Borderlinesyndrom

Ein Bedingungsmodell der Borderline-Störung

 
Grundlage der Borderline-Störung ist eine konstitutionelle, biologische oder biographisch entstandene Dysregulation der inneren Homöostase, die aus einer Instabilität der Affekte, der Kognitionen und der sozialen Verhaltensweisen resultiert, letztlich aus einer Instabilität der ganzen Person (des Selbst). Eine hohe Sensibilität gegenüber Reizsignalen, intensive Reaktionen auf Reize und ein langsames Absinken der emotionalen Reaktionen auf eine Grundlinie sind beobachtbar (Linehan 1989). Dies ist analog der Beobachtung von Angstpatienten, bei denen sich diese Dysregulation auf die Emotion „Angst“ beschränkt. Ebenso, wie sich bei den Angstpatienten eine „Angst vor der Angst“ entwickelt, bilden Borderline-Patienten auf Grund der extrem aversiven affektiven Empfindungen eine „Emotionsphobie“ (Linehan, persönliche Mitteilung) aus. Diese Emotionsphobie erklärt einige der sonst nicht nachvollziehbaren Reaktionsweisen der Borderline-Patienten. Lerngeschichtlich kann ein durchgängiges „Ungültig-Machen“ der Gefühle und Wahrnehmungen des Kindes angenommen werden: „Es ist ganz anders, als du es wahrnimmst. Deine emotionale Reaktion war nicht richtig.“ Dies führt zu überemotionalen, teils aggressiven, teils tyrannischen Reaktionen des Kindes, auf die die Eltern mit massivem Gegenagieren antworten, das Verhalten des Kindes als höchst feindseligen Akt wahrnehmend, denn „es hat ja nicht Recht mit seinem Affekt“.
In neuen Beziehungen entsteht jedesmal aufs Neue die ganz große Hoffnung und die Illusion vom ganz und gar Angenommen-, Bestätigt- und Geliebtwerden. Die eigene Lerngeschichte läßt aber Mißtrauen entstehen mit einem Suchen nach dem Enttäuschenden in der Bezugsperson. Diese selektive Wahrnehmung führt tatsächlich zum Auffinden von Abweichungen vom Ideal. Kleine Abweichungen im Detail werden fürs Ganze genommen, und schon ist die Riesenenttäuschung und die Desillusionierung da und es folgt eine Eskalation von Konflikten.
Es kommt zu verzweifelten Versuchen, ein Verlassenwerden zu verhindern und zum Bewußtsein, daß keine emotional tragfähige Beziehung vorhanden ist. Auslösend für die typischen Reaktionsmuster des Borderline-Patienten sind Kritik oder die Frustration der unrealistisch hohen Erwartungen durch das Gegenüber, bzw. dessen Signale, daß Gefühle, Gedanken, Verhalten oder das Selbst nicht stimmen. Drohender Mißerfolg, beschämende Erlebnisse und vor allem der drohende Verlust einer wichtigen Beziehung sind oft Auslöser (Abbildung 23 und 24).
Daraus resultiert ein umfassendes Gefühl der Ablehnung. Die fehlende Kontrolle über emotionale Reaktionen macht den Versuch, das intensiv werdende Gefühl zu verhindern, zu einem vergeblichen Bemühen. Es entstehen inadäquate und intensive Gefühle des Ärgers, Gekränktseins, der Angst, der Scham sowie Schuldgefühle und Trauer. Gleichzeitig wird den eigenen Wahrnehmungen und Gefühlen mißtraut und der Interaktionspartner ebenso infrage gestellt. Statt der intensiven Affekte oder im Anschluß an diese kann ein noch weniger zu ertragendes Gefühl der Leere entstehen.
Beide sind für den Patienten noch quälender und unerträglicher als für das Gegenüber. Es muß sofort irgend etwas getan werden, um diese Gefühle zu beenden. Die Flucht in die Depersonalisation kann sie so fern und fremd werden lassen, daß ihre Intensität erträglich wird. Eine andere Variante ist, einen noch intensiveren Reiz zu setzen, der, dem inneren Befinden entsprechend, selbstdestruktiver Natur ist: Verhaltensexzesse wie parasuizidale Handlungen, Verletzungen des eigenen Körpers, Drogen- und Alkoholmißbrauch, Promiskuität. Diese Verhaltensexzesse werden negativ verstärkt durch das Nachlassen der quälenden Affekte, aber auch durch intermittierende Verstärkung anderer, die kontingent positiv darauf eingehen. Reagieren die Anderen dagegen heftig, abweisend, so setzen sie eine wiederholte Traumatisierung im Sinne eines Ungültig-Erklärens der Gefühle, Gedanken, Reaktionen und der ganzen Person. Enttäuscht von sich und den Anderen ist wieder einmal ein Paradies verloren gegangen. Nach dem Prinzip „Mehr desselben“ wird die Lehre daraus gezogen, das nächste Mal noch intensiver kämpfen zu müssen, noch wachsamer gegenüber Enttäuschungen zu sein. Quintessenz ist die Aufrechterhaltung der Instabilität der eigenen Identität.
 
