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Angstformen

 Die 7 wichtigsten Ängste 

des Menschen im zwischenmenschlichen Bereich sind:
 
  1. Angst, nicht zu sein (Existenzangst oder Vernichtungsangst)
  2. Angst, allein zu sein oder allein gelassen zu werden (Trennungsangst)
  3. Angst, die Kontrolle über sich und die eigenen Impulse zu verlieren
  4. Angst, die Kontrolle über die Situation oder die Reaktionen der anderen zu verlieren
  5. Angst, Liebe zu verlieren, Angst, abgelehnt zu werden
  6. Angst vor der Gegenaggression, wenn ich angreife.
  7. Angst vor Hingabe, Angst, mich in der Hingabe zu verlieren
 
 
 
Die erste Angst: 
Angst, nicht zu sein (Existenzangst oder Vernichtungsangst)
 
Es gehört zu unser hochzivilisierten Gesellschaft, daß viele Frauen nicht auf natürliche Weise zum Muttersein und zur Mütterlichkeit finden. Sie sind so verunsichert und auch ambivalent gegenüber ihrem Kind, daß dieses sich nicht auf eine gute Weise willkommen geheißen fühlen kann. Das erste, worum es im Leben geht, ist das Dasein, das Daseindürfen, das Willkommensein. Also dreht sich auch die erste Angst um den Verlust des Daseins, Angst vor Nichtsein, vor Vernichtung und dem Verlust des Existentseins. Dies ist eine Existenzangst, allerdings nicht im normalsprachlichen Gebrauch des Freiberuflers oder Geschäftsmannes, der sich eine Existenz aufgebaut hat und fürchtet, diese wieder zu verlieren: Er mag zwar viel verloren haben, aber genau das ist ihm geblieben, worum es hier geht, sein Dasein, als Mensch unter Menschen existent sein. Viele spüren den Wert dieses gesicherten Existentseins niemals, für sie war ihr Dasein nie in Frage gestellt. Andere leben unter dem ständigen Vorzeichen von existentieller Gefahr. Jeden Augenblick könnte etwas geschehen, das sie aus der Menschengemeinschaft ausschließt und dadurch vernichtet. Für einige ist VernichtungsangstVernichtungsangst das zentrale Erleben einer Bedrohung, die nicht weiter dingfest zu machen ist. Es gibt keine konkrete Gefahr, keine konkrete gefährliche Macht oder Person. Ist das Todesangst? In der Qualität und Intensität der Empfindungen besteht eine Ähnlichkeit, aber der Unterschied besteht darin, daß in der Psyche noch keine Vorstellung von am Leben sein und Totsein existiert. Leben und Tod sind noch keine erlebbaren Begriffe, nur Dasein oder Nichtsein, bzw. der Vorgang, der vom einen zum anderen führt, das ist die Vernichtung. Und Vernichtung ist viel schrecklicher als sterben. Deshalb ist Vernichtungsangst die schrecklichste Angst, die es gibt. Da bleibt wirklich nichts mehr übrig, während Totsein noch eine Form des Seins, des Existierens ist, das Religionen und Magien zudem relativieren.
 
Dies ist aber ein zweifaches Thema, weshalb es so schwer definierbar ist. Es geht nicht nur um Dasein, sondern auch um Dasein in der Gemeinschaft der Menschen und damit bereits um ein zwischenmenschliches Thema. Für manche Menschen, die über diese Angst berichten, geht es nur um ein beziehungsloses Dasein oder Nichtsein. Sie haben eine viel größere und sie viel stärker erfassendere Angst als diejenigen, für die Dasein zugleich Dasein im Kreis der Menschen heißt. Für letztere ist eher willkommen zu sein, da sein zu dürfen, aufgenommen zu sein in die Gemeinschaft der Menschen (zunächst der Familie) das vorherrschende Thema. Sie fürchten, ausgeschlossen zu sein, verstoßen zu werden, keine ExistenzberechtigungExistenzberechtigung zu haben. Und sie fragen sich später: “Was kann und soll ich an mir bloß ändern, damit ich aufgenommen und als Mitglied der Gemeinschaft akzeptiert werde?”
 
Es ist naheliegend, dieses Thema mit der Geburt und dem Willkommensein auf dieser Welt zu verknüpfen. Es kann eine sicher nicht bewußt erlebte, aber doch erfahrene Art des Empfangs in dieser Welt außerhalb des Mutterleibs sein. Welche Bedeutung habe ich für die anderen? Auf welche Weise hat sich das Leben meiner Eltern durch mein Dasein verändert? Geht für beide endlich ein Wunsch in Erfüllung und ist durch mich endlich eine richtige Familie entstanden? Oder fühlt sich der Vater durch mich endgültig lebenslänglich gefangen, bzw. sind für die Mutter durch mich alle Felle der Verwirklichung persönlicher Ambitionen davon geschwommen? Das Geschwisterkind, das da über den Rand meiner Wiege zu mir hereinschaut - empfindet es mich als willkommene Abwechslung, weil es mit diesen Eltern tödlich langweilig war, Einzelkind zu sein? Oder ist es mein Todfeind, dem ich das wegnehme, was er selbst noch so dringend zum emotionalen Überleben gebraucht hätte?
 
Diese beiden Formen der Existenzangst lassen sich qualitativ durch die Grundhaltung der Mutter unterscheiden. Die Angst um die Daseinsberechtigung, die die anderen mir verweigern, resultiert aus einem einfachen Unerwünschtsein. Die beziehungslose Vernichtungsangst rührt von einer wirklichen Ambivalenz der Mutter her, die aus den beiden Polen Liebe und Haß besteht. Im Haß steckt ein Tötungswunsch, der die Vernichtungsangst nachvollziehbar macht.
 
Eine Mutter, die eine solch drastische Ambivalenz in sich trägt, ist einer Zerrissenheit ausgeliefert, die sie sich nicht zugestehen darf und deshalb aus ihrem Bewußtsein fernhalten muß. Was ich aber nicht ins Bewußtsein lasse, kann ich nicht bewußt zulassen lernen und nicht überwinden lernen. Außerhalb meines Bewußtseins kann es weiter Schaden anrichten, den ich gar nicht wahrnehme.
 
