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Selbst- oder Differenzierungs- oder Autonomiebedürfnisse

 
 
 
 
8. Selbst machen, Selbst können (Selbsteffizienz)
 
Der Begriff der subjektiven Selbsteffizienz wurde von Bandura 1975BanduraBandura (1975) im Rahmen seiner sozial-kognitiven Lerntheorie geprägt. Es stellt sich die Frage, ob er ein Synonym für Selbstwert ist oder lediglich ein Unterbegriff. Ich möchte vorausschicken, daß er für unsere Betrachtungen hilfreicher ist als der Selbstwertbegriff und sehr nahe an die Bedeutung von psychischer Gesundheit herankommt. Alle bisher beschriebenen Bedürfnisse kennzeichneten eine Bedürftigkeit, die nur in Abhängigkeit von den Eltern und später von zentralen Bezugspersonen im privaten oder beruflichen Bereich zu befriedigen war: „Ich brauche dich, damit du mir dieses Bedürfnis befriedigst.“ Deshalb können wir sie auch AbhängigkeitsbedürfnisAbhängigkeitsbedürfnisse nennen, im Gegensatz zu den jetzt zu besprechenden Selbständigkeits- oder AutonomiebedürfnisAutonomiebedürfnissen. Auch die Erfüllung dieser Bedürfnisse ist von den Eltern abhängig, aber nicht als Brauchen von Abhängigkeit und passivem Empfangen von deren Gaben. Vielmehr könnte als Wunsch formuliert werden: „Ich brauche von dir, daß du es mich selbst machen läßt, daß du mir die eigene Erfahrung zugestehst, selbst etwas zu können, nicht so abhängig von dir zu sein.“
 
Dadurch wird der Gegensatz zu dem vorigen Bedürfnis nach Bewunderung und Lob deutlich: Nicht versorgen, füttern, geben, für mich machen ist gefragt, sondern lassen, zulassen, eventuell sogar wegschauen.
 
Das Kind macht nicht etwas, um gelobt zu werden, sondern um die Selbstwahrnehmung des Selbstkönnens zu erfahren. Bewunderung und Lob sind zwar nicht verboten, aber höchstens als sekundäre Bestätigung der primären SelbstbewertungSelbstbewertung des Kindes zulässig: „Ich finde auch, daß du das schon selbst kannst, und freue mich auch darüber.“ Bemächtigende Eltern können dies nicht. Sie müssen dem Kind, das sich gerade über das Selbstmachen und Selbstkönnen gefreut hat, auch noch dieses Selbsteffizienzgefühl wegnehmen: „Du bist mein süßes Kleinod, und ich bin so glücklich, das hast du ja so toll gemacht.“ Dahinter steckt die Botschaft: Du bist mein Eigentum. Was du bist, bist du durch mich. Bin ich nicht eine tolle Mutter? Wie eine große Welle schwemmt diese Emotionalität die kindlichen Empfindungen weg, wieder steht das Kind nicht auf eigenen Füßen, sondern schwimmt im Einflußbereich der alleskönnenden Eltern. Dieser emotionale Mißbrauch des Kindes hemmt seine Eigenentwicklung, vermittelt ihm die Erfahrung, doch nie die Fähigkeit aufzubringen, sich durch eigene Effizienz aus dem elterlichen Kräftefeld herausbewegen zu können. Gleichermaßen schädigend sind diejenigen Eltern, die nicht zuschauen können, wie ihr Kind fast die Tasse umstößt, die Hose falsch herum anzieht, und sofort eingreifen: „Laß mich das machen, das kannst du noch nicht.“ Oder Eltern, die dem Kind zwar eigene Leistungen abverlangen, mit den Ergebnissen aber nie zufrieden sind: „Bis das was Ordentliches wird, mußt du noch viel lernen.“ Ihre Kinder bleiben in einem unglücklichen Abhängigkeitsbewußtsein, das sie unselbständig und, quengelig macht. Die UngeduldUngeduld der Eltern wird durch dieses Verhalten vergrößert, sie werden noch weniger in der Lage sein, etwa dem Kind zuzugestehen, daß es Hemd, Tischtuch und Boden mit Bratensoße beschmutzt, weil halt nur der halbe Löffelinhalt den Weg in den Kindermund gefunden hat.
 
Der Mangel an Selbsteffizienzgefühl ist bei fast allen Menschen, die eine Psychotherapie beginnen, durchgängig eine Hintergrundstörung. Sie haben nicht gelernt ihre psychische Homöostase durch ausreichende Selbsteffizienzerfahrungen zu balancieren. Ausreichende Selbsteffizienzerfahrungen dagegen geben die Zuversicht und den MutMut, den Schritt in die Selbständigkeit und Autonomie zu tun.
 
 
9. Selbstbestimmung, Freiraum
 
MachtbedürfnisMachtbedürfnis und DominanzstrebenDominanzstreben hindern manche Eltern ebenso wie Furcht vor KontrollverlustKontrollverlust oder soziale ÜberangepaßtheitÜberangepaßtheit daran, ihren Kindern Selbstbestimmung zu lassen. Nach dem Aufbau von Selbstwertgefühl und Selbsteffizienzerfahrung ist Selbstbestimmung der dritte wichtige Schritt zur Formung eines eigenständigen Selbst, das die Chance hat, später als Erwachsener eine mündige Persönlichkeit zu entfalten: eigenen Wert, eigenes Können und eigenen Willen als Bestimmungsstücke der Wahrnehmung der eigenen IdentitätIdentität und IndividualitätIndividualität, der Abgegrenztheit von den Eltern. Zum Können gehört nicht nur das Handeln, sondern jegliche eigene Reaktionsweise einschließlich der Wahrnehmungen. Einige Eltern können zwar optimal auf die Abhängigkeitsbedürfnisse ihres Kindes eingehen, reagieren aber höchst sensibel auf alle Tendenzen, die ein Anderssein, eine Distanzierung oder eine Entgegnung ausdrücken. Eltern, die sich ein Kind „angeschafft“ haben, beginnen bereits jetzt etwas zu verlieren und wehren sich dagegen. Das im dritten Lebensjahr immer häufiger werdende Nein ist für sie ein ungehöriger Affront. Ihr Ärger wächst zum Zorn. „Ich werde mich doch nicht von so einem kleinen Ding tyrannisieren lassen. Da muß man frühzeitig etwas entgegensetzen, sonst wachsen die einem schnell über den Kopf.“ Diese völlig unempathische Reaktion ist eine Ge­wohnheitshaltung mancher Eltern. Wer von beiden sich stärker bedroht fühlt, drängt den anderen dazu, der harten Erziehungslinie treu zu bleiben, denn zu zweit schafft man es eher, eines solchen Wesens Herr zu werden. Nicht viele Eltern haben einen so günstigen psychosozialen Kontext und eine so ausgeglichene Persönlichkeit, daß vitale Kinder, die in ihrer Entwicklung nicht schon vorher erheblich gestört wurden, sie nicht doch an ihre persönlichen Grenzen brächten. Wenn an dieser Grenze massive Angst oder Aggression das Elternverhalten dominiert, bleibt dem Kind keine Chance, sein Nein, das ursprünglich keineswegs feindselig war, zu erproben. Erst nach tausendmal „nein“ beginnt die Erfahrung der Fähigkeit, selbst über sich bestimmen zu können.
 
