt dazu, daß Eltern nachvollziehen können, zu welchem Anteil sie selbst fahrlässig zu dieser Störung beigetragen haben, und führt dazu, daß sich Eltern bereit finden, diese Störung zu beheben. Sei es durch Trösten (d.h., ich bin mit dir und nicht gegen dich), durch Erklären (d.h., ich hätte dir gerne den Wunsch erfüllt, konnte es in diesem Moment aber zu meinem Bedauern nicht, weil ... oder: ich kann gut verstehen, daß du diesen Wunsch hast, er ist aber, so leid es mir tut, nicht erfüllbar, weil...), sei es durch nachträgliche Wunscherfüllung (wenn es eindeutig ein Recht des Kindes war) oder durch einen Kompromiß zwischen den Interessen des Kindes und denen des Erwachsenen, der fair ausgehandelt wurde und dem Kind das Gefühl gibt, Einfluß auf den Lauf der Dinge nehmen zu können.
 
 
H5: Fünftes Homöostasebedürfnis: zwei gleich starke Eltern haben
 
Ganz selten bewahren in einer Ehe die Partner ein kooperatives KräftegleichgewichtKräftegleichgewicht. Heute ist es häufig so, daß die Ehefrau, die die Kinder und den Haushalt ver­sorgt, Haus und Familie zu ihrer Domäne macht, die sie selbstbewußt und selbständig verwaltet. Sie plant und bestimmt, wann was zu machen ist, hat den besten Überblick über das Geschehen. Kinder und Ehemann kennen und respektieren diese Autorität. Ein vielbeschäftiger “White Colar-BerufWhite-collar”-Berufler, der keinen für die Kinder sichtbaren Kompetenzbereich in Haus und Familie hat, vermittelt diesen keine Sachautorität, er ist sozusagen kein wahrnehmbar nützliches Mitglied der Familienwelt, es sei denn als Kuscheltier oder Spielkamerad. Er fällt damit aber eindeutig in der Familienhierarchie hinter der Mutter ab. Dagegen erleben die Kinder den Vater, der als Schreinermeister oder als Bauer seinen Beruf im an den Wohnbereich grenzenden Werkstatt- oder Land-wirtschaftsbereich ausübt, plastisch und eindrücklich als die Welt wirksam gestaltendes Familienmitglied. Nur das Sichtbare hat Gewicht. Auch wenn die anderen Menschen den Vater mit großer Achtung oder als Autorität behandeln, wirkt sich das auf das Vaterbild aus. Natürlich beeindruckt auch seine Ausstrahlung. Wo aber Ehegezänk stets dazu führt, daß die Mutter wie eine Katze tobt und faucht und der Vater wie ein wundgekratzter Hund den Schwanz einzieht und fortan darauf bedacht ist, den Unmut seiner Gattin nicht weiter zu erregen, wird sich eher Mitleid als Achtung vor dem Vater einstellen. Wenn dieser, um seine eigene Haut zu retten, kleinlaut der Mutter beipflichtet, statt sich auf die Seite des Sohnes zu stellen, fühlt sich dieser der Mächtigen in der Familie ausgeliefert. Nur mit ihr gilt es sich zu arrangieren. Wenn ihr Regiment ein gutes ist, läßt sich damit leben. Wenn aber zahlreiche unbillige Härten oder Ungerechtigkeiten wehrlos auszuhalten sind, vermißt das Kind sehr das regulierende Gegengewicht eines starken Vaters, wie überhaupt GewaltenteilungGewaltenteilung eine bessere RegierungsformRegierungsform darstellt. DemokratieDemokratie im Sinne eines Familienparlaments, in dem die Kinder Stimmrecht haben, wäre eine vorbildliche Form des Zusammenlebens in der Familie.
 
