- Kapitel 5 aus Sulz: Sisyphus Jeder hat seine Wut im Bauch
Jeder Mensch hat seine Wut. Es ist zugleich verblüffend und bei näherem Bedenken doch wiederum naheliegend, daß ich das, was für mich das Schlimmste wäre, aus größter Wut meinem Gegner antun möchte. Wer Vernichtungsangst hat, will vernichten. Wer Trennungsangst hat,verspürt einen starken Trennungsimpuls. Wer Angst vor Kontrollverlust hat, gerät außer sich (d.h., außer Kontrolle) vor Wut oder wird sich des anderen bemächtigen, so daß er ihn völlig unter Kontrolle hat. Wer Angst vor Liebesverlust hat, straft mit Liebesentzug. Wer Angst vor Selbstverlust in der Hingabe hat, zwingt den andern zu einer sich ausliefernden Hingabe und zum Selbstverlust. Wer Angst vor Gegenaggression hat, ahndet den Angriff mit entwaffender, depotenzierender Schärfe. All das natürlich nur aus der Position des Stärkeren. Denn ist der andere der Stärkere, so verfalle ich statt dessen in meine Angst vor eben diesem Schicksal, das ich dem anderen in meiner Wut angedeihen lassen möchte.
Fassen wir kurz zusammen. Die 7 wichtigsten Wutimpulse sind:
- Wut 1: Ich will vernichten (auslöschen, nicht-existent machen).
- Wut 2: Ich will Trennung - wie die Guillotine( weggehen, verlassen, allein lassen, wegschicken).
- Wut 3: Ich will explodieren: Kontrolle über die eigenen aggressiven Impulse weglassen
- (außer sich vor Wut geraten, rücksichtslos werden),
- Wut 4: Ich will dich quälen: Kontrolle auf aggressive Weise ausüben, so daß der andere völlig ausgeliefert ist (Sadismus).
- Wut 5: Ich will dir meine Liebe entziehen: Die Luft zum Atmen wegnehmen (Unmut, Ablehnung, Kritik).
- Wut 6: Ich will dich hörig, abhängig machen (Mißbrauch: Hingabe des andern mißbrauchen)
- Wut 7: Ich schlage zurück (Gegenaggression - den Angreifer angreifen - Rache).
Hauptadressat ist keineswegs unser größter Feind. Vielmehr sind wir am häufigsten und intensivsten auf unsere nahen Bezugspersonen wütend. D.h. auf diejenigen Menschen, die wir lieben. Oder von denen wir geliebt werden wollen. Und deshalb erschrecken wir über unseren Impuls. Wir sind entsetzt über uns selbst. Wie kann ich nur so einen Impuls einem Menschen gegenüber haben, den ich doch liebe und der mich auch liebt? Dabei sind diese Wut und der zugehörige Impuls nichts als die für meinen emotionalen Entwicklungsstand charakteristische Wutreaktion. Millionen von Menschen reagieren wie ich. Und Millionen von Menschen führen diesen Impuls niemals aus - wie ich. Kinder glauben jedoch an die magische Macht von Gedanken und Gefühlen. Und sie glauben, daß sie das wirklich tun könnten. Wenn ihre Eltern durch heftige Gegenreaktion diesen Glauben bestätigen, so müssen Kinder alles in ihrer Kraft Stehende tun, um ihre Wut "wegzumachen" (siehe Kapitel 9: Gefühle).
So, wie es in der Physik den Satz von der Erhaltung der Energie gibt, gibt es in der Psychologie den bisher nicht ausgesprochenen Satz von der Erhaltung der Aggression. Jede Aggression, die uns von der Geburt an angetan wird, wird in uns gespeichert wie in einem Akku. Wird dieser nicht laufend entladen, d.h. die Aggression wieder an die Umwelt zurückgegeben, so entsteht ein erhebliches und schließlich gefährliches Aggressionspotential. Aggressive Kinder und Jugendliche geben nur das an die Gesellschaft zurück, was diese ihnen ungebeten zuteil werden ließ. So formuliert, ist das jedoch nicht exakt genug. Denn unsere Gesellschaft hat diesen Kindern nicht direkte Gewalt angetan. Sie hat nur die Eltern als Gewalttäter gesetzlich geschützt. Sie hat nur unterlassen, dafür zu sorgen, daß solche eklatanten Erziehungsmißstände nicht mehr auftreten können. So, wie bis vor kurzem vergewaltigende Ehemänner gesetzlich geschützt waren.
Jede Jugendstrafe sollte deshalb gerecht zwischen Gesellschaft, Eltern und Jugendlichem verteilt werden. D.h., der Jugendliche sitzt ein Drittel der Strafe ab, ein Drittel seine Eltern und ein Drittel der Bürgermeister oder Landrat oder Landtags- oder Bundestagsabgeordnete.