Das Bewußtsein dieser Fähigkeit ist nicht auf hundertprozentige Durchsetzung des Neins angewiesen. Aber es sollten keine traumatisierenden Reaktionen der Eltern damit verbunden sein. Selbst wenn die Eltern in der Sache nicht nachgegeben haben, hat das Nein des Kindes keinen nicht wiedergutzumachenden Schaden in der Beziehung zu den Eltern angerichtet. Nach kurzen Auseinandersetzungen finden Kind und Eltern zuverlässig wieder zueinander.
 
Aggressive oder beängstigende Reaktionen der Eltern führen zu Angst vor künftigen Aggressionen oder Strafen, zu der Angst, abgelehnt, zurückgewiesen oder verstoßen zu werden wie bei der selbstunsicheren Persönlichkeit. Oder das Kind versucht künftig, alle selbstbezogenen triebhaften Tendenzen zu unterdrücken. Manche überlegen vor allen Handlungen, ob sie dem Willen der Eltern entsprechen. Sie machen den Willen der Eltern zur Norm, die möglichst perfekt erfüllt wird (zwanghafte Persönlichkeit). Andere kämpfen ihr restliches Leben lang wie Michael Kolhaas, MichaelKohlhaas gegen alle Autoritäten, ohne zu merken, daß die Anlässe, die sie sich auswählen oder konstruieren, in keinem Verhältnis zu ihrem großangelegten FreiheitskampfFreiheitskampf stehen. Sie kämpfen im Erwachsenenalter gegen alles und jeden, um endlich das zu erhalten, was die Eltern ihnen in der Kindheit verwehrt haben: ihre Selbstbestimmung. Auch bei ihnen erscheint uns der Wiederholungszwang wie ein Kratzer auf der Schallplatte, der zu einer zusammen­hanglosen, sinnentleerten Wiederholung ein und derselben Sequenz der Melodie führt. Die psychische Homöostase ist an einer Konstellation der Kindheit hängengeblieben und kann sie nicht überwinden. Einige Menschen trauen sich nicht, offen zu rebellieren. Sie fühlen sich zu sehr unterlegen. Aber sie tragen in sich die Aggression, die das elterliche Unverständnis bei ihnen evoziert hat. Im Gegensatz zum Perfektionsstreben des zwanghaften Menschen leisten sie „Dienst nach VorschriftDienst nach Vorschrift“, sie tun nur das Nötigste, wenn ihnen etwas befohlen wird, sind aber leistungsfähig, wenn ihre Arbeit ihnen Genugtuung verschafft.
 
Die passiv-aggressive Persönlichkeitpassiv-aggressive Persönlichkeit behält diesen kompromißhaften Modus des Umgangs mit Selbstbestimmung. Der selbstunsichere Persönlichkeitselbstunsichere Mensch bleibt dagegen ständig vor dem Tor zur Arena des Kampfes um Selbstbestimmung und hat deshalb Angst vor jeder Begegnung mit anderen Menschen. Der zwanghafte Persönlichkeitzwanghafte Mensch macht sich die fremden Normen zur eigenen Sache und bestimmt selbst über deren rigide hundertprozentige Einhaltung - er hat wenigstens subjektiv genug Selbstbestimmung. Der Kohlhaas-Typ hat zumindest während jedes Freiheitskampfes die Hoffnung auf nahe Selbstbestimmung. Der passiv-aggressive Mensch jongliert mit einer gerade noch genügenden Fügsamkeit und soviel Unpünktlichkeit, Langsamkeit, Nörgeln und heimlichem Opponieren wie möglich.
 
Das Kind muß nach Möglichkeit weitere Bewältigungsstrategien finden, um die ständig anwachsende Aggression zu kanalisieren. Eine zugleich sehr wirksame und sozial geschätzte Möglichkeit ist die Steigerung des motorischen Systems bis hin zum LeistungssportLeistungssport. Auch die Entwicklung von allgemeiner LeistungsmotivationLeistungsmotivation führt zu Akzeptanz und verhindert die gefürchtete Ablehnung, die bei direkter streithafter Auseinandersetzung drohen würde. Sowohl der sportliche Wettkampf als auch das berufliche Leistungsstreben vermeiden die direkte Konfrontation und Durchsetzung. Sie sind indirekt, nicht primär als aggressiv apostrophierte Formen der Kanalisierung von Aggression zu verstehen, die die Aufrechterhaltung der psychischen Homöostase ermöglichen.
 
 
10. Grenzen gesetzt und Normen vermittelt bekommen
 
Der Anteil der Kinder, die die hürdenreiche Strecke der psychischen Entwicklung bis hierher bewältigt haben, ist nicht mehr groß. Ob die Kinder der 68er Generation bei falsch verstandener antiautoritärer Erziehung die vorausgegangenen Entwicklungsschritte ohne erhebliche Störungen durch ihre Eltern so weit gehen konnten, sei dahingestellt. Spätestens beim Thema der Grenzen und Normen scheinen konservative Psychologen und reaktionäre Pädagogen wieder Terrain zu gewinnen.
 