Manche Leserin wird erschrecken, weil auch ihr Kind so schlecht getrunken hat, daß zum Fläschchen übergegangen werden mußte. Deshalb sei hier deutlich zum Ausdruck gebracht, daß nicht alle kindlichen Störungen auf die hier genannten Ursachen zurückgeführt werden können. Zahlreiche Ursachen können zu derselben Störung führen. In einigen Fällen liegt doch eine Abneigung vor, die neben der Mutterliebe vorhanden ist oder sich zumindest gelegentlich bemerkbar macht. Es ist besser, aus der eigenen Biografie heraus zu verstehen, wie es zu dieser Abneigung kam, als sie aus dem Bewußtsein zu verbannen. Es liegt keinerlei Schuld der Mutter vor, wenn dieses Gefühl besteht. Und sie kann um so mehr Schaden verhindern, je mehr sie sich selbst mit diesem Gefühl akzeptiert und bewußt damit umzugehen lernt.
 
Paradox: Solange das Kind im Mutterleib ist, ist es relativ sicher vor dem handelnden Haß der Mutter - abgesehen von unzähligen psychosomatischen Schwangerschaftskomplikationen als geschehenem und deshalb nicht zu verantwortendem Haß :"Es ist mir passiert" statt: "Ich habe es getan". Erst von der Geburt an wird es durch diesen bedroht. Es scheint, als ob manche Kinder, die Brust der Mutter dauerhaft ablehnend, spürten, daß eine Haß-Milch aus dieser Brust kommt. Und sie schützen sich durch Nichttrinken. Eine fatale Situation: Der Haß tötet mich, ohne Muttermilch kann ich nicht sein. Das körperliche Überleben wird durch das Fläschchen gesichert, aber das psychische Überleben bleibt mit dieser schweren Hypothek belastet. Es gibt viele Schicksale, die unter diesem Vorzeichen eine kaum zu überblickende Serie von unglücklichen Beziehungen und Begegnungen mit anderen Menschen aufweisen. Diese Menschen kämpfen um ein Willkommensein, um ihr Dasein, und sie bleiben draußen oder werden immer wieder ins menschliche Abseits gespült.
 
 
Die zweite Angst: 
Angst, allein zu sein oder allein gelassen zu werden (Trennungsangst)
 
Setzen wir zunächst unsere Wanderung durch die frühkindliche Entwicklung fort. Gehen wir von dem günstigen Fall aus, daß ich willkommen war auf der Welt und keinen Grund hatte, mich in die bessere Welt im Mutterleib zurückzusehnen oder zurückflüchten zu wollen. Dann kommt ein ereignisreiches Leben auf mich zu, wie es Daniel Stern (1991) in seinem “Tagebuch eines Säugling“ sehr gut beschrieben hat. Diese absolut empfehlenswerte, kurzweilige und spannende Lektüre gehört zur Allgemeinbildung.
 
Mein erster Geburtstag mit dem amüsanten und verwunderlichen Getue der Erwachsenen ist schon einige Zeit vorbei. Ein neues Zeitalter bricht an, nach der Zeit des Vierbeiners, der sich auf allen vieren schon recht gut voranbewegen konnte, kommt die Aera des Homo erectus, des aufrecht gehenden Menschen. Nachdem meine bisherigen Taten noch illusionär als großartige Erfolge von mir und meiner mich applaudierend anstrahlenden Mutter gebucht wurden, kommen jetzt laufend Mißerfolge, die auch von der wohlmeinenden Mutter nicht mehr mit Bravo- und Toll-Rufen zu Erfolgen umfunktioniert werden können. Mein “Die Welt gehört mir”-Bewußtsein ist dahin. Immer öfter sitze oder liege ich mit einem sehr schmerzenden Körperteil, den ich zum wievielten Male beim Sturz angeschlagen habe, als ein Häufchen Elend am Boden. Die tröstenden Worte der Mutter sind kein Trost, denn sie können mein Grandiositätsgefühl nicht mehr herstellen. Es ist endgültig verloren, ich bin enttrohnt, entmachtet. Die Welt ist durch mich nicht mehr beherrschbar. Ich muß ganz von vorn anfangen: Erst richtig laufen lernen. Und es gibt noch so viele andere Dinge, die die älteren Kinder und Erwachsenen können und die ich noch nicht kann!
 
Das Laufen - eigentlich das Gehen - führt mich naturgemäß von der Mutter weg. Das gibt mir wieder Selbstvertrauen, solange es gut geht. Meine Beine tragen mich rasch ziemlich weit weg von der Mutter, in Gegenden, die ich noch nicht kenne, spannend, aufregend, abenteuerlich. Irgendwann will ich wieder heim, aber wo geht es denn zur Mutter? Ich finde den Weg zurück nicht. Ich rufe sie, sie hört nicht. Endlich, da taucht sie auf, mit sorgenvollem Blick, der fragt, ob mir was passiert ist. Die Tränen werden weggewischt, vergiß es.
 
Bei einer anderen Erkundung fällt die Kellertür zu, und es wird plötzlich ganz dunkel, ich falle einige Stufen der Treppe hinunter und tue mir arg weh, weine, schreie, niemand hört mich, und niemand kommt. Angst und Schmerz vermischen sich, ich krabble die Kellertreppe hoch, schaffe es aber nicht, die Türklinke zu erreichen, weine und rufe noch einmal ganz laut. Da geht die Tür auf, schlägt mir gegen den Kopf. Diesmal kann es keinen angemessenen Trost geben, ich höre erst auf zu weinen, nachdem alle Trostversuche ergebnislos abgebrochen wurden.
 