 
H6: Sechstes Homöostasebedürfnis : Schuldfreiheit
 
Schuldgefühle sind für Kinder so quälend, daß sie alles tun, um sie zum Verschwinden zu bringen. Eltern wissen das und lassen sich leicht verleiten, ihre Kinder zu manipulieren, indem sie ihnen Schuldgefühle machen. Andererseits sind Schuldgefühle tatsächlich für das Kind das beste Hilfsmittel, um solche Verhaltensweisen zu unterdrücken, die die Beziehung zu den Eltern belasten würden. Das bedeutet aber auch, daß eine gute, stabile Beziehung zu den Eltern nicht bedingungslos zu haben ist. Dem Kind wird die Verantwortung für die Aufrechterhaltung der zum emotionalen Überleben notwendigen Eltern- Kind-Beziehung aufgebürdet. Wenn man bedenkt, welche Bagatellen, wie den Mittagsschlaf des Vaters stören oder eine Zeitungsseite zerreißen, mit Schuldzuweisungen geahndet werden, so begreift man, daß die Beziehung zu den Eltern mimosenhaft störbar ist und das Kind sich nicht einmal kleine Sünden leisten kann. Wer sich erinnert, fast die ganze Kindheit hindurch von Schuldgefühlen begleitet worden zu sein, hat vermutlich einen Elternteil gehabt, der sehr wütend gemacht hat. Die Schuldgefühle mußten dauernd vorhanden sein, damit bittende Verhaltensweisen gegen den ständig Aggressionen auslösenden Elternteil zurückgehalten werden konnten.
 
Neben aggressiven Tendenzen werden durch Schuldgefühle natürlich auch andere spontane Impulse wirksam unterdrückt. Alles, was die Eltern nicht tolerieren würden, kann mit Hilfe von Schuldgefühlen unterlassen werden. Tolerieren die Eltern nur sehr wenig kindliche Impulsivität oder eigenständige expansive Unternehmungen, so muß ein normal vitales Kind sich ebenfalls mit Hilfe von Schuldgefühlen ständig bremsen. Da läßt sich der Wunsch nach einem Leben ohne Schuldgefühle gut nachvollziehen. Wenn (fast) alles, was aus mir heraus entsteht, schuldhaft ist, dann bin ich so, wie ich bin, nicht akzeptabel. Ich muß versuchen, mich meiner Triebhaftigkeit und damit auch meiner Kreativität zu entledigen. Ich muß mich noch mehr an äußeren Normen orientieren. Ich kann mich nicht auf meine Gefühle verlassen - außer auf mein Schuldgefühl. Nur dann habe ich die Chance, von meinen Eltern und später von den Menschen an sich angenommen zu werden.
 
 
H7: Siebtes Homöostasebedürfnis : Mißbrauchsfreiheit
 
InzestInzest und sexueller Mißbrauchsexueller Mißbrauch mit seiner nicht wiedergutzumachenden, lebenslangen Zerstörung des Innersten der Seele sind als das Kind mißbrauchende Tat allen - mit Ausnahme des Täters - verständlich. Da er hauptsächlich von den engsten Familienangehörigen vollzogen wird und dies oft genug aus heiterem Himmel, d.h. aus einer bis dahin guten Beziehung zum Täter, wird das gesamte Selbst- und Weltbild des Kindes zerstört. Eine Apokalypse, die den Untergang des bisherigen Selbst und der bisherigen Welt bedeutet. Danach ist nichts mehr so, wie es war, nichts hat seine ursprüngliche Bedeutung bewahrt. Dagegen hat der in einer sehr großen Anzahl von Familien stattfindende emotionale MißbrauchMißbrauch des Kindes einen so schleichenden Verlauf, daß weder das kindliche Opfer noch der Elterntäter diesen Vorgang bewußt wahrnimmt. Das Kind kennt gar nichts anderes, es meint, die Welt und das Leben seien so. Erst später im Erwachsenenalter entsteht ein Gefühl, benutzt und um die Befriedigung eigener Bedürfnisse betrogen worden zu sein. Emotionaler Mißbrauch ist das Benutzen des Kindes zur Befriedigung eigener Bedürfnisse, während zugleich oder im Kontext des Geschehens das Kind bezüglich eigener Bedürfnisse leer ausgeht. Von dieser Art des Mißbrauchs gibt es so viele Formen, wie es bedürftige Eltern gibt.
 