Wir müssen deshalb besonders sorgfältige Betrachtungen anstellen. Eltern, die es kaum schaffen, ihrem Kind ausreichend Selbstbestimmung zu lassen und Freiraum für eigene Erfahrung zu geben, werden dazu neigen, zu enge Grenzen zu setzen und kindliches Verhalten zu sehr nach normativen Gesichtspunkten zu beurteilen. Wenn einem Kind bei einem Handlungsimpuls als erstes die Frage einfällt, ob es das darf, ist sein Verhalten möglicherweise schon zu sehr von elterlichen Normen gesteuert und es kann kindliche Impulse nur noch spärlich ausleben. Was das Kind will, ist nur dann machbar, wenn es auch die Eltern wollen. Um frei von Angst und Schuldgefühlen zu sein, muß das Kind das elterliche Normsystem sehr gut kennen.
 
Umgekehrt wird eine nichtautoritäre Haltung der Eltern dem Kind vielleicht ein illusionäres Weltbild vermitteln: „Ich kann immer alles selbst bestimmen.“ Diese NachgiebigkeitNachgiebigkeit der Eltern kann unter Umständen als Schwäche und Versagen empfunden werden. Dem Kind wird dadurch zu früh die Möglichkeit genommen, seine Eltern zu idealisieren, so daß die spätere Neigung, sich mit ihnen zu identifizieren, erheblich gestört wird, das wiederum macht die IdentitätsentfaltungIdentitätsentfaltung schwieriger. Eine so verdächtig klingende Aussage über Selbst und Welt muß natürlich wiederholt empirisch geprüft werden. Das Kind sucht nach Grenzen. Nur indem ich den anderen mit seinem Widerstand spüre, nehme ich Grenzen wahr, Grenzen zwischen ihm und mir. Seine Grenzen zeigen mir aber auch, daß ich nicht allein bin, daß er da ist, daß er mich wahrnimmt, daß er Kontakt aufnimmt oder hält, daß er auf mich reagiert, daß er von mir verschieden ist. Und sein abgrenzendes Verhalten zeigt mir, wie Selbst und Welt in Interaktion und in Beziehung treten.
 
Das Kind erfährt, wie weit es gehen darf, ohne die Grenzen des anderen zu überschreiten, und was geschieht, wenn es Grenzen nicht achtet. Und es lernt, den anderen Menschen über dessen Grenzsignale zu achten, zu respektieren, daß er auch Schmerzen empfindet, aber auch Bedürfnisse hat und bereit und fähig ist, sich zu schützen und zu verteidigen. Es geschieht „soziales Lernensoziales Lernen“. Maria Montessoris Formulierung war: Die Freiheit jedes einzelnen hat als Grenze die Gemeinschaft. Wer hat nicht schon irgendwo „den verwöhnten Fratz“ mit seinen unerträglich nachgiebigen Eltern beobachtet, der zum Beispiel im Restaurant Würstchen haben möchte, diese dann aber nicht anrührt, weil am Nachbartisch ein Kind gerade ein Eis bekommen hat und er sofort auch eines möchte, dieses dann aber auch nicht ißt, weil das andere Kind ein rotes Schirmchen hat und die Bedienung ihm nur ein gelbes brachte. Nachdem das Schirmchen ausgetauscht ist, will das Kind dann doch lieber Pommes frites, die es endlich verspeist, während der Vater als ungewollten Nachtisch seine Würstchen verzehrt und die Mutter das zerlaufene Eis auslöffelt. Aber das ist den Eltern immer noch lieber als jene Tyrannei, die eingesetzt hätte, wenn sie gesagt hätten, das Eis werde es als Nachtisch geben. Sie hätten dann nach fünfzehnminütigen Beschwichtigungsversuchen und erfolglosen Versprechungen fluchtartig das Lokal ohne Abendessen verlassen müssen, um im Auto dann wenigstens noch ein Wienerwald-Hähnchen zu sich zu nehmen.
 
Diese Eltern setzen keine echten Grenzen, denn diese halten dem Ansturm ihres sieggewohnten Kindes nicht stand. So groß das Machtgefühl des Kindes auch sein mag, so einsam wird es sich doch fühlen, so wenig geborgen und geschützt durch so schwache Eltern. Und sowenig wird es in der Lage sein, ein soziales Selbst zu entwickeln, das sich auch für die Homöostase des übergeordneten sozialen Systems mitverantwortlich fühlen kann. Grenzziehungen in verschiedenen Situationen und Kontexten führen zu Regeln und Normen, deren Einhaltung vom Kind erwartet wird. Das Kind übernimmt diese großenteils ohne pädagogische Maßnahmen durch Imitation des Elternverhaltens. Wenn aber Eltern für sich andere Regeln und Grenzen beanspruchen, geschieht es, daß zwei Lernprinzipien einander entgegenwirken. Das Kind sieht, was die Eltern tun, soll es aber nicht machen, sondern soll auf Gebote und Verbote reagieren.
 
Dies ist eine Überforderung für Kinder unter drei Jahren. Das dritte Lebensjahr ist etwa die Zeit, in der ein Kind erst allmählich lernt, Wunscherfüllung und Bedürfnisbefriedigung aufzuschieben. Es lernt nicht nur zu anderen nein zu sagen, sondern auch zu sich. Erst dann, kann es Verbote einhalten, ohne daß es durch Angst vor Strafe gesteuert werden muß. Um Normen als handlungssteuernde Regeln aufnehmen zu können, muß auch die kognitive Entwicklung des Kindes weit genug fortgeschritten sein, bzw. die Formulierung der Normen muß dieser Entwicklung entsprechen (PiagetPiaget und Inhelder 1981). Meist richtet nicht die Norm, sondern die Art der Vermittlung der Norm, die impliziten Sanktionen bei Normverstoß oder der Zeitpunkt des Verbots Schaden an. Wenn ein Vater mit Aggressivität und Schärfe in der Stimme ein Verbot ausspricht und dadurch massive Bestrafung androht und dies zu einem Zeitpunkt tut, zu dem sich das Kind schon mitten im Handlungsvollzug und in der Erwartung der Bedürfnisbefriedigung befindet, so ist mit einer sehr deutlichen Aggression beim Kind zu rechnen. Wenn dies regelmäßig so abläuft, werden Grenzen und Normen zum „roten Tuch“, und das Kind muß einen großen psychischen Aufwand betreiben, um diese Aggressionen zu unterdrücken. Zwanghaftes Verhalten scheint in diesen Situationen besonders geeignet zu sein, um Aggressionen zu neutralisieren: Ordentlichkeit, Pünktlichkeit, Sauberkeit, Genauigkeit und allgemeine Gründlichkeit wirken auf manche Menschen beruhigend. Sie können innere Spannungen und Nervosität durch Ordnen, Waschen oder Putzen abbauen. Diese inneren Spannungen sind oft das Überbleibsel von Ärger und Wut.
 
