Alkoholismus
4.3.1 Forschungsergebnisse
Für den heutigen Kenntnisstand verhaltenstheoretischer Hypothesenbildung im Bereich des chronischen Alkoholismus gilt immer noch: „Eine Reihe von operanten und klassischen Konditionsvorgängen sind für den Suchtmittelmißbrauch relevant, können jedoch alleine das Phänomen nur unzureichend erklären. Drogen wie Alkohol oder Heroin wirken zunächst nicht unbedingt positiv verstärkend, können aber eine sekundäre positive Verstärkerwirkung aufgrund sozialer Kontingenz erhalten. Nach Überwindung anfänglicher Aversionen werden psychotrope Effekte als primäre positive Verstärkung wirksam. Sie liegen beim Alkohol einmal in der disinhibierenden Wirkung für sexuelle und aggressive Impulse, zum anderen in den möglicherweise zustandsabhängigen Lernerfolgen unter Rauschmitteleinfluß. Beides summiert sich zum Gefühl der subjektiven Kompetenz, die allerdings eine „Alkoholkompetenz“ ist und allein von der Erwartung, Alkohol genossen zu haben, ausgelöst werden kann. Im weiteren Verlauf der Suchtentwicklung spielt die negative Verstärkung als Selbstmedikation gegen Entzugserscheinungen und konditionierte Auslösung von subklinischen Entzugserscheinungen für die Empfindung eines unwiderstehlichen Verlangens eine entscheidende Rolle. Schließlich kumulieren sich diese Effekte im Rückfall nach einer Abstinenz. Sowohl das Gefühl der Insuffizienz gegenüber Streßsituationen als auch konditionierte Entzugserscheinungen geben den Anlaß dazu, die Lernerfahrungen mit der positiv und negativ verstärkenden Wirkung der Droge zu aktivieren. Schließlich führt der Drogenkonsum durch Dissonanz und interne Attribution der Schuld am Rückfall zu einer weiteren Schwächung der subjektiven Kompetenz und einer erhöhten Wahrscheinlichkeit, den einmal eingeleiteten Trinkexzeß weiter fortzusetzen.“ (Revenstorf und Metsch (1987, S. 142).
Für eine weitergehende detailliertere Betrachtung ist das Wissen über einige Teilkonzepte von Bedeutung:
a) Die biphasisch psychotrope Wirkung des Alkohols. Nach Doctor et al. (1966) wirkt Alkohol in kleinen Dosen stimulierend und in mittleren bis großen Dosen sedierend und eventuell deprimierend.
b) Die Entwicklung eines antagonistischen Prozesses. Nach der Zwei-Prozeß-Theorie Solomons (1980) setzt mit der Gewöhnung an Alkohol zusätzlich zu obigem (stimulierenden bzw. sedierenden) A-Prozeß immer früher ein unangenehme Gefühle (Entzugserscheinungen) hervorrufender B-Prozeß ein. Die Dauer wird mit häufigem Alkoholkonsum immer länger, so daß das nächste Trinken noch in die alte B-Phase fällt und deren negative Empfindungen reduziert. Schließlich dient Alkohol außer zur positiven Verstärkung (a) auch der negativen Verstärkung durch Beendigung des B-Prozesses.
c) Die Erwartung der erhofften Wirkung des Alkohols motiviert zum Trinken. Russell und Mehrabian (1975) fanden bei geringer Alkoholdosis eine Veränderung der affektiven Stimmungslage bzw. der affektiven Selbstwahrnehmung in Richtung positiv-aktiv-potent. Erst bei hoher Dosis veränderte sie sich in positiv-passiv-schwach. In Plazebo-Versuchen bewirkte bereits die Erwartung, mehr Aggressivität oder Sexualität verfügbar machen zu können bzw. zu dürfen, deren Zunahme (Wilson und Lawson 1976, Wilson und Abrahams 1977).
d) Erhöhte soziale Kompetenz wird durch Alkohol erwartet und zum Teil auch verfügbar: Alkoholkompetenz (George und Marlatt 1983) fanden, daß unter Alkohol vor allem im Kontaktbereich mehr soziale Kompetenzen verfügbar werden.