Da ist die Mutter, die ein Jahr lang ihre zwölfjährige Tochter als Seelsorgerin benutzt, um die Trennung vom Ehemann, der sie verlassen hat, leichter zu verkraften. Während dieses ganzen Jahres kommt ihr kein einziges Mal die Frage in den Sinn, was das für ihre Tochter bedeutet, die vom Vater genauso verlassen wurde, und dies, obgleich sie im Gegensatz zur Mutter eine sehr gute Beziehung zu ihm hatte. In diesem Jahr hatte die Tochter gleich beide Eltern verloren: Der Vater ging weg, und die Mutter war keine Mutter mehr. Sie hatte also einen größeren Verlust erlitten als ihre Mutter, mußte dieser aber auch noch Beistand leisten.
 
Da ist der ehrgeizige Vater, der selbst keine Medaillen erringen konnte und nun seinen Sohn von Schulbeginn an in eine KarriereKarriere als Leistungssportler hineintreibt mit täglichem stundenlangem Training. Kinder, die es aus Angst vor Liebesverlust nicht schaffen, sich gegen diese Sklaverei zu wehren, machen gute Miene zum bösen Spiel. Da sie nicht wissen, was unbeschwertes Kindsein ist, können sie auch nicht sagen, daß sie etwas vermissen. Sie machen das Beste aus ihrem Schicksal. Wenn Liebe und Anerkennung des Vaters nur zu erlangen sind über Medaillen, dann bekommt er eben seine Medaillen.
 
Wenn Eltern sich über ihre Kinder ihren eigenen Wunschtraum erfüllen, sei es, daß diese zur Universität gehen, sei es daß sie eine andere Karriere machen, oder wenn Kinder den eigenen Fehler wiederholen sollen, z.B. Hausfrau und Mutter werden, so entstehen Manipulationen, die dem Kind die Chance nehmen, seinen individuellen Lebensweg zu finden.
 
Aber auch rein situationsbedingte elterliche Bedürfnisse nach Geborgenheit und Zärtlichkeit, das Bedürfnis, nicht allein zu sein, das Bedürfnis der Mutter, geliebt und verstanden zu werden oder der Wunsch des Vaters nach Anerkennung, Aufmerksamkeit und Wertschätzung können zum Mißbrauch des Kindes führen, das zu einem Verhalten veranlaßt wird, durch das die genannten elterlichen Wünsche befriedigt werden. Wenn das einmal kurz geschieht, ist das nicht problematisch. Wenn aber permanent die Seele des Kindes angezapft wird, damit sich Vater oder Mutter mit den genannten Befriedigungen an ihm laben kann, so ist das emotionaler Mißbrauch. Kinder sind nicht dazu da, die Bedürfnisse ihrer Eltern zu befriedigen.
 
Wer derartigen Mißbrauch in der Kindheit erlebt hat, wird als erwachsener Mensch voll Mißtrauen in neue Beziehungen gehen oder diese gar meiden.
 
 
Literaturempfehlung:
 
  • Serge K. D. Sulz: Als Sisyphus seinen Stein losließ - Oder: Verlieben ist verrückt. München: CIP-Medien
  • Serge K. D. Sulz: Praxismanual: Strategien der Veränderung von Erleben und Verhalten. München: CIP-Medien (mit Arbeitsblättern zum Umgang mit Bedürfnissen)
  • Serge K. D. Sulz: Von der Strategie des Symptoms zur Strategie der Therapie. München: CIP-Medien (mit Kapiteln über Bedürfnisse und Persönlichkeit)
  • Weitere Literatur

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