Natürlich wird es manchmal sichtbar, wenn Kindern körperliche Gewalt angetan wird. Doch die psychische Gewalt, die in gut situierten Familien auf wehrlose Kinder ausgeübt wird, wird nicht geahndet. Weder die Eltern noch unsere Gesellschaft haben da ein Unrechtsbewußtsein.
Bereits in den Zehn Geboten ist das Unrecht angelegt: Das vierte Gebot verlangt: " Du sollst Deinen Vater und Deine Mutter ehren, auf daß Du lange lebest und daß Dir's wohl gehe" - um der göttlichen Ordnung willen. In der Tat würde das Mißhandeln der Eltern der Barbarei die Tür öffnen. Insofern schützt das Gebot zunächst eine irdische Ordnung - die Jungen bleiben regierbar, selbst wenn sie körperlich überlegen sind. Daß aber das fehlende Gebot "Du sollst Deine Kinder ehren, auf daß Du lange lebest und daß Dir's wohl gehe" mindestens so viel Barbarei verhindert hätte, ist den Propheten verborgen geblieben. So waren sie auch nicht in der Lage, ihrem Volk über die irdische Ordnung hinaus zu einer wirklich göttlichen Ordnung zu verhelfen. Die unzähligen miserablen Beziehungen zwischen erwachsenen Kindern und ihren alt gewordenen Eltern belegen das Versäumnis der Bibel. Denn wer Haß sät, wird Haß ernten. Zumindest wird er lieblos ins Altenheim abgeschoben und muß seine letzten Jahre in einem Altenpflegeheim eingepfercht dahinsiechen. Das lange Leben ist wohl durch das vierte Gebot inzwischen gesichert, mangels der weggelassenen zweiten Hälfte dieses Gebotes ist damit aber kein Wohlergehen verbunden, sondern das Gegenteil. Jeder trägt seine Ernte nach Hause, nicht mehr als diese. Was ich nicht gesät habe, kann ich nicht ernten. Liebe, die ich nicht gesät habe, als meine Kinder noch klein waren, kann ich heute nicht ernten, so dringend ich sie auch brauchte. Da bleibt mir nur, meine Pflegeversicherung zu bezahlen. Denn die Wut der Kinder bleibt bis ins Erwachsenenalter erhalten.
Eltern machen einen doppelten Fehler: Zum einen mißachten sie die natürlichen Bedürfnisse ihrer Kinder und erzeugen auf diese Weise in diesen viel Wut. Zum andern verhindern sie, daß diese Wut sich wieder entladen kann. Ihre Kinder werden nach außen aggressionsgehemmte Menschen, damit sie in ihrem Leben doch noch von der Liebe etwas abbekommen, die ihnen ihre Eltern vorenthalten haben. In ihrem Innern aber ist ein sich ständig weiter aufladender Akku, prallvoll geladen mit Wut oder gar Haß. So viel Wut, daß nur Angst und Ängstlichkeit sie in Schach halten können. Droht sie eines Tages doch durchzubrechen, müssen rigorose Symptombildungen die Umwelt schützen. Manchmal muß eine Psychose entstehen oder Krebs, manchmal kann nur ein Selbstmord verhindern, daß die mörderische Wut über die anderen Menschen hereinbricht. Nur wenige leisten sich aggressive Impulsdurchbrüche, die prompt zur Einweisung ins psychiatrische Krankenhaus führen. Manche können wenigstens im Vollrausch etwas von ihrer Aggression loswerden.
Ist das Bombenwerfen die gesund erhaltende Alternative? Sie erzeugt ja wieder Aggression bei den Bombenopfern. Die Bombe zu entschärfen wäre der richtige Weg. Und zugleich zu verhindern, daß der Akku von neuem geladen wird. Der doppelte Fehler der Eltern führt zu einer doppelten Aufgabe: Einerseits die alte aufgestaute Wut entsorgen, andererseits den Akku-Mechanismus, der wieder eine neue Bombe aufladen würde, außer Funktion setzen. D.h., nicht mehr wie bisher Wut hinunterschlucken, sondern prompt Unzufriedenheit und Ärger adäquat äußern. Doch eine Entschärfung dieser Bombe scheint nicht in Sicht. Sie wäre aber dringend nötig, um zu einer neuen individuellen Lebensqualität und einer neuen sozialen Qualität unserer Gesellschaft zu finden.
