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Anamnese

Für die Verhaltenstherapie ist es erst seit der Einbeziehung kognitiver Faktoren üblich, die lebenslange Lerngeschichte des Patienten zu berücksichtigen, obwohl die Bedeutung kindlicher Lernprozesse unter anderem von Bandura (1979) schon sehr früh dargestellt worden ist. Das ursprüngliche Paradigma experimenteller Fundierung verhaltenstherapeutischen Vorgehens blendete differentialpsychologische Aspekte aus, sich auf die Wirkung der statistischen Durchschnittsbildung verlassend. Daß dies zwar bei wissenschaftlichen Gruppenuntersuchungen sinnvoll ist, aber bei der Behandlung des Einzelfalls eine inadäquate Vereinfachung darstellt, wurde früher von wissenschaftlichen Protagonisten der Verhaltenstherapie zum Teil negiert, wird aber heute allgemein anerkannt und muß vom praktisch tätigen Verhaltenstherapeuten regelmäßig in Erfahrung gebracht werden. Im Sinne einer „differentiellen Verhaltenspsychologie“ ist der Kliniker gezwungen, die besonderen Gegebenheiten durch Berücksichtigung der individuellen Lerngeschichte mit großer Aufmerksamkeit zu betrachten. 

 
Ein Mensch mit seiner individuellen Lerngeschichte ist demnach nicht mehr die unbeschriebene Black Box oder Organismusvariable O, sondern Person, Persönlichkeit, Individuum mit vielfältigen Besonder- und Eigenheiten und muß sowohl im Längsschnitt seiner Lebensgeschichte als auch im Querschnitt seines Eingebundenseins in den psychosozialen Kontext seiner Lebenssituation gesehen werden. Der heutige Verhaltenstherapeut beschränkt sich demnach nicht mehr auf die „Phobie“ oder den „Zwang“, wie man den Chirurgen nachsagt, statt dem Menschen nur die „Galle“ oder den „Blinddarm“ wahrzunehmen. Vielmehr ist die Therapie die Begegnung mit dem ganzen Menschen in seinen funktionalen Bezügen, seinem daraus resultierenden Erleben und Handeln. Die Kunst des Klinikers besteht dann darin, nicht von vorneherein in seiner Wahrnehmung selektiv nicht alles unmittelbar zum Symptom und seiner Genese Gehörende auszuklammern, sondern hypothesengeleitet von der Gesamtsicht des Menschen rasch und zielgerichtet zu einer Verminderung der Informationskomplexität bis hin zu einfachen heuristischen Modellen zu gelangen, die zu effektivem therapeutischen Handeln führen. Der Anfänger verfällt meist in zwei Fehler: Entweder flieht er zu schnell aus Angst, sich in der Komplexität der Information zu verlieren, zu verkürzten Störungsmodellen (z. B. das Ausmaß eines allgemeinen Stresses als plausibel genug empfindend, eine spezifische Störung zu entwickeln), oder er erliegt der Vielfalt der Informationen und kann sie nicht zu prägnanten Modellen komprimieren. Diesen Nöten kann ein Anamneseschema abhelfen, das entweder als Kombination von Patientenfragebogen (Kurzanamnese) und Nachexplorations-Interview-Leitfaden oder als kompletter Gesamtanamnese-Interview-Leitfaden verwendet werden kann. Im Anhang ist lediglich eine dieser Varianten dargestellt. In der standardisierten Frage-Antwort-Situation führt es bis zur Verhaltens- und Bedingungsanalyse und wird in den Diagnoseprozeß eingeordnet.
 
aus Sulz: Verhaltensdiagnostik und Fallkonzeption. München: CIP-Medien 2000