Dies sind kleine Szenen des Kinderalltags. Für einige Kinder ist es allerdings eine Zeit, in der das Paradies endgültig verlorengeht und das Leben bedroht ist. Sie machen in dieser Zeit die reale Erfahrung, daß sie allein in der Welt nicht überleben können, und daß zuverlässiger Schutz durch die Mutter nicht besteht, daß sie deshalb sehr darauf achten müssen, nicht aus dem Blickfeld der Mutter zu gehen oder die Mutter nicht aus den Augen zu verlieren. Denn: Wenn meine Mutter mich nicht findet, bin ich verloren, bzw. wenn ich meine Mutter nicht mehr finde, bin ich verloren. Ich muß im Nest bzw. in der Nähe des Nestes, bzw. der schützenden Fittiche der Mutter bleiben, weil die weite Welt so voll Gefahren ist, denen ich schutzlos ausgeliefert bin. Alleinsein ist ein alarmierendes Warnsignal vor Schutzlossein. Jemand haben ist zum Überleben wichtig. Hauptsache, es ist jemand da. Je sicherer ich sein kann, daß er da bleibt, um so mehr befinde ich mich in Sicherheit. Je zuverlässiger diese Person ist, um so angstfreier kann ich sein. Je mehr diese Person eine Ausstrahlung eines Felsen in der Brandung hat, um so beschützter kann ich mich fühlen. Je sicherer diese Person mich führen und leiten kann, um so mehr kann ich mich ihr anvertrauen.
 
Manche Kinder haben so große Angst vor Trennung vom beschützenden Elternteil, daß sie ihre natürlichen Tendenzen, die Welt zu erkunden und zu erobern, völlig aufgeben. Manche fühlen sich dabei unglücklich, sie spüren noch, daß ihnen etwas fehlt. Aber sie könnten es nicht in Worte fassen, selbst wenn sie schon sprechen können. Sie sind in einer Zwickmühle: Im Nest bei der Mutter ist es zu eng und zugleich geschützt, und sie fühlen sich erfolglos. Draußen in der Welt ist es weit, frei, lebendig, und sie fühlen sich erfolgreich, bis sie ihre Ungeschütztheit wahrnehmen und voll Angst zur Mutter zurückmüssen. Da bleibt nur ein unglückliches Quengeln. Vielen dieser Kinder hilft jedoch die Angst, die Welt nicht mehr interessant zu finden, d.h. nicht ohne führenden, schützenden Begleiter. Sie entwickeln eine ausgezeichnete Begabung, sehr gute, sehr tragfähige Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen und aufrechtzuerhalten. Und sie fühlen sich pudelwohl in dieser Beziehung oder diesen Beziehungen. Auf diese Weise bannen sie ihre zentrale Angst vor Trennung und vor Alleinsein völlig, vergessen sie sogar. Ihr Selbstbewußtsein wächst - zu Recht, denn sie sind wahrhaft sehr kompetent im Umgang mit Menschen. Und so kommt der Tag, an dem sie auch ganz selbständig sein wollen. Sie wagen sich zunehmend aus ihrer tragenden Beziehung heraus. Doch irgendwann kommt der vielleicht nur kleine Schritt, der eine Schritt, der zu weit weg führt vom Nest und Großalarm auslöst - eine Panik,, mit der des noch nicht zweijährigen Kindes vergleichbar, das seine Mutter im vollen Kaufmarkt aus den Augen verloren hat und sie nicht mehr findet. Diese Panik ist ein Schuß vor den Bug, der davor warnen soll, die heimischen Gewässer zu verlassen. Er wirkt entweder prompt, d.h. das Boot, das aus dem Hafen auslaufen wollte, bleibt im Hafen und wird zu einem Hausboot umgebaut, das nicht mehr hochseetauglich ist, oder es wird weiter versucht, auszubrechen. Dann hören aber auch die Warnschüsse, sprich die Angst, nicht auf. Es gibt nur zwei Möglichkeiten: sich in die Beziehung fügen oder allein voll Angst sein.
 
Welche Kinder entwickeln zwischen einem und zwei Jahren als zentrale Angst die Angst vor Trennung und Alleinsein?
 
Es beginnt vermutlich schon im Alter zwischen einem halben und einem Jahr. In dieser Zeit haben Mutter und Kind die Aufgabe, eine emotionale Bindung aufzubauen, die mit einem Jahr dem Kind ein gutes, zuverlässiges Gefühl des Gebundenseins oder Eingebundenseins gibt (nach Bindungstheorie von Bowlby, 1976). Abgesehen von den schon gestörten Beziehungen zwischen Mutter und Kind, wie sie bei der Existenzangst beschrieben wurden, ist für manche Mutter diese Zeitenwende ihres Kindes vom Vierbeiner zum Zweibeiner problematisch. Das Weggehen und Wiederannähern ihres Kindes aktualisiert auch in ihrer Psyche das Thema von Trennung und Verlust einerseits sowie von Freiheit und Selbstverwirklichung andererseits. Da kann der Wunsch nach Urlaub vom Kind stark werden oder die Sehnsucht nach dem anderen Leben - ohne Kind. Oder die wohltuende symbiotische Nähe geht durch das sich ständig wegbewegende Kind verloren. Die Mutter muß ihr Kind wieder etwas mehr an die Welt abgeben, verliert ihr Kind noch einmal mehr an die Welt. Das erstemal nach der Geburt, das zweitemal nach dem Abstillen, das mit dem Wachstum der Zähnchen zur Frage steht. Und jetzt das drittemal mit dem Laufenlernen: ein weiteres Loslassen.
 