So gut ein Kind von drei bis vier Jahren den Sinn von Grenzen und Normen auch verstehen kann, so sollten ihm doch diejenigen Normen erklärt werden, die nicht durch vorbildhaftes Verhalten über Imitation zu vermitteln sind bzw. die einzuhalten dem Kind besonders schwerfällt, weil sie zu sehr seiner Bedürfnisstruktur entgegengerichtet sind. Ideal wären Normen und Regeln, die das Ergeb­nis von Verhandlungen zwischen Kind und Eltern darstellten (Gordon 1972GordonGordon 1972). Um symbolisch eine gleichberechtigte Verhandlungssituation zu schaffen, müßten die Eltern dabei auf dem Kinderstühlchen und das Kind auf dem Erwachsen­en­­stuhl sitzen. Eltern, die ein schlechtes Gewissen bekommen, wenn sie ihren Kindern Grenzen setzen und Normen mit einer Festigkeit vermitteln, die deren Gültigkeit klarmacht, projizieren zu sehr ihre Abhängigkeitsbedürfnisse auf ihre Kinder: "Ich (Mutter bzw. Vater) brauche Nähe zu meinem Kind. Grenzen zwischen mir und meinem Kind sind störend. Durch das Setzen von Grenzen würde ich harmonische Nähe reduzieren." Sie verhindern dadurch die Orientierung der Kinder in der sozialen Umwelt.
 
 
11. Gefördert werden, Gefordert werden
 
Der beleidigte Rückzug der Eltern auf das Selbständigkeitsstreben des Kindes hin kann die Botschaft enthalten: „Wenn du es schon allein machen willst, dann sieh nur zu, wie weit du ohne mich kommst.“ Diese passiv-aggressive Haltung legt dem Kind zwar nicht bewußt Steine in den Weg, erhofft aber insgeheim vielleicht doch dessen Scheitern: „Mein Vater hat mich zwar alles machen lassen. Er hat mir aber nie geholfen. Ich mußte mir alles mühsam selbst erarbeiten.“ Hilfe und Unterstützung im rechten Moment ein- und auszublenden, erfordert wiederum Empathie. Schafft das Kind eine anstehende Aufgabe allein? Wieviel und wie wenig Hilfestellung benötigt es, um eine etwas zu schwierige Aufgabe zu bewältigen? Es macht die Erfahrung, noch ein bißchen Hilfe gebraucht zu haben, schafft es das nächstemal aber vielleicht schon allein.
 
Förderung ist: dort weiterhelfen, wo das Kind steckenbleibt, ihm etwas erklären, ihm nützliche praktische Tips geben, sich von ihm erklären lassen, was es gemacht hat, wie es das gemacht hat, gemeinsam Überlegungen bezüglich seines weiteren Vorgehens anstellen. FörderungFörderung ist aber auch die emotionale Unterstützung, das Daumendrücken, TröstenTrösten, Mitfreuen, kurz jegliches Verhalten, das dem Kind hilft, bei etwas zu bleiben und seiner Begabung entsprechend voranzukommen, bei etwas, das sein eigenes Projekt ist. Dabei ist wohl weniger wichtig, wie sehr das Elternverhalten objektiv förderlich war, als das Bewußtsein, daß die Eltern „mich und was ich tue unterstützen“. Im gegenteiligen Fall resultiert die Selbst- und Weltsicht :„Ich muß mir immer alles selbst erarbeiten und kann auf niemandes Unterstützung bauen.“ „Meine Mutter war fordernd“ ist eine Aussage, die keine Bedürfnisbefriedigung ausdrückt, sondern ein Übermaß an Forderungen meint. „Mein Vater hat mich zu sehr geschont“ meint hingegen die Frustration des Bedürfnisses, gefordert oder herausgefordert zu werden. So wie Jungtiere, zum Beispiel Katzen und Hunde, balgen wollen, wollen kleine Jungen zu ihrem Vater und Mädchen zu ihrer Mutter in spielerische Konkurrenz treten, vor Aufgaben gestellt werden, deren Lösung nicht sofort da ist, und mit Problemen konfrontiert werden, die nicht ohne Streß zu bewältigen sind. Das Kind würde sich von sich aus in dem Moment der Aufgabe nicht stellen, zum Beispiel ein Musikinstrument spielen lernen. Die erfolgreiche Bewältigung des Lernprozesses gibt ihm aber ein größeres Selbsteffizienzgefühl, zeigt ihm, daß Ressourcen und Reserven in ihm stecken, die in schwierigen Situationen mobilisierbar sind. Das Kind lernt Aufgabenorientierung, lernt zu lernen, lernt, bei entsprechender HerausforderungHerausforderung auch kreativ zu sein, lernt, die in ihm schlummernden Begabungen und Fähigkeiten zu wecken.
 
Wir haben die Befriedigung des kindlichen Bedürfnisses, gefordert zu werden, weitgehend an unser Schulsystem delegiert. Dieses hat aber sicher nicht die Befriedigung des Kindes im Auge, sondern betreibt Erziehung im wörtlichen Sinne. Kinder werden oftmals dorthin gezogen, wo sie nicht hingezogen werden wollen. Das Wort Erziehung drückt dies ja auch aus. Deren Ziele sind ausschließlich von Erwachsenen gesteckt, die nichts von den Bedürfnissen der Kinder wissen und keine Vorstellung davon haben, wie kindgemäße Lernprozesse ablaufen könnten, die Freude am Lernen vermitteln würden. Nur einem kleinen Teil der Kinder wird unser Schulsystem gerecht. Pädagogik wird reduziert auf eine Methodik zur Absolvierung wissenschaftlicher Curricula.
 
Ein Grund mehr, diese Bedürfnisdimension wieder mehr in die Familie zurückzuholen. Nicht in der Weise, daß lediglich gute Schulleistungen erwartet und die Zeugnisse kritisch bewertet werden, sondern daß fordernde und herausfordernde interaktionelle Lernprozesse und Aufgabenstellungen in der Familie stattfinden. Lernen ist dann soziale Begegnung und Dialog zwischen Eltern und Kind. Eltern, die nicht fordernd sind, verhindern, daß ihr Kind Kraft und Initiative entwickelt und im Bewußtsein dieser Kraft in schwierige Situationen zu gehen lernt.
 