Es kann sein, daß Sie Ihr ganzes bisheriges Leben lang Ihre zentrale Wut aus Ihrem Bewußtsein fern gehalten haben, daß Sie versucht haben, Ihr Leben so einzurichten, daß diese Wut nicht auftritt. Manche Menschen können das so perfekt, daß sie sich für durch und durch friedlich halten und sich in Sicherheit wiegen vor ihrer Aggression völlig, diese Wut nicht mehr kennen. Dann ist es schwerer, sie herauszufinden. Manchmal helfen nur Träume, die wiederholt ähnliche aggressive Szenen darstellen. Oder körperliche Haltungen, Bewegungsmuster, bzw. Beschwerden.
Ihre Phantasie führt Sie vielleicht mit Hilfe Ihres Körpers zu Ihrem körperlichen Ausdruck von Wut und zu Ihrem Handlungsimpuls aus Wut:
Stellen Sie sich in die Mitte eines Raumes, etwa 120 cm von allen Gegenständen entfernt, so daß genügend Platz für ausladende Bewegungen bleibt.
Nun können Sie sich mit geschlossenen Augen vorstellen, daß Sie einen Ihnen leicht unterlegenen Gegner haben, der auf eine gemeine, niederträchtige Art gegen Sie und Ihre Familie vorgegangen ist, Sie z.B. bestohlen, betrogen hat und nun dabei ist, Sie auf eine böse Art zu denunzieren, ohne daß Sie das Gegenteil beweisen könnten. Sie sind aufs äußerste empört, voll Zorn und in einem Maße wütend, daß Sie nicht tatenlos bleiben können. Sie sind entschlossen, gegen ihn vorzugehen, Sie können sich das nicht weiter gefallen lassen. Diesem Treiben muß sofort ein Ende gesetzt werden. Nun steht er vor Ihnen. Noch ehe Sie ihm etwas sagen können, fängt er mit der nächsten hinterhältigen Lüge an, wirft Ihnen genau das vor, was er Ihnen angetan hat. Das steigert Ihre Wut ins Unermeßliche und sie greifen ihn einfach körperlich an. Er soll jetzt am eigenen Leib spüren, was er anderen Menschen antut.
Phantasieren Sie weiter. Welche Körperhaltung haben Sie inzwischen eingenommen? Verstärken Sie diese Haltung. Welche Bewegung will entstehen? In welchem Bereich Ihres Körpers spüren Sie eine zunehmende Spannung, die sich durch welche Bewegung entladen will? Versuchen Sie, diese Spannung zu intensivieren, die durch sie entstehende Körperhaltung deutlicher, drastischer zu machen. Und führen Sie die Bewegung jetzt aus - einfach ins Leere. Es ist niemand da, den Sie dadurch verletzen könnten. Wiederholen Sie diese Bewegung, kraftvoller, energischer, wütender. Und noch einmal. Und noch ein viertes und ein fünftes Mal.
Wenn Sie die Augen geöffnet haben, schämen Sie sich vielleicht oder haben ein schlechtes Gewissen. Dabei ist der Handlungsentwurf eines körperlichen Angriffs im Gehirn jedes Menschen gespeichert. Allerdings gibt es individuell verschiedene Angriffsmuster: spucken, schreien, beißen, treten, zertreten, einstampfen, mit der Stirn wegschieben, mit dem Kopf (rein-)rammen, kratzen, packen, rütteln, wegstoßen, schlagen, zerschlagen, würgen, zerdrücken, zerreißen, zerschmettern, zu Boden werfen, ins Gesicht schlagen und erstechen sind typische körperliche Ausdruckformen von Wut.
Versuchen Sie ruhig alle Varianten durch - am besten mit geschlossenen Augen, um sich Ihrer strengen Selbstkritik zu entziehen. Falls dieser Gegner kein Mensch und kein Lebewesen sein darf, so phantasieren Sie z.B. einen Toaster, einen Eierkocher, einen Wecker, ein Telefon, einen Computer oder einen sonstigen Automaten, der Sie einfach rasend wütend macht und demgegenüber Sie handgreiflich werden.
Bekommen Sie Angst, daß aus dieser Wahrnehmungsübung unkontrollierbarer Ernst werden könnte? Wie kommen Sie auf diese Idee? Sind Sie sich Ihrer Kontrolle und Selbstbeherrschung so unsicher? Wie kommen sie dazu, daß auf Sie so wenig Verlaß ist? Sind Sie etwa wegen körperlicher Gewaltanwendung vorbestraft? Wenn nicht, so tragen Sie seit Ihrer Kindheit ein falsches Selbstbild mit sich herum, das Sie dazu gebracht hat, Gefühlen wie Ärger und Wut aus dem Weg zu gehen. Und wenn Sie von Kindesbeinen an Ihre natürliche Aggression unterdrückt haben, so haben Sie dieser Seite Ihrer Vitalität keine Chance gegeben, sich zu zivilisieren, vom Handgreiflichen zum Sprachlichen überzugehen. Wer aber wegen Unzivilisiertseins in einen dunklen Kerker eingesperrt bleibt, kann ebensowenig zivil werden wie ein bissiger Hund, der im Zwinger eingeschlossen wird. Der erste Schritt zur Zivilisierung Ihrer Aggression ist also das Öffnen der Kerkertür. Und dies ist ein spannender Moment.