Eine Mutter, die panisch reagiert, wenn sie ihr aus den Augen verlorenes Kind nicht gleich wiederfindet, steckt das Kind mit ihrer Verlustangst an. Das Kind lernt von der Mutter die Trennungsangst. Andere Mütter werden ärgerlich, wenn das Kind sich außerhalb ihres Einflußbereichs begibt. Verschiedene Drohungen werden dem Kind gegenüber ausgesprochen. Natürlich schlagen diejenigen wie eine Bombe ein, die vom Kind als realistisch eingeschätzt werden. Seinem Entwicklungsstand entsprechend, sind es Drohungen, die mit Trennung und Verlust zu tun haben. Vieles wird gedankenlos dahingesagt, natürlich nicht wörtlich gemeint und vereinzelt ausgesprochen nicht folgenschwer. Oft wiederholt können aber solche Drohungen doch die Grundhaltung der Mutter ihrem Kind gegenüber zeigen: “Dann wirst du in den Keller gesperrt”, “Dann holt dich der Lumpensammler ab”, “Dann hast du gar keine Mama mehr”, “Dann bist du nicht mehr mein Kind”.
 
Weniger daß so etwas gesagt wird, ist wichtig.Vielmehr ist von Bedeutung, wenn es jemand sagt, dessen uneingestandener Haltung es entspricht, die vom Kind längst aufgenommen wurde. D.h., das Kind versteht sehr gut, daß es doch so gemeint ist. Für das Kind bleibt als Weltbild, daß es sich nur in Reichweite der Mutter überleben läßt.
 
Eine dritte Variante ist die Mutter, die mein Weggehen nicht überleben würde. Sie braucht jemanden, kann nicht allein sein. Da ich ihr Augapfel bin, muß ich bei ihr bleiben. Wiederum wird etwas Schreckliches geschehen, wenn ich in die Welt hinausgehe. Noch bin ich so ein kleiner Erdenmensch, der die Mutter braucht. Ihr Tod ist mein Tod. Also halten mich notfalls Angst und Panik zurück. Trennungsangst ist demnach eine wichtige Hilfe, um überleben zu können. Sie hilft mir, die für mich lebensnotwendigen Bedingungen aufrechtzuerhalten und mein emotionales Überleben zu sichern.
 
 
Die dritte und vierte Angst:
  • Angst, die Kontrolle über sich und die eigenen Impulse zu verlieren
  • Angst, die Kontrolle über die Situation oder die Reaktionen der anderen zu verlieren 
    ( Angst vor Kontrollverlust – Verlust der Kontrolle über andere Menschen oder über die Situation)
Gehen wir wieder in unserer eigenen Geschichte zurück. Als dreijähriges Kind gewinne ich Kontrolle über meine Impulse. Wenn ich Hunger habe, muß ich nicht gleich essen, kann schon ein bißchen warten. Wenn mich die Blase drückt, kann ich noch warten, bis ich auf dem Klo angekommen bin. Mein Handeln ist nicht mehr unmittelbar durch das gerade vorherrschende Bedürfnis bestimmt. Ich kann z.B. meinen Wunsch, ein Spielzeug haben zu wollen, schon in Verhandlungen mit dem Vater einbringen. Eine mir angemessen erscheinende Gegenleistung soll ihn dazu bewegen, mir das Spielzeugauto zu kaufen, z.B. an drei Tagen Mittagsschlaf halten oder einmal das ungeliebte Gemüse aufessen. Durch solche Verhandlungen gewinne ich Kontrolle über das Verhalten des anderen Menschen und dadurch über die gegenwärtige Situation. Ich kann das Verhalten des anderen steuern und bin weder meinen Bedürfnissen und Impulsen noch der Willkür des anderen ausgeliefert. Ich merke auch, wie die Eltern jetzt anders mit mir reden, wie sie davon ausgehen, daß ich einen Willen habe, daß ich ja oder nein sagen kann, wie ich es will. Ich kann selbst eine Entscheidung treffen. Mein Nein scheint die Eltern oft zu nerven, sie nennen das Trotz. Dabei muß ich doch ausprobieren, was so ein Nein alles bewirkt. Und vor allem, wie und wo ich überall Grenzen ziehen kann zwischen mir und meinen Eltern, wo ich bin, wo meine Eltern sind, und wo sie und ihre Bestimmung aufhören, weil ich da bin und selbst bestimme.
 
Kontrolle haben heißt also ein Mehrfaches: Ich nehme willentlich Einfluß auf meine Impulse, ich steuere und bestimme mich und mein Verhalten, bin meinen Impulsen nicht mehr ausgeliefert.
 
Ich nehme willentlich Einfluß auf den anderen Menschen, steuere sein Verhalten, bin seiner Willkür nicht mehr ausgeliefert.
 
Weder meine Impulse bestimmen mich und mein Verhalten, noch andere Menschen bestimmen mich, sondern ich selbst bestimme über mich und mein Verhalten. Mein Thema heißt also Kontrolle versus Ausgeliefertsein oder Selbstbestimmung versus Fremdbestimmung oder Macht versus Ohnmacht oder Kontrolliertsein versus unkontrolliertes Impulsivsein. Habe ich gerade hier durch die gewonnene Kontrolle ein unerträgliches Ausgeliefertsein beendet, habe ich mich durch Selbstbestimmung der Fremdbestimmung entledigt, habe ich mich mit Macht aus einer schrecklichen Ohnmacht befreit, habe ich durch Selbstdisziplin und Selbstkontrolle die schädlichen Auswirkungen meiner unkontrollierten Impulsivität verhindert, so muß ich Kontrollverlust fürchten als einen Rückfall in ein finsteres Zeitalter, dem ich mit Mühe entronnen bin.
 
Wenn Ausgeliefertsein eine permanente Unvorhersehbarkeit dessen bedeutet, was der andere Mensch jetzt gleich mit mir anstellen wird (Wird mir Gutes widerfahren oder Schlimmes? Meint er es jetzt gerade gut mit mir, oder werde ich Blitzableiter für seine Launen sein?)
 
- wenn Fremdbestimmung eine ständige Bestimmung gegen meine Wünsche ist, ein ständiges Frustrieren meiner Bedürfnisse, ein Unterbinden meiner eigenen Vorhaben
 
- wenn Ohnmacht bedeutet, daß ich wehrlos der Willkür und Laune des Mächtigen ausgeliefert bin und dieser seine Macht benutzt, um mir zu schaden
 
- wenn unkontrolliertes Impulsivsein bedeutet, daß ich unmäßige Aggressionen auf die Menschen loslasse, daß ich beschämend triebhaft handle, daß ich verrückt werde
 
- dann führt Kontrollverlust zur Apokalypse. Ich werde mitsamt meiner Welt untergehen.
 