 
12. Idealisierung, Vorbild
 
Die meisten bisher genannten Bedürfnisse sind schon im zweiten Lebensjahr bedeutsam. Es gibt jedoch für jedes Bedürfnis ein Entwicklungsstadium, in dem dieses Bedürfnis Hauptthema ist oder in dem sich eine Störung besonders stark auswirkt. Das Kind im ersten Lebensjahr lebt noch im nicht getrennten Erleben mit der Mutter - einer gemeinsamen Großartigkeit. Das Kind im zweiten Lebensjahr verliert das Bewußtsein eigener Grandiosität und Unverletzbarkeit und idealisiert weiterhin oder möglicherweise um so mehr die Eltern und mißt ihnen Allmacht bei. Bereits in dieser Zeit sind die Eltern ein Vorbild. Ihre Art zu reagieren wird aufgenommen, teils als komplexe soziale Verhaltensweisen.
 
Kinder verstehen viel früher unsere Sprache, als sie sie sprechen können. Es scheint eine große Diskrepanz zu bestehen zwischen dem rezeptiven Lernvermögen wie Sprachverständnis und Verständnis nonverbaler Kommunikationsmuster einerseits und den noch wenig entwickelten aktiven kognitiven und sprachlichen Fähigkeiten des Kindes andererseits. Erwachsene verwechseln oft dieses Nichtkönnen mit einem Nichtverstehen: „Das verstehst du ja doch nicht.“ Wir können durchgängig annehmen, daß Kinder kognitive und soziale Fakten und Zusammenhänge mindestens zwei Jahre eher verstehen, als sie in aktiver Weise damit umgehen können. Dort, wo es ihnen noch am Sprachverständnis mangelt, erfassen sie um so sensibler die nonverbalen Begleitsignale von Erwachsenengesprächen, die ohnehin oft die relevantere Botschaft darstellen.
 
Im vierten und fünften Lebensjahr fällt uns auf, daß sich imitierendes Verhalten häuft, mal wird von der Tochter der Tonfall der Mutter übernommen, mal die Geste eines angehimmelten größeren Nachbarmädchens. Wir müssen uns bewußt sein, daß zu diesem Zeitpunkt die Eltern bereits jahrelang „Modell gestanden“ haben und das Kind nahezu das gesamte Verhaltensrepertoire der Eltern schon gespeichert hat. Im Gegensatz zu anderen Lebewesen ist beim Menschen das Verhalten nicht unflexibel auf Instinkte festgelegt, sondern in sehr großem Umfang plastisch veränderbar. Es scheint, daß eine Aufgabe der im Vergleich zu anderen Säugern sehr langen Kindheitszeit die lernende Übernahme wichtiger Verhaltensmuster ist. Welche Verhaltensmuster biologisch vorgegeben sind und welche erlernt werden, wissen wir nicht genau. Jedoch sind auch die biologisch vorgegebenen Verhaltensweisen durch soziales Lernen sehr stark zu verändern. Manche sagen, Eltern brauchten nur zwei Erziehungsmittel: Liebe und Vorbild sein. Natürlich übernehmen Kinder nicht nur bewußt modelliertes Elternverhalten. Deshalb bedeutet Vorbild sein nicht das momentane vorbildliche Verhalten, sondern ein Arbeiten an der eigenen Persönlichkeit, um diese dahin weiterzuentwickeln, wo wir unsere Kinder auch gern sehen würden. Hier zeigt sich die eigentliche Herausforderung des Vater- und Mutterseins. Wer versucht, dem Kind emotional echt zu begegnen, sich so zu verhalten, wie er es sich von dem Kind wünschen würde, erkennt bald die eigenen Schwachstellen - und kann im Dialog mit den Kindern an ihnen arbeiten. Diese Bemühungen haben wiederum die bedeutsamste Vorbildfunktion für das Kind.
 
Um die ganze Vielfältigkeit der sozialen Lernprozesse mit Hilfe des ModellernenModellernens kennenzulernen, ist die Lektüre von Banduras umfangreichen Studien unverzichtbar (BanduraBandura 1969). Für psychotherapeutische Belange ist zum Beispiel wichtig zu wissen, in welchem Kontext Kinder von welcher Person welche Verhaltensweisen übernehmen. So ist zum Beispiel die in einer Gruppe (oder einer Familie) dominierende Person (das erfolgreiche, starke Modell) eher Vorbild. Dies bedeutet, daß ein Junge, der einen von der Mutter völlig dominierten Vater hat, diesen nicht als Modell verwenden kann. Kinder brauchen die Idealisierung, um es als lohnend zu empfinden, den anderen etwas abzuschauen.
 
Wenn auf diese Weise die IdentifikationIdentifikation mit dem Vater blockiert ist, fällt dem Kind die notwendige Übernahme männlichen Rollenverhaltens sehr schwer. Lebt der Vater gar nicht in der Familie, so ist der Junge auf fremde männliche Prototypen aus Literatur und Medien angewiesen. Manchmal eignet sich ein Lehrer als Vorbild, wenn dieser eine gute Beziehung zu dem Jungen zuläßt. Die Mutter, die schwach ist und unglücklich lebt, kann vom Kind auch nicht idealisiert werden. „Ich will auf keinen Fall so werden wie meine Mutter“ wird dann gesagt. Einerseits ist dann auch der Weg zu den positiven weiblichen Anteilen der Mutter versperrt. Denn Kinder schaffen es nicht, selektiv diese positiven Anteile zu übernehmen. Andererseits hat die Tochter in den ersten zwei bis drei Lebensjahren doch so viel von der Mutter als Verhaltensdisposition übernommen, daß sie diese ständig unterdrücken muß, also ein Großteil ihrer psychischen Energie für diese Abwehr aufbringen muß.
 
 
13. Erotik, Intimität, Hingabe
 
Wer selbst Kinder hat, weiß von der SexualitätSexualität und Erotik des Kindes. Die Erektion des Penis ist schon beim Säugling zu bemerken und beim zweijährigen Jungen unübersehbar. Das häufige Beschäftigen mit den erogenen Zonen kann nicht allein mit Neugier erklärt werden. Es ist ganz offensichtlich, daß taktile Wahrnehmungen um Mund, Anus und Genitalien lustvoller erlebt werden als in anderen Hautbereichen. Entsprechende Äußerungen der Lust hören wir beim Baden oder Duschen des Kindes. Wenn das Kind morgens zum Kuscheln ins Elternbett kommt, so versucht es auch immer wieder Berührungen an den erogenen Zonen herzustellen. Das DoktorspielenDoktorspielen erfolgt bis zu vier Jahren nur dann in Heimlichkeit, wenn Eltern Unmut gezeigt haben. Auch autoerotische Stimulierungen der Klitoris oder des Penis, die das Kind kaum in Gegenwart anderer Kinder vornimmt, werden zunächst noch vor den Augen der Eltern betrieben.
 