e) Gewöhnung oder Toleranzentwicklung ist nur zum Teil ein pharmakologisch-biochemisches Phänomen. Siegel (1978) fand, daß die Gewöhnung in einer fremden, von der gewohnten Trinksituation sehr verschiedenen Situation deutlich abgeschwächt wurde.
f) Die oft der körperlichen Gewöhnung zugeschriebenen eher guten kognitiven oder feinmotorischen Leistungen unter Alkohol sind teilweise auf den Vorgang des „zustandsabhängigen Lernens“ zurückzuführen - im Gegensatz zu Menschen, die keine Gewohnheitstrinker sind. D.h. sowohl im Gedächtnis gespeicherte Information als auch gelernte Fertigkeiten sind am besten in dem Zustand abrufbar oder ausführbar, in dem sie gelernt wurden. Dieser Vorgang ist auch bei Zuständen der Angst oder Depression beobachtbar.
g) Gier und Kontrollverlust treten am ehesten nach einer Zeit der Abstinenz oder des Mangels an zentralen emotionalen und sozialen Verstärkungen auf, die zum Teil nur unter Alkohol zu finden sind. Auch diese Gier ist nicht rein auf physiologischer Ebene erklärbar, sondern entsteht durch gelernte innere und äußere Auslöser mit deutlich affektiver Komponente. Der erste Schluck läßt die Gier anwachsen. Im Sinne eines Kontrollverlustes steigert sich das Trinken zum Trinkexzeß (Ludwig und Wikler 1974).
h) Zum Rückfall kommt es nach Marlatt und Gordon (1980) in fast 40% der Fälle durch Zustände inneren emotionalen Mißbefindens. In weiteren fast 60% sind verschiedene interpersonelle Auslöser, soziale Konflikte oder sozialer Druck Rückfall auslösend. Nur bei 3% führen positive soziale Ereignisse zum Rückfall.
i) der erlebte Abstinenzverletzungseffekt führt nach Marlatt und Gordon (1980)
1. durch die kognitive Dissonanz zwischen dem Selbstbild „es geschafft zu haben, trocken zu sein“ und dem Rückfallverhalten zu einer affektiven Spannung, die durch Weitertrinken gelindert wird.
2. Im Gegensatz zur „nassen Selbstlüge“ wird der Rückfall internal attribuiert und als der eigenen Unfähigkeit gewertet, es jemals zu schaffen Dies endet in einem Standardgefühl der Aussichtslosigkeit, das nur unter Alkohol ertragen werden kann.
k) Als häufig unbeachtete Vorläufer eines Rückfalls gibt Schneider R. (1985) eine unausgeglichene Lebensgestaltung des trockenen Alkoholikers an, in der die Wünsche und Bedürfnisse des Patienten zu kurz kommen und unterschwellig drängender werden. Ohne sich dessen bewußt zu sein, kommt es dadurch zu einer Serie von scheinbar „unwesentlichen Entscheidungen“, die immer näher an den Rückfall heranführen: „Wein für eventuelle Gäste zu kaufen; mal wieder bei einem Bekannten vorbeizuschauen, der gerne und viel Alkohol trinkt; die Selbsthilfegruppe nur diese Woche nicht zu besuchen, wo man doch schon so viele Pflichten erledigt hat...“ (a.a.O. S. 63).
Damit können wir nun ein Bedingungsmodell des chronischen Alkoholismus betrachten.