Also muß ich alles tun, Kontrolle zu bewahren, dieses souveräne Gefühl, mich und die Situation, d.h., die anderen Menschen im Griff zu haben, so daß nichts Unverhersehbares durch mich oder mit mir geschieht.
 
Einige Beispiele:
 
Indem ich die Führung einer Gruppe übernehme, verhindere ich, daß jemand anders mich führt und kontrolliert. Indem ich Spielregeln aufstelle, verhindere ich, Regeln, die ein anderer aufstellt, unterworfen zu sein. Indem ich kritisiere, verhindere ich, daß der andere auf die Idee kommt, mich zu kritisieren. Indem ich überwache, ob der andere gegen Gesetze verstößt, verhindere ich, daß der andere meine Gesetzesverstöße überwacht. Indem ich Polizeifunktion einnehme, verhindere ich, daß der andere das tut.
 
Je schrecklicher ich meine eigene Ohnmacht empfinde, um so mehr Macht muß ich zu erringen versuchen. Wenn ich nicht die Macht über andere habe, bin ich ohnmächtig. Ich muß Macht haben, um überleben zu können. Haben die anderen die Macht, werde ich in meiner Ohnmacht umkommen. Das ist die Gefahr von außen.
 
Ebenso kann es gegen die unkontrollierbare Gefahr von innen gehen. Wenn ich durch Sport meinen Körper beherrsche, kann er nicht ungestüm die Herrschaft über mich erringen. Wenn ich mit festem Willen entscheide, können meine Bedürfnisse nicht mein Handeln bestimmen. Wenn ich mit klarem Verstand und Kalkül vorgehe, können meine Gefühle mich nicht überfluten. Wenn ich überzeugt und energisch für den Frieden kämpfe, können meine unzivilisierten Aggressionen nicht über mich kommen. Wenn ich autonom und kompetent bin, kann mich kein Bedürfnis nach Geborgenheit, nach Wärme oder Verständnis überkommen.
 
 
Die fünfte Angst: 
Angst vor Liebesverlust, Angst vor Ablehnung
 
Es ist ein Gefühl, alles verloren zu haben, den Boden unter den Füßen, die Luft zum Atmen, nichts und niemanden mehr zu haben. Das ist der Moment, in dem das Gefühl entstanden ist, die Liebe des wichtigsten Menschen zu verlieren. Dieses schreckliche Schicksal darf sich nicht wiederholen. Wenn nur die Liebe und Zuneigung des anderen mein emotionales Überleben gewährleisten, wenn ich ohne Liebe nicht leben kann, dann muß ich ein besonderes Warn- und Alarmsystem entwickeln, das mir bereits eine geringfügige Abnahme von Zuneigung auf drastische Weise meldet. Geringste Anzeichen des Unmuts beim anderen muß ich wahrnehmen, weitest mögliche Harmonie muß ich herstellen. Solange ich diese psychische Schwerarbeit nur mit meiner wichtigsten Bezugsperson leisten muß und ich nur mit dieser absolute Harmonie bewahren muß, bleibt mein restliches Leben noch relativ unbeschwert.
 
Meistens verallgemeinert sich diese ängstliche Haltung, z.B. müßten mich alle Bekannten und Kollegen unbedingt mögen oder noch weitergehend, nicht einmal bei einem Menschen, dem ich nur ein einziges Mal begegne und den ich vermutlich nie wiedersehen werde, kann ich es aushalten, daß er unmutig oder ärgerlich auf mich reagiert. Ich würde am liebsten sofort alles Erdenkliche tun, damit wieder Versöhnung und Frieden eintreten. Selbst bei einer bagatellhaften Meinungsverschiedenheit wie “Wer von uns beiden hat als erster den Bäckerladen betreten und bekommt seine Brötchen zuerst?”, darf die Überzeugung, ganz sicher zuerst dagewesen zu sein, nicht kundgetan werden, da sie wahrscheinlich Unmut beim anderen auslöst.
 
Die Angst vor Liebesverlust bestimmt bei manchen Menschen völlig ihren Umgang mit anderen Menschen. Was sie tun, tun sie, um gemocht zu werden. Was sie nicht tun, unterlassen sie, weil sie fürchten, dann nicht mehr gemocht zu werden.
 
Gleich den anderen zentralen Ängsten ist auch die Angst vor Liebesverlust ein Erbe der ersten Lebensjahre, ein Erbe der Störung der frühen Eltern-Kind-Beziehung. Als Kind wurden zwei grundlegende Erfahrungen gemacht:
 
1. Ich brauche unbedingt die Liebe meiner Mutter, bzw. meines Vaters zum Überleben.
 
2. Wenn ich etwas tue, das den Unmut der Eltern auslöst, werden sie mir ihre Liebe entziehen, vielleicht auf immer.
 
Eltern, die durch ihr Verhalten ihre Liebe zu einer so kostbaren Rarität machen, daß das Kind ständig um sie kämpfen muß, lassen diesen emotionalen Überlebenskampf des Kindes zu einer tief in seine Seele eingeprägten Grunderfahrung werden, die als existentielle Bedrohung das Damoklesschwert des künftigen Lebens bleibt.
 
Entscheidend dabei ist, daß das Wohlverhalten des Kindes entscheidet, wieviel oder wie wenig Liebe es erhalten wird. Dem Kind wird die Verantwortung zugeschoben, sich das, was sein selbstverständliches Recht ist, nämlich die Liebe der Eltern, immer wieder erarbeiten zu müssen. Diese elterliche Haltung ist ein durch nichts zu rechtfertigender Machtmißbrauch. Eltern haben kein Recht, dem Kind das vorzuenthalten, was es zum Leben braucht; so wenig wie ein Landbesitzer den Oberlauf des Flusses, der durch sein Gebiet fließt, absperren darf, so daß für die Siedler am Unterlauf des Flusses nur noch das trockene Bachbett bleibt und ihre Ländereien verdorren.
 