Nach wie vor sind Eltern der kindlichen Sexualität gegenüber oft ratlos. Was ist natürlich, was unnatürlich? Wieweit sollen die kindlichen Explorationen zugelassen werden, die ja auch nicht vor dem Körper der Eltern haltmachen? Was kann geschehen, wenn Jungen und Mädchen versuchen, den Penis in die Scheide einzuführen? Was tun, wenn der Junge einem anderen Jungen seinen Penis in den Anus einführt und beide offensichtlich Lust empfinden? Eltern fehlt das Fachwissen, deshalb bremsen sie lieber zu früh als zu spät. Und das Kind übernimmt die elterliche Einstellung zur Sexualität sehr bald. Es wird künftig heimlich, im günstigsten Fall mit dem Reiz des Verbotenen oder im ungünstigsten Fall mit ständigen Schuldgefühlen und Angst vor Entdeckung, seine kindliche Sexualität weiter ausleben.
 
Wenn die elterliche Reaktion zu massiv war und ein völliges Tabu ausgesprochen wurde, so unterdrückt das Kind sein sexuelles Interesse völlig. Außerdem erfolgt die Imitation elterlichen Umgangs mit deren eigener Sexualität. Manche Patienten berichten, daß es absolut nichts abzuschauen gab. „Ich habe meine Eltern nie nackt gesehen, nie sich küssend oder intensiv umarmend.“ Um zur Entfaltung der vollen Erotik seines Körpers zu finden, ist das Vorbild der Eltern notwendig. Gibt es weder beim Vater noch bei der Mutter auch nur einen Anflug von Erotik in Verhalten, in Körperbewegungen, in Gestik und im Ausdruck, so kann ein Kind nur einen kleinen Teil seiner natürlichen Erotik in das Er­wachsenenalter hinüberretten. Wie wenige von uns können von sich behaupten, ein erotischer Mannerotischer Mann oder eine erotische Frauerotische Frau zu sein - mit einer natürlichen erotischen Ausstrahlung, die nicht von den Klischees der Medien abgeschaut wurde und auch kein gemachtes, antrainiertes SexyseinSexysein ist. Die wenigen Menschen, die in völligem Einklang von Körper und Psyche auf natürliche Weise erotisch sind, fallen uns sofort auf, wenn sie uns begegnen. Dies ist kein willkürliches zielorientiertes Verhalten, um eSittenwächterine erotische oder sexuelle Begegnung herbeizuführen, sondern dieser Mensch ist einfach so.
 
Dieses allgemeine Defizit unserer Zivilisation führt auch zu einem allgemeinen Bedürfnis nach mehr Erotik. Und genau dieser allgemeine Notstand wird von den Medien und der Werbung ausgenutzt, um Aufmerksamkeit zu gewinnen. Hätte unsere Gesellschaft kein erotisches Defizit, müßten sich die Werbefachleute um andere Werbestrategien bemühen, sie müßten einen anderen Mangel nutzen, um unsere unbefriedigten Interessen anzusprechen.
 
Wir müssen davon ausgehen, daß die meisten Kinder von ihren Eltern gestört werden, wenn sie versuchen, ihre psychische Homöostase bezüglich ihres Bedürfnisses nach Erotik herzustellen. Andererseits bieten ihre Eltern als Vorbild zahlreiche Bewältigungsstrategien an, die ihnen selbst erfolgreich helfen, ihre Erotik und Sexualität zu unterdrücken. Die einen werden SittenwächterSittenwächter, die anderen agieren sich durch sportliches oder berufliches Leistungsstreben aus, wieder andere verlieren den Kontakt zu ihrem Körper völlig. Bei manchen scheint er nur noch die Funktion zu haben, den Kopf zu tragen. Und der Körper wirkt entsprechend auch verdorrt, dystroph oder unförmig verfettet. Die eigene Gehemmtheit hindert Psychotherapeuten manchmal daran, die sexuelle Entwicklung ihrer Patienten angemessen zu würdigen. Ein ganzheitliches Verständnis des Menschen muß aber die Sexualität einbeziehen. Bei einer gehemmten Sexualität kann keine Integration von Psyche und Körper stattfinden. Erotik ist die ungehemmte Einbeziehung des Körpers in ein integriertes psychophysisches Selbsterleben.
 
Davon zu unterscheiden sind Menschen, die ohne zu dieser Integration fähig zu sein, ständig erotische Botschaften aussenden, teils völlig entgegen ihrer bewußten Selbstwahrnehmung, um dann Opfer von Mißbrauch zu werden. Für sie ist nicht selten diese Konstruktion von Opfer-Täter-Situationen der Versuch, einen MißbrauchMißbrauch in der Kindheit durch den Mechanismus des WiederholungszwangWiederholungszwangs aufzuarbeiten und zu bewältigen. Nicht nur den Täter zieht es an den Tatort zurück, sondern auch das Opfer: ein Versuch des Ungeschehenmachens oder die irrationale Erwartung und Hoffnung, daß die traumatische Situation das nächstemal glücklich enden möge! Oder die Männer und Frauen, die ständig zu einem Flirt bereit sind, durch ihr Auftreten und Verhalten ständig erotisches Interesse wecken, aber nur so lange, bis dieses Interesse wirklich entstanden ist. Dann haben sie ihr Ziel schon erreicht, brechen den FlirtFlirt ab und lassen ihr Gegenüber frustriert zurück. Versucht dieses darauf seinem entstanden Interesse tatsächlich deutlich Nachdruck zu verleihen, so wird es vehement und empört zurückgewiesen. Gewünscht war ja nicht erotische Begegnung, sondern Selbstbestätigung unter Einsatz des wirksamen Mittels „Flirt“. Wenn dann doch eine erotisch-sexuelle Beziehung entstanden ist, entsteht beim Überschreiten derselben Grenze Angst, die sich beim Mann in ImpotenzImpotenz, bei der Frau in FrigiditätFrigidität und AnorgasmieAnorgasmie oder Schmerzen beim Koitus (DyspareunieDyspareunie) äußert.
 