4.3.2 Ein Erklärungsmodell des Alkoholismus
Auslösende Situation S
Den Kontext bildet eine permissive Kultur, in der alkoholische Getränke einen positiven Stellenwert haben. Entscheidend sind jedoch individuell spezifische emotionale innere Befindlichkeiten, d.h. eine innere Situation, gegen die Alkohol und andere Hilfsmittel eingesetzt werden. Nicht allgemeiner Streß, sondern nur spezifische Streßsituationen sind Auslöser für das Trinken. Auch die zwischenmenschlichen Beziehungen sind spezifisch. Die emotionale Abhängigkeit von der Bezugsperson ist so groß, daß keine konstruktive Problemlösung gewagt werden kann. Sich Durchsetzen würde die Beziehung gefährden. Trinken macht den unbefriedigenden Aspekt der Beziehung erträglich und verschafft zugleich Trost und Ersatzbefriedigung. Andererseits sind bestimmte sozial kompetente und sozial erfolgreiche Verhaltensweisen nur unter Alkohol erreichbar. Wenn in einer Situation dieses Verhalten sehr wichtig ist und dringend benötigt wird, muß zum Alkohol gegriffen werden. Dabei ist einerseits die Verfügbarkeit von Alkohol entscheidend, andererseits die bekannte oder vermutete Werthaltung des sozialen Umfeldes in Bezug auf Alkohol, d.h. wie sehr die negativen Wirkungen des Alkohols auffallen bzw. von anderen toleriert werden. Manche Bezugspersonen fördern als Co-Alkoholiker durch ihre unendlich große Geduld und Toleranz den chronischen Alkoholismus.
Person, Organismusvariable O
Persönliche Disposition:
Betrachtet man die persönlichen Fähigkeiten, so wird die fehlende soziale Kompetenz entweder als Defizit oder als neurotische Hemmung deutlich. Insbesondere fehlen wirksame Streßbewältigungsmechanismen. Im emotionalen Bereich besteht eine Unfähigkeit, mit negativen Gefühlen umzugehen, d.h. z.B. schmerzliche Gefühle auszuhalten, auszudrücken oder sie als Motiv für bewältigendes Verhalten zu nutzen. In der Selbstwahrnehmung zeigt sich nüchtern ein Erleben von Inkompetenz, unter Alkohol ein Erleben von Kompetenz (Alkoholkompetenz). Mit dem Trinken wird soziale Verstärkung erhofft und teilweise geholt, denn einige Verhaltensweisen unter nicht so hohen Dosen Alkohol sind sozial erfolgreicher als im nüchternen Zustand. Die körperlichen Voraussetzungen der Alkoholverträglichkeit müssen gegeben sein, damit Alkohol als Problemlösungsstrategie ausgewählt wird. In der Lerngeschichte von Alkoholikern finden sich Vorbilder, die als Modell dienen, unter Alkohol „ein starkes“ Verhalten zeigten oder wegen etwas anderem bewundert wurden und relativ hohen Alkoholkonsum hatten, eventuell ohne selbst süchtig geworden zu sein.
Der Teufelskreis des Alkoholikers:
Die Wahrnehmung eines Selbstwertmangels führt zu negativen Standardgefühlen (Revenstorf und Metsch 1987), die beim Alkoholiker verhaltenssteuernde Signale für Trinkverhalten sind, da er sie ohne Alkohol nicht lange aushält. Alkohol hat dann eine dreifache Wirkung erzeugt:
a) Linderung des quälenden Selbstbefindens,
b) Änderung der Selbstwahrnehmung in Richtung eines Empfindens von Selbsteffizienz als zentralen Aspekt des Selbstwerterlebens,
c) Aufheben der sozial hemmenden Überlebensregel und der verinnerlichten Norm, die im nüchternen Zustand durch Schuldgefühle zu Wunscherfüllung und Bedürfnisbefriedigung führen.
Der Teufelskreis besteht in folgender Sequenz:
Nüchtern Mangel an Selbsteffizienz
Dysfunktionale Überlebensregeln und sozial hemmende Normen
Alkoholkompetenz
Trinken
Die Reaktionen R des chronischen Alkoholikers
Einer der oben genannten spezifischen Auslösesituationen ist der zu chronischem Alkoholismus disponierte Mensch psychisch nicht gewachsen. Es entstehen Angst oder Streßerscheinungen mit der Selbstwahrnehmung des Versagens oder mit Vermeidungsverhalten (Abbildung 17). Diese Wahrnehmung unzureichender Selbsteffizienz und -kompetenz führt als durch die Lerngeschichte konditionierte Reaktion zu den individuell typischen Standardgefühlen, z.B. des Selbstunwerts. Ebenfalls individuell konditioniert ist die Tendenz, solche unangenehmen Gefühle nicht als verhaltenssteuernde Signale für effiziente Bewältigungsstrategien zu nutzen, sondern um sich den Wunsch und die Erwartung nach Entlastung durch abhängiges Verhalten zu erfüllen. Bei gleichzeitig vorhandener depressiver Verstimmung wegen quälend geringem Selbstwertgefühl summiert sich das Bedürfnis nach Entlastung zu einem Entlastungsdruck, der alternative Verhaltensweisen nicht mehr zuläßt, sondern in das süchtige Trinkverhalten mündet.