 
4.5.1 Formulierung der Verhaltens- und Bedingungsanalyse bei Borderline-Störungen
 
Symptomauslösende Situation S:
Instabile oder fehlende tragfähige Beziehungen, drohender Verlust einer wichtigen Beziehung, Kritik, Frustration, Mißerfolg
 
Person O:
Affektive, kognitive und Verhaltens-Instabilität, Störung der Regulierung der Gefühlsintensität, Emotionsphobie, verzweifelte Versuche, ein Verlassenwerden zu verhindern
 
Reaktionen R:
Gefühl der Ablehnung, intensiver Ärger, Angst, Verzweiflung, Leere, Depersonalisation, Selbstdestruktivität, Parasuizidalität
 
Die Symptome aufrecht erhaltende Konsequenzen C:
Nachlassende Intensität der aversiven Gefühle (negative Verstärkung)
 
4.5.2 Formulierung der Therapieziele bei Borderline-Störungen
 
1. Stabile Therapeut-Patient-Beziehung aufbauen
2. Bedingungswissen vermitteln
3. Erreichen einer exakteren sozialen Wahrnehmung
4. Abbau des dichotomen Denkens
5. auslösende Situationen sollen adäquat modulierte emotionale Reaktionen auslösen
6. Verringerung der Verletzbarkeit
7. Umgang mit Angst, Streß, Depression und Gefühlen lernen
8. erfolgreichen Umgang mit anderen Menschen und Alltagsproblemen lernen
9. Stabilisierung der Wahrnehmung der eigenen Identität
10. Umgang mit Rückfällen
 
 
4.5.3 Formulierung des Therapieplan bei Borderline-Störungen
 
(nach Linehan 1996a, b)
a) Stilistische Strategien (respektlose Kommunikation, reziproke Verletzbarkeit)
b) Kontingenzmanagement
c) Validierungsstrategien
d) Techniken der kognitiven Umstrukturierung
e) Selbstkontrolltechniken
f) Problemlösetraining
g) Entspannungstraining oder Meditation
h) Streßbewältigungsstrategien
i) Therapievertrag
j) Traning sozialer Kompetenz und Kommunikation
 
Literatur:
Linehan M (1996a, b, 1998)
Sender I (2000)
 
aus Sulz: Verhaltensdiagnostik und Fallkonzeption. München: CIP-Medien 2000
 
Literatur zur Borderline-Störung:
 
Marsha Linehan : Dialektisch-Behaviorale Therapie der Borderline-Persönlichkeitsstörung
 
Marsha Linehan: Trainingsmanual zur Dialektisch-Behavioralen Therapie der Borderline-Persönlichkeitsstörung
 
Ingrid Sender: Ratgeber Borderline-Syndrom