Elternliebe ist nicht das Eigentum der Eltern, mit dem sie Willkür und Macht ausüben können. Das Weiterfließen der Elternliebe zum Kind ist die Bestimmung dieses Gefühls. Elternliebe ist ein Gefühl, das diesen nur geliehen wurde, um es an ihre Kinder weiterzugeben. Es ihnen vorzuenthalten, ist Hinterziehung und Nötigung in einem. Die Eltern kommen durch das Fließen der Liebe ebenfalls in den Genuß dieses Vorgangs. Einigen Eltern mag jedoch die Lust der Macht über das Kind genüßlicher erscheinen, die sie durch das Vorenthalten der Liebe und diese ungute Art der Einflußnahme auf das Kind verspüren.
 
Andere Eltern fühlen sich entleert durch die Gefühle, die sie ihrem Kind geben sollen. Sie haben selbst zuwenig davon bekommen. Sie sind selbst noch bedürftig, brauchten noch mehr davon. Und noch ehe sie selbst genug zum eigenen Überleben haben, sollen sie schon wieder etwas davon abgeben. Ihr Geiz an Elternliebe wird verständlich durch die eigene Armut. Eine Mutter kann nicht mehr geben, als sie hat. Doch das, was sie hat, sollte sie gerecht mit ihrem Kind teilen, so daß es für beide gleichermaßen zum Überleben reicht. Wenn es auch für beide nur eine Notration ist. Natürlich kann der Vater dem Kind auch Liebe geben. Doch ist Mutterliebe vor allem in den ersten drei Lebensjahren nicht austauschbar. Dann ist es die familiäre Aufgabe des Vaters, dafür zu sorgen, daß es der Mutter gut geht, daß sie nicht durch ihn in einen weiteren Mangel an Liebe gerät. Wenn er die Beziehung zu seiner Frau so strapaziert, daß sie durch die ständigen ehelichen Auseinandersetzungen seelisch geschwächt wird, so richtet er damit Schaden am Kind an. Er nimmt der Mutter dadurch die Liebesfähigkeit, die sie für das Kind gebraucht hätte. Beobachtungen der Interaktion zwischen Säugling und Mutter (Stern,1991, siehe auch Dornes, 1993) weisen darauf hin, daß die Mutter nicht ohne weiteres durch den Vater ersetzbar ist. Sicher kann im zweiten Lebensjahr ein mütterlicher Vater die Mutter ersetzen. Dann ist aber die Frage, wie der Wechsel der Bezugsperson ohne Schädigung des Kindes vonstatten gehen kann. Mit einem Jahr ist gerade nach langer Aufbauarbeit eine stabile Beziehung zur Mutter und Bindung an die Mutter entstanden. Wenn diese dann plötzlich ganztags in ihren Beruf zurückkehrt und statt ihrer der Vater, der selbst bisher ganztags gearbeitet hat, die mütterlichen Aufgaben übernimmt, so entsteht trotz bester Versorgung ein Riß in der Beziehung zur Mutter. Trotzdem wird eine solche Lösung immer noch die beste sein, neben der im Haushalt lebenden Großmutter, die von Geburt an das Kind mitbetreut hat, wenn für die Mutter ihr Beruf so unaufschiebbar ist. Über die bleibenden Schädigungen durch Tagesmütter, in deren Haus das Kind abtransportiert wird, braucht in diesem Zusammenhang gar nicht erst gesprochen zu werden.
 
 
Die sechste Angst: 
Angst vor Gegenaggression
 
Vergegenwärtigen wir uns wieder unsere Kindheitssituation. Als vierjähriger Junge, gerade ein Meter groß, stehe ich voll Zorn vor meinem Vater, um ihm wutentbrannt meine ärgerlichen Worte ins Gesicht zu schleudern, so daß ihn mein Zorn trifft wie das Schwert des Erzengels. Doch der Blitz meiner Augen trifft nur auf die Höhe seines Hosengürtels. Ich suche Blickkontakt und muß dazu meinen Kopf weit zurücklehnen, so daß ich fast das Gleichgewicht verliere. Schon habe ich meine Standfestigkeit eingebüßt. Und schon merke ich wie sehr dieser Riese mir körperlich überlegen ist. Schon bin ich gezwungen, meine bisherigen Erinnerungen mit diesem Riesentier zu Rate zu ziehen. Wieviel Aggressivität konnte ich mir bisher leisten, ohne daß er zum Gegenschlag ausholte? Wie stumpf muß mein Schwert sein, damit er es mir nicht aus der Hand reißt und gegen mich richtet? Wenn er in der Vergangenheit mal explodierte und seinen Ärger an mir ausließ, wie vernichtend und lebensbedrohlich waren diese Überfälle? Je nach meinen bisherigen Erfahrungen mit diesem Riesen wird sich zu meinem Zorn aus meinen Erinnerungen heraus immer mehr Angst gesellen. Unter Umständen schwemmt die Angst meine ganze Wut weg, ich werde kleinlaut und weinerlich.
 
Vielleicht hält der naturgegebene Instinkt des wohlwollenden Umgangs mit kindlichen Reaktionen beim Menschen einfach nicht lange genug. Gäbe es nicht Tierarten, wie z.B. die Elefanten, bei denen die Kindheit auch jahrelang dauert, so könnte man schließen, daß der Mensch durch die extrem lange Dauer bis zu seinem Erwachsenwerden eben die von der Natur vorgegebenen Gesetzmäßigkeiten sprengt. Es ist aber wiederum eher die durch soziales Lernen bedingte große Variabilität von Eltern- und Kindverhaltensweisen, die es so schwer macht, eine gute universelle Elternhaltung über die Generationen hinweg zu entwickeln und beizubehalten. Viele bisherige pädagogische Strömungen zeichneten sich gegenüber ihren Vorgängern lediglich durch ein Anderssein aus, nicht aber dadurch, daß sie besser waren. So bleibt uns nur übrig, die Nachteile der gegenwärtigen elterlichen Haltungen zu beklagen. Zwar sind es häufig oft Fehlhaltungen, meines Erachtens bringt es aber nur einen Wechsel der Nachteile, wenn man wissenschaftlich begründete “Erziehungsstile“ dagegensetzt. Es bleiben nur zwei Maximen elterlichen Verhaltens: Liebe und Vorbild.
 