Wird es Mord und Totschlag geben oder friedliche Versöhnung? Wird die Welt meine Wut aushalten können, oder sind die Menschen um mich herum so zerbrechlich, daß ich an ihnen nicht wiedergutzumachenden Schaden anrichte? Ich werde also neben meinem Selbstbild auch mein Weltbild ändern dürfen: Die Welt hält mehr aus, als ich bisher dachte. Sie ist nicht aus Porzellan. Und sie ist nicht so nachtragend, wie ich dachte. Ein Gewitter macht gute Luft. Meine Beziehungen werden besser. Und ich fühle mich klarer, ehrlicher und freier.
Nach einigen Patzern, bei denen ich mich im Ton erheblich vergriffen habe - und mich gebührend entschuldigt - werden meine Verteidigungen und Angriffe zunehmend situationsadäquat. Es bleibt in mir danach kein Vorbehalt gegen die andere Person. Ich kann sie wieder mehr mögen und akzeptieren. Es ist keine chronisch unterdrückte Wut mehr da, die einen Schatten auf unsere Beziehung wirft. Ich werde durch die Befreiung meiner Wut fähig zur Liebe. Und diese ist nicht mehr das zaghaft brennende Lichtlein, das beim leisesten Hauch erlischt. Es ist eine kräftige Flamme, die auch einem vorübergehenden kräftigen Wind standhält - notwendige Auseinandersetzungen liefern ihr sogar mehr Sauerstoff, so daß sie leuchtender brennt. Mit dieser Zuversicht können wir unseren Mitmenschen unsere neue Konfliktfreude zumuten und bei unseren Kindern Streitlust zur Tugend werden lassen. Wir dürfen allerdings nicht vergessen, eine neue Generation von Lehrern und Erziehern gründlich auszubilden. Denn die alte Generation trägt wie wir die Bomben in der Hosentasche, die Lunte hängt heraus. Zündelnde Kinder bedrohen sie so sehr, daß sie diesen absolute Aggressionshemmung aufbürden müssen - damit der Lehrer seine Bombe vor der Explosion schützen kann. Und so werden sie unsere Kinder wieder zu denselben Hosentaschenbombenträgern erziehen, wenn wir Eltern es nicht längst vorher schon getan haben. Und ein Kollektiv von Bombenträgern kann sich nur helfen, wenn es auf den nächsten Krieg zusteuert. Nicht gleich - erst wenn die Bomben nicht mehr in die Hosentaschen passen. Das kann lange dauern, wie man am Beispiel des ehemaligen Jugoslawien sieht. Das Teuflische daran ist, daß wir durch unsere bewußte Friedfertigkeit und unseren Pazifismus, d.h., durch unsere Aggressionsfeindlichkeit, die Wut-Akkus aufladen und dadurch genau das Gegenteil dessen erreichen, was wir bewußt wollten. Jedes Symptom führt letztendlich just zu dem Ereignis, zu dessen Verhinderung es erfunden wurde:
Friedliebe - Friedenskampf - Aggression bekämpfen - Wut niederdrücken - wütend machen - Haß pflanzen - Bomben bauen - Krieg führen - Frieden stiften - Friedliebe etc.
Ist also Friedliebe das Symptom? Ja, denn es impliziert das Nicht-Lieben des Unfriedlichen, des Wütenden. Das ist ungerecht und macht Wut. Wer Liebe zum emotionalen Überleben braucht, muß seine Wut unterdrücken, d.h., sie in den Akku packen und so eine Bombe aufladen. Wann kann ich endlich lernen, meine Wut zu lieben und meine wütenden Kinder zu lieben? Was der Gewinn wäre? Mindestens wird in meinen Hosentaschen genügend Platz sein für meine Taschentücher.
Literaturempfehlung zum Thema Wut
- Serge K. D. Sulz: Als Sisyphus seinen Stein losließ - Oder: Verlieben ist verrückt. München: CIP-Medien
- Serge K. D. Sulz: Praxismanual: Strategien der Vernäderung von Erleben und Verhalten. München: CIP-Medien (mit Arbeitsblättern zum Umgang mit Wut)
- Serge K. D. Sulz: Von der Strategie des Symptoms zur Strategie der Therapie. München: CIP-Medien (mit Kapiteln über Wutregulation und -therapie)
- Weitere Literatur