Die primär somatischen Entzugserscheinungen werden mit der gewohnten Trinkumgebung assoziiert, so daß die typischen Trinksituationen fortan zusätzlich konditionierte Entzugserscheinungen hervorrufen und als diskriminative Stimuli zum Suchtverhalten führen. Die anfänglich zahlreichen Bemühungen, durch eigene Selbstkontrollmechanismen vom Mißbrauch und später vom Suchtverhalten wegzukommen, scheitern nicht zuletzt daran, daß diese Selbstkontrolle das Gegenteil bewirkt, nämlich einen generellen Verstärkerentzug: sich lieber gar nichts gönnen und Pflichten erfüllen, bis der Bedürfnisstau zu gierigem Rückfall führt. Bald werden die erfolglosen Selbstkontrollmechanismen so aversiv, daß sie vermieden werden und stattdessen „nasse Selbstlügen“ das Unterlassen weiterer Selbsthilfeversuche rechtfertigen. Das Trinkproblem wird verleugnet oder erheblich bagatellisiert. Die Verantwortung wird anderen zugeschoben. Mit dem Trinken werden andere bestraft. Schließlich wird auch die Selbstbeobachtung und Selbstaufmerksamkeit vermieden, da sie nur zu einer Intensivierung der negativen Standardgefühle führen würden.
Die das Suchtverhalten aufrecht erhaltenden Konsequenzen C
Kurzfristig positiv verstärkend wirkt Alkoholkonsum durch seine gemäß dem biphasischen Prozeß beschriebene anfänglich stimulierende und euphorisierende bzw. berauschende Wirkung und durch seine nachfolgende sedierende/entspannende Wirkung. Ebenfalls positiv verstärkend ist die Vergrößerung der sozialen Kompetenz bzw. des Kompetenzgefühls (Alkoholkompetenz). Negativ verstärkend wirkt die Beendigung oder das Nachlassen von Angst, Streßphänomenen, den negativen Standardgefühlen oder einer eventuellen depressiven Verstimmung. Als negative Verstärkung wirkt, wenn die Sucht bereits vorhanden ist, das Verschwinden der Entzugserscheinungen durch den Alkoholkonsum (Abbildung 17). Die Toleranzentwicklung hat neben dem unangenehmen Effekt, daß obige positive Konsequenzen durch zunehmende Alkoholmengen herbeigeführt werden müssen, auch die positive Folge, daß im Sinne eines zustandsabhängigen Lernens zahlreiche für den Alltag erforderliche Fähigkeiten erhalten bleiben, das Trinken also nicht zu früh auffällt und deshalb die aversiven Reaktionen der sozialen Umgebung geringer oder verzögert auftreten. Allerdings verringern die vergrößerten Alkoholmengen schließlich doch die objektive Fähigkeit, die Situation zu kontrollieren, was subjektiv aber nicht wahrgenommen wird und sowohl zur Auffälligkeit führt als auch zum Gegenteil des Intendierten: mehr Kontrolle über schwierige Situationen durch Alkoholkompetenz zu gewinnen.
Beim Rückfall ist diese Kontrollverminderung in einem sich aufschaukelnden Prozeß von Gier und Kontrollverlust ein schwer zu bremsender Mechanismus. Hinzu kommt beim Rückfall die demoralisierende Wirkung des Abstinenzverletzungseffekts: Die affektive Spannung, die durch die kognitive Dissonanz zwischen dem trockenen Selbstbild und dem Rückfallverhalten entsteht, kann nur durch Alkohol abgebaut werden. Im Moment des Rückfalls ist die „nasse Selbstlüge“ nicht wirksam, der Rückfall wird ausnahmslos internal attribuiert und führt zum Empfinden der Hoffnungs- und Hilflosigkeit und der Depressivität und läßt einen Durst nach Entlastung von diesen unerträglichen Gefühlen entstehen. Als Konsequenz des Trinkverhaltens muß auch die körperliche Verträglichkeit von Alkohol berücksichtigt werden. Unverträglichkeit verhindert die Auswahl von Alkohol als Selbsthilfestrategie.