Die Gegenaggression des Vaters, der sich durch den kleinen, harmlosen Zorn seines vierjährigen Sohnes angegriffen fühlt und über diesen ein wütendes Unwetter ergehen läßt, das Todesangst beim Kind auslöst, ist ein folgenschweres Fehlverhalten, das leicht unterlassen werden könnte. Der Vater bräuchte sich nur zu vergegenwärtigen, daß von einem vierjährigen Kind keinerlei körperliche Bedrohung ausgeht, daß wütende Worte des kleinen Kindes noch keinen Anstandsregeln entsprechen müssen und den Vater in seinen Selbstwertgefühlen auch nicht verletzen können. Der Vater könnte versuchen, das Kind zu verstehen, zu begreifen, was er ihm angetan hat, ohne es vielleicht zu beabsichtigen. Dabei ist entscheidend, daß das kindliche Weltbild noch viel unrealistischer ist als das des Erwachsenen. Das Kind kann die Ereignisse eben nur seinem Entwicklungsstand gemäß wahrnehmen und begreifen. Ihm seine Weltsicht als falsch und irrig vorzuhalten, um ihm zu sagen, wie es in Wirklichkeit ist, heißt, das Kind in seinem Vertrauen zu sich selbst zu erschüttern und ihm das Recht auf seine Gefühle abzusprechen. Ein Kind hat ein uneingeschränktes Recht auf seine Wut, die aus seinem Verständnis elterlichen Verhaltens resultiert. Weder das Wegreden noch das Wegschimpfen oder Wegschlagen seiner Gefühle ist ein Verhalten, das sich für Eltern geziemt.
 
Also hat mein Vater die Aufgabe, Zielscheibe für meinen kindlichen Zorn zu sein, seine dicke “Haut” ankratzen zu lassen, mich dadurch zu bestätigen. Und es dauert ja auch nicht lange, bis ich meinen Ärger ausgedrückt habe, vielleicht nur eine Minute, aber für meine Entwicklung ist eseine sehr wichtige Minute. Ich fühle mich ernst genommen in meinem Zorn. Ich erfahre, wie mein Zorn auf andere wirkt. Und ich erfahre, daß ich etwas bewirke mit meinem Gefühlsausdruck. Kaum ist der Ärger ausgesprochen, ist wieder Versöhnlichkeit bei mir da. Für den Vater eine Geschichte, die nicht der Rede wert ist, für uns beide gut, wenn er es so kann. Muß er mich aber mit einem Erwachsenen verwechseln und erwachsene Maßstäbe anlegen, mich niedermachen, so muß ich mein Leben lang Angst vor Gegenaggression behalten, werde es nie schaffen, für meine Interessen angemessen einzutreten und zu kämpfen.
 
 
Die siebte Angst: 
Angst vor Hingabe
 
Wenn ich nicht in mir den Impuls hätte, etwas zu tun, so brauchte ich keine Angst davor zu haben, daß es geschieht. Wenn ich also Angst vor Hingabe habe, so ist diese für mich verlockend, oder ich sehne mich gar danach. Ich würde mich hingeben wollen, wenn da nicht etwas Bedrohliches lauerte.
 
Doch gibt es auch Menschen, die fragen “Hingabe, was ist das ? Kenn ich nicht, brauch ich nicht!” Es kann tatsächlich sein, daß sie sich auf stählernes Funktionieren und Meistern des Lebens eingestellt haben, daß sie so etwas wie Hingabe nur aus dem Konzept bringen würde. Sie könnten möglicherweise nach solch einem “Schwachwerden” nicht wieder kraftvoll Fuß fassen auf ihrem sicheren Pfad durchs Leben.
 
Hingabe setzt das Vertrauen zu dem Menschen voraus, dem ich mich in meinen Gefühlen hingebe. Vertrauen darauf, daß er mich mir wieder zurückgibt. Hingabe setzt Selbstvertrauen voraus, Selbstvertrauen darauf, daß ich wieder herausfinde zu mir selbst, wieder ein ganzes, abgeschlossenes Selbst werde, wieder zu mir komme.
 
Der Mensch, der es mit Mühe geschafft hat, sich von den Eltern abzulösen, sich aus der Abhängigkeit von ihnen zu befreien, dem elterlichen Zugriff durch Selbständigkeit und Selbstbestimmung Grenzen zu setzen, vielleicht einem Klima emotionalen Mißbrauchs zu entkommen, wird unter Umständen mit Hingabe ein Ausgeliefertsein, ein Bemächtigtwerden, Vergewaltigtwerden, einen Selbstverlust assoziieren, der jegliche Errungenschaft der bisherigen Entwicklung wieder zunichte macht.
 
Wer Angst vor Hingabe hat, blickt unter Umständen, ohne es zu wissen, auf eine Geschichte von Vertrauensbruch zurück. Noch ganz abhängig von den Eltern, noch ganz darauf angewiesen, von diesen Bedürfnisbefriedigung zu erhalten, bestand damals bei ihm eine große Bereitschaft, sich dem Vorgang dieser Befriedigung hinzugeben. Der Zeitpunkt der Bedürfnisbefriedigung ist der Punkt der größten Hingabe, aber auch der größten Verletzbarkeit, der größten Wehrlosigkeit. Die Störung dieses Moments kann zur größten Frustration, aber auch zur größten Bedrohung werden.
 