Es ist die Angst vor Hingabe, die vielen so fremd ist, daß schon das Fremde an ihr beängstigend ist. Auch ein in der Kindheit oder im Erwachsenenalter stattgefundener sexueller Mißbrauchsexueller Mißbrauch führt verständlicherweise zu einer kaum zu beseitigenden Angst vor HingabeAngst vor HingabeHingabe führt. Doch auch der in der Kindheit atmosphärisch drohende Mißbrauch führt zur Wachsamkeit und zur Notwendigkeit, die bewußte Kontrolle über eine Situation und über die eigenen Gefühle zu bewahren. Allein das Tabuisieren und Zur-Sünde-Erklären erotischer und sexueller Hingabe müssen die spätere Hingabe des erwachsenen Menschen blockieren.
 
Auch wenn wir bei der kindlichen Erotik und Sexualität noch nicht von stattfindender Hingabe als Preisgabe jeglicher kognitiver Kontrolle über ein sich steigerndes intensives emotionales erotisch-sexuelles Empfinden sprechen können, so ist doch „Hingabe“ als affektiv-kognitives Konzept beim Kind schon angelegt, und der störende Umgang der Eltern mit diesem sich entwickelnden Konzept kann im Erwachsenenalter zu unüberwindbaren Blockierungen der Hingabefähigkeit führen. Wenn wir psychische Gesundheit des Menschen definieren, so ist die Fähigkeit zur Hingabe eine ihrer wichtigen Bestimmungsstücke.
 
Das Bedürfnis nach Intimität wird erst ab vier bis fünf Jahren sichtbar. Auch ohne Dressur der Eltern entsteht das Bedürfnis nach Intimität. Wobei in der Regel im vierten Lebensjahr ein gesundes exhibitionistisches Stadium vorausgeht, in dem das Kind sich am Vorhandensein seiner Genitalien offensichtlich erfreut und sie den Erwachsenen und den anderen Kindern stolz präsentiert. Dieser „gesunder Exhibitionismugesunde ExhibitionismusExhibitionismus“ ist eine wichtige Errungenschaft des Kindes als stolzes Herzeigen dessen, was es hat und kann.
 
Die Verklemmtheit unserer letzten beiden Generationen bzw. unserer Normorientierung an Bescheidenheit und Understatement läßt die gesunden kindlichen Tendenzen bald verkümmern. Statt zu sagen: „Schau mal her, was ich mir für ein tolles Kleid gekauft habe, ich freue mich so darüber“, wird stumm darauf gewartet, daß der andere das neue Kleid sieht und bewundernde Worte ausspricht. Tut er es nicht, hat er unsere verqueren Spielregeln nicht eingehalten, und wir sind beleidigt. Das Bedürfnis nach Exhibition bleibt im Erwachsenenalter trotz des Verlustes von gesundem exhibitionistischem Verhalten bestehen, und mancher versucht immer wieder, es zu befriedigen. Diese mögliche Begründung ist für sonst schwer verstehbare Verhaltensweisen wichtig.
 
Die Angt zu ErrötenAngt, zu Errötenerröten (ErythrophobieErythrophobie), kann wie andere sozial-phobische Merkmale als Symptom verstanden werden, bei dem Versuch, sich anderen mit seinem affektiven Anliegen zu zeigen, ertappt worden zu sein. Auch ohne psychoanalytische Untersuchung der Psychodynamik ist bei der Unfähigkeit, in öffentlichen Toiletten zu urinieren, gut explorierbar, daß eine Störung des Bedürfnisses nach Exhibition zugrunde liegt, das in der Kindheit durch die Eltern in massiver Weise tabuisiert wurde. Diese Störungen haben nichts zu tun mit dem Verlangen nach Intimität. Die aus ihnen sichtbar werdende überzogene SchamhaftigkeitSchamhaftigkeit ist ein Versuch, mit dem Tabu der Exhibition umzugehen. Dagegen führt das Bedürfnis nach Intimität erst durch inadäquates Verhalten der anderen zum Gefühl der Scham. Ich möchte hier anmerken, daß ich mit Exhibition nicht das Verhalten eines Menschen mit der sexuellen Perversion des Exhibitionismus meine. Erst wenn andere in die vom Kind aufgebaute Intimsphäre beabsichtigt oder unbeabsichtigt eingedrungen sind, entsteht ein Schamgefühl. Diese natürliche Scham muß von der obengenannten Scham unterschieden werden, die eine Bewältigungsstrategie zur Abwehr einer verbotenen Exhibition ist. D.h. ich entwickle als Charakterzug Schamhaftigkeit, damit ich nicht meinen Neigungen nach Zurschaustellen nachgebe.
 
Eine andere Bewältigungsstrategie ist eine Neigung zum Zuschauen, wenn andere sich exhibitionieren. Ein „gesunder Voyeurismusgesunder VoyeurismusVoyeurismus“ ist beim Kind in derselben Entwicklungsphase anzutreffen. Da er von den Eltern weniger tabuisiert, weil weniger oft bemerkt wird, ist er ein geeignetes Mittel, um die eigenen Exhibitionstendenzen zu bewältigen: Wenn ich schon nichts herzeigen darf, dann will ich wenigstens schauen, was andere herzeigen.
 
Die Berufswahl so manches Fotografen oder Regisseurs läßt sich daraus erklären. Obwohl ich hier die Worte Exhibitionismus und Voyeurismus verwende, meine ich damit nicht die enge Definition dieser Begriffe im Sinne von sexuellen Perversionen, sondern sehe sie als natürliche, gesunde kindliche und (wohl integriert) auch erwachsene Bedürfnisse. Zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenem Kontext hat ein Mensch das Verlangen nach Intimität oder aber nach Exhibition.
 