4.3.3 Formulierung der Verhaltensanalyse des chronischen Alkoholismus
Formulierung der Bedingungsanalyse (Makroebene)
S: Symptomauslösende Aspekte der Lebenssituation kurz vor Beginn der Erkrankung
Spezifische Streßsituationen, spezfische Beziehungen (emotional abhängig), permissives Umfeld
O: Person
fehlende soziale Kompetenz, Unfähigkeit, mit Gefühlen umzugehen, Lernen am Modell, im nüchternen Zustand Erleben von Inkompetenz
R: Reaktionen
Angst, Streß, Vermeiden, Versagen, negatives Standardgefühl, unkontrollierter Alkoholkonsum
C: Symptomaufrechterhaltende Konsequenzen des Trinkens
psychotrope Wirkung, Alkoholkompetenz, Entzugserscheinungen, Abstinenzverletzungseffekt
Fallspezifische Formulierung der Verhaltens- und Bedingungsanalyse (Makroebene)
Lebenssituation S, in der die Erkrankung entstand: Frau E. hat drei Kinder und einen Mann, der sie schlägt, ständig abwertet und immer etwas findet, was sie falsch gemacht hat. Sie muß ihren pflegebedürftigen Vater versorgen, der sie immer noch wie ein Tyrann herumkommandiert, wenn sie zu ihm ins Haus kommt, um ihn zu versorgen.
Person O: Frau E. konnte sich noch nie wehren. Eltern, Geschwister und andere Kinder, später auch Erwachsene traten auf ihr herum. Sie machte viele Fehler und erreichte es nie, geschätzt und spürbar geliebt zu werden. Ihr Vater hat bis heute einen schädlichen Gebrauch von Alkohol.
Reaktionen R: Auch ihrem Mann gegenüber konnte sie sich nicht zur Wehr setzen. So blieb sie auf den schrecklichen Gefühlen des Mißhandelt- und Mißachtetwerdens sitzen, bis sie merkte, daß der Alkohol diese Gefühlsqualen merklich linderte. Vor allem seit sie den Vater pflegen muß (seit 3 Jahren), hat der Alkoholkonsum so zugenommen, daß eine Alkoholabhängigkeit entstand.
Konsequenzen C: Frau E. kann mit Hilfe des Alkohols ihr eigentlich unerträgliches Schicksal ertragen. Sie schafft es dadurch, die Partnerschaft, die Kinder, das Hausfrauendasein und ihren Vater zu erdulden, ohne etwas ändern zu müssen. Sie vermeidet emotional an einen Punkt zu kommen, an dem nur noch massives Handeln gegenüber ihrer Umwelt möglich ist und ihr dadurch das genommen werden könnte, was ihr wenigstens ein, wenn auch erbärmliches Dasein ermöglicht.
Formulierung der Verhaltensanalyse (Mikroebene)
Eine typische Situation S:
Zunächst sind es spezifische Streß- oder Frustrationssituationen wie persönliches Versagen, Zurückweisung, Kritik. Später dient jede Streßsituation als willkommener Anlaß, das dadurch entstehende negative GEfühl bzw. die negative Selbstwahrnehmung durch Alkohol zu betäuben, Wohlbefinden und ein Kompetenzgefühl zu erzeugen.
Person O:
Es fehlt sowohl die Fertigkeit, die anstehende Situation so zu meistern, daß eine Selbsteffizienzerfahrung resultiert, als auch die Fertigkeit, ausbleibenden Erfolg emotional aufzufangen. Im fortgeschrittenen Stadium besteht konditionierter Entzug und es ist zu Toleranzentwicklung gekommen.
Reaktionen R:
Nur kurz blitzt Verteidigungs- oder Angriffswille auf - oder die Tendenz, es trotzdem schaffen zu wollen und sich durchzubeißen. Dann erschlafft die Aktionstendenz, fällt in sich zusammen und das unwerte Häufchen Elend quält sich mit dem stattgefundenen Versagen und der eigenen Inkompetenz herum, bis Alkohol das negative Gefühl betäubt.