In unserer Gesellschaft, die Selbstbehauptung, Selbständigkeit und Selbstverwirklichung als höchste Werte ansieht, als Errungenschaften, deren Verlust Abstieg bedeutet, ist ein Sich hingeben eher mit Schwäche verbunden, mit einem altmodischen Romantizismus, von dem sich die moderne junge Frau und der moderne junge Mann distanzieren müssen. Und wenn, dann soll Hingabe heimlich geschehen, um keine Scham entstehen zu lassen vor denen, die Hingabe abwerten.
 
Sexuelle Hingabe ist nicht immer gewährleistet, auch wenn liebende Hingabe in einer Beziehung zwischen Mann und Frau erfolgt. Der weibliche Körper mit seinem sexuellen Verlangen, mit seinem Drängen nach sexueller Lust und nach deren Steigerung bis zum Orgasmus ist durch die Kindheit und Jugend vieler Frauen tabuisiert. Es sind oft nur einige Jahre der Jugend oder des frühen Erwachsenenalters, die der Frau für die Blüte ihrer körperlichen Weiblichkeit bleiben - etwa von zwanzig bis dreißig Jahren. Statt diese Jahre zum Auftakt einer lebenslangen Kultivierung der Kunst der körperlichen Liebe zu machen, der zu wachsender erotischer Genußfähigkeit und Kreativität führt, wird körperliche Hingabe verwechselt mit Hergeben des Körpers als Preis an den Mann, der dafür bereit wird zu einer emotional-geistigen Beziehung. Dieser Preis ist immer zu hoch und die dahinter sich versteckende Einstellung zur Liebe als eigentlich körperloser entwertet sowohl die weibliche als auch die männliche Körperlichkeit und schafft die Voraussetzung für die über Generationen von Frauen verbreitete Angst vor körperlicher Hingabe. Diese Angst führt zum Versiegen erotischer Impulse. Eventuell trotzdem weiterbestehende sexuelle Aktivitäten werden dann zur ehelichen Pflicht, die einen vielleicht verbliebenen Rest an sexueller Neugier nimmt.
 
Mannsein und Hingabe scheint sich noch weniger auf einen Nenner bringen zu lassen. Wie soll das gehen, kraftvoll und aktiv sein und sich hingeben? Hingabe ist doch die Aufgabe der Frau, ist doch Ausdruck des Weiblichen! Je mehr eine Frau sich hingeben kann, um so weiblicher erscheint sie dem Mann. Je weniger ein Mann es geschafft hat, zu seiner männlichen Identität zu finden, um so mehr muß er fürchten, wieder zum Knaben zu werden. Er muß sich mit äußeren Männlichkeitssymbolen schmücken, um ja nicht mit einem Knaben verwechselt zu werden. Die Art zu sprechen, sich zu bewegen, zu kleiden, das bevorzugte Getränk, die Zigarette, die Automarke usw. Dies alles sind Schuhlöffel, die helfen sollen, in den Männerschuh hineinzukommen. Zugleich sind es natürlich bewährte Hausmittelchen gegen die Krankheit, die sich Hingabe nennt.
 
Hingabe bedeutet bei diesen Männern nicht nur die Gefahr, nicht wieder zu sich selbst, in eine willentliche Steuerung ihrer psychischen und körperlichen Funktionen zurückzufinden, sondern auch ihre Männlichkeit zu verlieren, bzw. als einer entlarvt zu werden, der noch nie wirklich männlich war.
 
Ein Mann, der männlich ist, kann durch Hingabe seine Männlichkeit nicht verlieren. Seine Hingabe ist männlich, auch wenn er sich ganz und grenzenlos hingibt. Gerade in der Hingabe von Mann und Frau offenbart sie ganz ihre Weiblichkeit und er ganz seine Männlichkeit. Tatsächlich ist für die Frau ihre Hingabe der weiblichste Moment und für den Mann seine Hingabe sein männlichster Moment. Nur das, was in diesem Moment noch männlich ist, ist wirkliche Männlichkeit, alles andere ist gemachte oder vorgemachte.
 
Im sexuellen Bereich sind beim Mann Hingabe und Orgasmus weniger eng gekoppelt. Auch wenn sein Orgasmus ohne emotionale Hingabe ein rein physiologischer Reflex ist, der lustvolle Spannungssteigerung bis zum Orgasmus und nach dem Höhepunkt lustvolle Entspannung beschert. Deshalb wird die fehlende Hingabefähigkeit des Mannes nur selten problematisiert, obwohl sie eher häufiger ist als bei der Frau. Und aus den genannten Gründen sucht er auch weniger die Hingabe als die Frau, kommt also auch selten an jenen Punkt des Erlebens, an dem Angst vor Hingabe ins Bewußtsein tritt. Oder: Die Frau ist mutiger, nähert sich mehr der beängstigenden Situation und erlebt deshalb mehr Angst. Der Mann ist feiger, wagt sich nicht so weit vor und muß deshalb weniger Angst vor Hingabe erleben.
 
 
 
Literaturempfehlung
 
Hans-Ulrich Dombrowski: Angst erfolgreich überwinden. München: CIP-Medien (Ratgeber Angst)
 
Christoph Eschenröder: Selbstsicher in die Prüfung. München: CIP-Medien (Ratgeber Prüfungsangst)
 
Helmut Müller-Ortstein, Hans-Peter Baumeister: Mut zum Fliegen. München: CIP-Medien (Ratgeber Flugangst)
 
Serge K. D. Sulz: Als Sisyphus seinen Stein losließ - Oder: Verlieben ist verrückt. München: CIP-Medien
 
Serge K. D. Sulz: Praxismanual: Strategien der Veränderung von Erleben und Verhalten. München: CIP-Medien (mit Arbeitsblättern zur Angstbewältigung)
 
Serge K. D. Sulz: Von der Strategie des Symptoms zur Strategie der Therapie. München: CIP-Medien (mit Kapiteln über Angsttherapie)
 
Serge K. D. Sulz: Das Therapiebuch. München: CIP-Medien (mit 5 Kapiteln über Angsttherapie)
 
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