Manche Mütter sind so unempathisch, daß sie die Existenz einer kindlichen Intimspäre überhaupt nicht wahrnehmen. Das Kind wächst infolgedessen in dem Bewußtsein auf, daß sich der Versuch gar nicht erst lohnt, seine Intimität zu schützen, da es dazu ohnehin nicht in der Lage ist. Dadurch kann es sich aber nicht gegen den Mißbrauch durch den Vater schützen. Es könnte heißen: „Meine Intimsphäre gehört nicht mir, sondern den anderen.“
 
 
14. Ein Gegenüber haben, eine Beziehung haben, Liebe geben wollen
 
Ein Kind, das dank der ausreichenden Befriedigung seiner Abhängigkeitsbedürfnisse (Willkommen sein, Geborgenheit, Schutz, Liebe, Beachtung, Verständnis, Wertschätzung) und seiner Autonomiebedürfnisse (Selbsteffizienz, Selbstbestimmung, Normorientierung, Forderung und Förderung, Vorbild, Erotik) erfolgreich sein Selbst entwickelt hat, ist nun bereit und fähig, in Beziehung zu anderen Menschen zu treten, und dies nicht mehr, damit die früheren Bedürfnisse befriedigt werden, sondern auf einem neuen Funktionsniveau seiner psychischen Homöostase. Es hat sich, nachdem es im engen „Zellverband“ zu einem auch psychisch ganzen Lebewesen herangereift ist, aus diesem ernährenden und steuernden Verband herausgelöst. Es ist ein eigenständiges Individuum geworden, ein eigenes System, das mit anderen Systemen in Wechselwirkung treten kann und mit diesen Beziehungen aufnehmen kann. Die Bezeichnung „IndividuationIndividuation“ von Mahler (1980) ist recht treffend, auch ihre Bezeichnung dieses Abschlusses als „psychische Geburtpsychische Geburt des Menschen“. Der nächste Schritt ist die SozialisationSozialisation, d.h. das Eingliedern in ein soziales System. Doch nach dieser „psychischen Geburt“ sind die Vorzeichen anders: Ein ganzes psychisches System tritt aktiv in Kontakt mit dem übergeordneten System der Familie und der Familienmitglieder sowie dem System der weiteren sozialen Gemeinschaft. Beziehungen und Interaktionen sollten jetzt nur noch soviel wie unbedingt nötig komplementär sein, soviel, wie die Einhaltung der GenerationengrenzenGenerationengrenzen dies erfordert. Je mehr Beziehungen jetzt gleichberechtigt gestaltet werden, um so entwicklungsfördernder sind sie. Spätestens ab dem fünften Lebensjahr sind die Wahrnehmung und das Respektieren der Persönlichkeit des Kindes eine wichtige Aufgabe für die Eltern. Sie müssen sich in ihrer Sicht des Kindes und in der Art der Kommunikation umstellen. Wenn sie entsprechend den oben beschriebenen Bedürfnisdimensionen in empathischem Kontakt mit dem Kind standen, so sind sie als Eltern „mitgewachsen“. Da das unbequeme Veränderungen der bisher bewährten Erziehungsgewohnheiten erfordert, ersparen sich viele Eltern diese Mühe, worauf hin sich prompt kindliche Verhaltensstörungen wie BettnässenEinnässenEinnässen, NägelkauenNägelkauen, DunkelangstDunkelangst einstellen.
 
Das Kind fordert, als ganze Persönlichkeit zu Vater oder Mutter in Beziehung zu treten. Es fordert ein Gegenüber, das eine gleichberechtigte Interaktion mit ihm aufnimmt, sich stellt, nicht nur mit einem Ohr, nicht mit halbem Herzen. Es will Beziehung nicht mehr passiv-rezeptiv konsumieren, sondern aktiv gestalten. Es reicht ihm nicht mehr, geliebt zu werden, es will lieben. Und bei gesundem Selbstbewußtsein erweckt das frustrierende Zurückweisen der Eltern Wut,die zu wütendem Handeln drängt. Ein in der homöostatischen Regulation früherer Bedürfnisse deutlich gestörtes Kind kommt vielleicht gar nicht so weit, dieses Bedürfnis mit den Eltern aktiv befriedigen zu wollen. Oder es flüchtet schon bei den ersten Frustrationen wieder in die Befriedigung von Abhängigkeitsbedürfnissen bzw. in eine „Ich-brauch-dich-nicht-Haltung“. Kopfschmerz- und MigräneMigränepatienten scheinen oft bei sonst befriedigend verlaufener Kindheit in der homöostatischen Regulation dieses Bedürfnisses gestört zu sein. Sie sind emotional relativ stabil mit einer funktionalen Selbst- und Weltsicht, haben es aber nicht geschafft, Beziehungen so zu gestalten, daß dieses Bedürfnis befriedigt wird. In ihrer kindlichen Erotik will die Tochter den Vater lieben. Dieser entzieht sich, sei es aus Angst vor seinen eigenen inzestuösen Tendenzen oder weil er aus beruflichen Gründen kaum zu Hause bei der Familie anzutreffen ist oder weil er sich aus Angst vor der streitenden Frau nicht nach Hause wagt. Auch hier kann sich neben der Symptombildung wiederum ein Wiederholungszwang ergeben, indem eine gleichermaßen frustrierende Beziehungsgestaltung im Erwachsenenalter entsteht. Dann bleibt nur die Trennung oder die Migräne.
 
Lebensgefahr! Gefährdung der psychischen Homöostase
 
Nicht alles, was einem Kind durch seine Eltern widerfahren kann, ist als Frustration der beschriebenen vierzehn Bedürfnisse erklärbar. Es bleiben sieben Kategorien elterlichen Fehlverhaltens, die einen gravierenden Eingriff in die psychische HomöostaseHomöostase des Kindes darstellen:
 
Zunächst drei Bedürfnis nach AngstfreiheitBedürfnisse nach AngstfreiheitAngstfreiheit:
 
  • H1: Ein unängstliches Vorbildunängstliches Vorbild haben
  • H2: Keinen beängstigenden/bedrohlichen Elternteilbeängstigenden/bedrohlichen Elternteil haben
  • H3: Keine bedrohliche Außenweltbedrohliche/beängstigende Außenwelt haben
 
Außerdem die vier Bedürfnisse nach AggressionsfreiheitAggressionsfreiheit:
 
  • H4: Das Bedürfnis nach Aggressionsfreiheit in der FamilieAggressionsfreiheit in der Familie
  • H5: Das Bedürfnis nach zwei gleichstarke Elterngleich starken Eltern
  • H6: Das Bedürfnis nach SchuldfreiheitSchuldfreiheit und
  • H7: Das Bedürfnis nach MißbrauchsfreiheitMißbrauchsfreiheit
 
Dies sind sehr wichtige Voraussetzungen für eine gesunde psychische Entwicklung im Kindesalter. Nichterfüllung dieser Bedürfnisse bedeutet eine massive Verletzung der emotionalen Homöostase des Kindes.