Konsequenzen C:
Alkohol bringt negative Gefühle zum Verschwinden (negative Verstärkung) und schafft ein Erleben von Kompetenz (positive Verstärkung).
Fallspezifische Formulierung der Verhaltensanalyse (Mikroebene)
Typische Situation S: Frau E. kommt verspätet von der Pflege ihres Vaters zurück. Ihr Mann ist etwas früher von der Arbeit heim gekommen. Er empfängt sie laut schimpfend, was sie für eine Schlampe sei, den Haushalt so unaufgeräumt zu hinterlassen und die Kinder hätten auch noch nichts zum Essen bekommen. Wozu er sie denn habe. Zuletzt verabreicht er ihr noch eine schmerzhafte Kopfnuß.
Person O: Frau E. hat kein Selbstvertrauen, ihr fehlt die Erfahrung von Selbsteffizienzund ihr fehlen auch Fertigkeiten im meisternden Umgang mit aversiven Gefühlen und im kognitiven Problemlösen sowie in der sozialen Interaktion, zuletzt aber auch im Leistungsbereich.
Reaktonen R: Frau E. rechtfertigt sich, daß der Arzt da war und sie ihm bei der Untersuchung ihres Vaters behilflich sein mußte. Sie weint etwas, worauf ihr Mann noch ausfälliger wird. Schließlich schließt sie sich in der Küche ein und trinkt sofort eine halbe Flasche Wein, den Rest im Verlauf des Abends.
Konsequenzen C, die das Trinken aufrecht erhalten: Recht schnell empfindet sie das Verhalten ihres Mannes nicht mehr so schlimm. Er kann ihr doch egal sein. Sie macht jetzt , was sie will. Am Trinken kann er sie schließlich nicht hindern. Das ist ihr Triumph. Und sie fühlt sich stark dabei. Insgesamt sind das sehr verstärkende Folgen des Trinkverhaltens.
3. Formulierung der Funktionsanalyse:
Die Funktion des Trinkens ist oft, über die Unfähigkeit hinwegzutäuschen, absolut notwendige Änderungen im eigenen Verhalten, in den wichtigen zwischenmenschlichen Beziehungen oder in dem sozialen Bezugssystem (auch beruflich) selbstverantwortlich anzupacken. Eine riesige emotionale Abhängigkeit verbietet es, die notwendigen Schritte zu einer schmerzlichen, aber heilsamen Kur zu unternehmen.
Fallspezifische Formulierung der Funktionsanalyse:
Frau E. benötigt das Trinken, um in ihrer Welt bleiben zu können und um immer wieder mit sich selbst einig zu werden. Eigentlich kann sie sich als Trinkerin und mißhandelte, gedemütigte Frau nicht mehr ertragen und Ihr Leben ebenso wenig. Trinken schützt sie vor Verlust einer miserablen Welt, die immer noch besser ist als gar keine.
4.3.4 Formulierung der Therapieziele bei chronischem Alkoholismus
Gesamtziel:
Das Gesamtziel ist, die emotionale, kognitive und soziale Kompetenz des Patienten so zu fördern, daß er genügend Impulssteuerungsfähigkeit, genügend Toleranz schmerzhaften Gefühlen gegenüber und genügend Problemlöse- und Handlungskompetenz hat, um seine Problem zu meistern, so daß Selbsteffizienzerfahrung in seinem Erleben dominiert und damit eine Befreiung aus seiner emotionalen Abhängigkeit gegeben ist.
Teilziele:
1. körperlicher Entzug
2. Bedingungswissen vermitteln, ein individuelles Störungsmodell erstellen
3. Alkoholabstinenz
4. Rückfallmeisterung: Rückfallsituationen sollen mit Alkoholkonsum inkompatible Reaktionen auslösen
5. Umgang mit aversiven Gefühlen lernen (Aufbau emotionaler Kompetenz)
6. Aufbau kognitiver Kompetenz
7. Aufbau sozialer Kompetenz (Umgang mit Bezugspersonen lernen, diese einbeziehen)
Fallspezifische Formulierung der Therapieziele:
Gesamtziel: Frau E. soll in der Lage sein, sich aus der quälenden Situation ihrer Ehe zu befreien. Sie soll in der Lage sein, mit Problemen meisternd umzugehen und wo eine Situation nicht handelnd zu meistern ist, diese kognitiv neu einzuschätzen und die übrig bleibenden schmerzlichen Gefühle tolerieren zu können. Und sie soll lernen, sich positive Lebensbereiche und -beziehungen aufzubauen.
Teilziele:
1. Frau E. soll zunächst körperliche entzogen werden.
2. Frau E. soll danach abstinent bleiben.
3. Frau E. soll auf Rückfallsituationen vorbereitet werden.
4. Frau E. soll lernen mit ihren Gefühlen umzugehen, damit sie diesen nicht mehr ausgeliefert ist.
5. Frau E. soll lernen, Streitsituationen mit ihrem Mann zu meistern.
6. Frau E. soll lernen, an Probleme durch kognitive Lösungsstrategien heranzugehen.
4.3.5 Formulierung des Therapieplans
Gesamtstrategie:
Die Gesamtstrategie besteht bei Alkoholerkrankungen meist darin, zunächst den Umgang mit Abstinenz und Rückfällen und dann mit Gefühlen und Problemen in wichtigen Beziehungen zu üben. Schließlich wird versucht, zunehmend positive Aspekte in das Leben des Patienten zu bringen, dies sowohl hinsichtlich positiver Selbstwahrnehmung als auch hinsichtlich befriedigender Beziehungsgestaltung.
Geplante Therapieschritte:
a) stationäre Entzugsbehandlung (1 - 2 Wochen)
b) Informationsvermittlung
c) bedingungsanalytische Gespräche
d) Techniken der kognitiven Umstrukturierung (fallspezifisch ausformuliert...)
e) Elemente der kognitiven Therapie (fallspezifisch ausformuliert ...)
f) Selbstkontrolltechniken
g) Problemlösetraining
h) Entspannungstraining, Gefühls- und Körperwahrnehmung
i) Streßbewältigungsstrategien
j) Aktivitätenaufbau
k) Training sozialer Kompetenz und Kommunikationstraining
l) Familientherapie, Einbeziehung von Bezugspersonen
Fallspezifische Formulierung des Theapieplans
Gesamtstrategie: Frau E. werden zunächst Techniken vermittelt, die ihr helfen sollen, trocken zu werden und zu bleiben. Dann wird parallel der Umgang mit Gefühlen und mit den schwierigen Situationen mit ihrem Mann geübt. Schließlich werden ihre Kompetenzen zum Aufbau positiver, befriedigender Aspekte in ihrem Leben eingesetzt.
Geplante Therapieinterventionen:
a) stationärer Entzug im Kreiskrankenhaus
b) Abstinenz-Vertrag mit Vereinbarung und Etablierung von Stimuluskontrolltechniken
c) rückfallprophylaktische Vorbereitungsübungen (rechtzeitiges Erkennen von Rückfallstimuli, rechtzeitiges Erkennen von frühen Rückfallreaktionen und Aufbau von inkompatiblem Verhalten)
d) Situations- und Verhaltensanalyse der Streitigkeiten mit ihrem Mann. Üben von Umgang mit Gefühlen und von sozial kompetentem Verhalten in diesen Situationen im Rollenspiel
e) Üben von kognitiven Problemlösestrategien, um Probleme vorausschauend lösen zu können
f) Frau E. wird angeleitet, sich einen positiven Lebensbereich aufzubauen, in den ihr niemand hineinreden kann und darf.
Literatur:
Theorie: Mann u. Buchkremer (1998), Schneider R. (1982, 1985, 1989), Sulz (1991c), Watzl und Rockstroh (1997)
Therapie: Edwards (1986), Feldhege (1980), Jacobs (1988), Lindenmeyer (1999), Petry (1985), Wilcken und Rochow (1999)
aus Sulz: Verhaltensdiagnostik und Fallkonzeption. München: CIP-Medien 2000



